Erdenspuren in Duisburg

Zwei Städte, wie sie gegensätzlicher kaum gedacht werden könnten: Königsberg und Duisburg. Wohl eher dem Zufall war geschuldet, daß der historisch unmarkante westdeutsche Industrie-„Standort“ nach 1945 zur „Patenstadt“ für Ostpreußens Hauptstädter geworden ist. Gleichwohl entstand dort, innerhalb des stadtgeschichtlichen Museums, ein Fundus von Erinnerungsstücken an Immanuel Kant, der den Verlust des Königsberger „Kantzimmers“ ein wenig ausgleichen sollte. Mittlerweile verfügt das Duisburger „Museum Stadt Königsberg“ über „eine der umfangreichsten Kant-Sammlungen in Deutschland“. Es war daher nur konsequent, die Schätze im 200. Todesjahr des Philosophen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wer den Weg an Rhein und Ruhr scheut, kann jedoch anhand eines prächtigen Katalogs Kants „Erdenspur“ umblätternd verfolgen. Zahllose Farbreproduktionen vermitteln einen kulturgeschichtlich facettenreichen Eindruck von den Lebensumständen des „Alleszermalmers“ im Jahrhundert Friedrich des Großen, und sie dokumentieren auch breit die Geschichte seines erst im 20. Jahrhundert zu voller Blüte gekommenen Nachruhms, der bis in das bizarre Interesse an Kants Schädel und Totenmaske zu verfolgen ist. Natürlich zählt zu diesem Nachruhm auch die Funktionalisierung des Denkers zu politisch-weltanschaulichen Zwecken. Die abgedruckte Festrede zur Ausstellungseröffnung der Hamburger Philosophin Birgit Recki liefert dafür den Beleg. Recki vereinnahmt Kant, der keine hohe Meinung von der Demokratie hatte, für eine Art FDP-Philosophie, die den „großen liberalen Denker“ gegen den „Versorgungsstaat“ in Stellung bringt – was sich aus dem Munde einer rundum versorgten Professorin ebenso komisch ausnimmt wie die Berufung einer im modischen Diskurs über „Benjamin, Adorno, Cassirer“ reüssierenden Konformistin auf Kants Autorität im Kampf gegen „Anpassung“ und „Karriere-Opportunismus“. Abgesehen von diesem plumpen Zugriff bietet die wissenschaftliche Begleitung des opulenten Bildbandes keinen Anlaß, seine Anschaffung zu scheuen. Lorenz Grimoni, Martina Will (Hrsg.): Immanuel Kant. Erkenntnis – Freiheit – Frieden. Katalog zur Ausstellung anläßlich des 200. Todestags am 12. Februar 2004. Husum Verlag, Husum 2004, 256 Seiten, Abbildungen, 19,95 Euro

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