Epigonal

Das Jammern der Musikbranche, der Staat möge ihr doch bitte sehr jene Rahmenbedingungen schaffen, unter denen sie endlich wieder einmal die Gewinnerwartungen der Kapitalgeber erfüllen kann, hält an. Striktere Durchsetzung von „Urheberrechten“ und laxere Bestimmungen für Fusionen – an autoritären Forderungen einer ansonsten doch so locker daherkommenden Industrie ist kein Mangel. Zu fragen ist jedoch, ob eine ökonomische Betrachtung tatsächlich ausreicht, um die Krise der Branche zu erklären. Es könnte zum Beispiel auch sein, daß ihr schlichtweg die Fähigkeit abhanden gekommen ist, neue Moden anzustoßen oder sich wenigstens an Ideen, die in irgendwelchen Nischen entstehen, anzuhängen. Vielleicht bietet das, was es zu verkaufen gilt, aber auch gar nicht mehr diese Chance auf etwas wirklich Neues. Eine solche Vermutung drängt sich jedenfalls auf, wenn man sich mit jener Band befaßt, der in diesen Wochen die allerschwülstigste, in den höchsten Jubeltönen schwelgenden Kritiken gewidmet sind. The Libertines verlegen sich auf einen ungeschliffenen Gitarrensound mit impulsiven Songs, die den Eindruck vermitteln, als hätten sie sich eher in einer Session treiben lassen als den Regeln industrieller Albumproduktion genügen wollen. Was, wenn es ausgeführt worden wäre, vielleicht wie ein lapidarer Ohrwurm klänge, bewahrt auf diese Weise die Qualität eines Fragments, hinter dem ewige Talente vermutet werden dürfen. Da sie solches Material mit der lapidar „The Libertines“ (Rough Trade) getauften CD nun schon zum zweiten Mal veröffentlichen, ist es nicht unfair, davon auszugehen, daß dies der Stil sein soll, mit dem sie sich am Markt zu bewähren haben. Nun mag es zwar sein, daß sie wirklich so voraussetzungslos und so getrieben von dem Bedürfnis, der eigenen Befindlichkeit einen unverfälschten Ausdruck zu geben, ans Werk gehen, wie manche sich ihr Zeilenhonorar mutig erschreibenden Adepten des Popgeniekults glauben machen wollen. Neue Wege beschreiten The Libertines dennoch nicht, dazu scheint der Rekurs auf das Individuum in seiner vermeintlichen Unverwechselbarkeit keine ausreichenden Ressourcen bereitzustellen. Bis ins kleinste Detail ist alles schon irgendwo einmal gehört worden, und daher ist die Eloge, die Musiker träten in die Fußstapfen ausgerechnet der Strokes, als unfreiwilliger Hinweis zu deuten, daß man es hier mit einer Band zu tun hat, die vielleicht nur deshalb so unbeschwert aufspielt, weil sie um ihr Epigonentum nicht weiß. Die Bezüge weisen bis in die Urzeiten des Genres zurück – vom sozusagen antikisierenden Bemühen, den unsauberen Sound des Velvet Underground nachzubauen, bis hin zu der gequälten Anstrengung, die Spontaneität und die vermeintliche Frische des Punk wieder auferstehen zu lassen. Auch der sich um die Drogeneskapaden ihres Sängers Pete Doherty rankende Klatsch liest sich daher eher als der soundsovielte langweilige Neuaufguß des Bestrebens, Kunst und Leben auf bescheidenem Niveau zu versöhnen, denn als ein Fingerzeig auf eine Musik, hinter der ihre Schöpfer mit existentiellem Ernst stünden. Wie wenig erfrischend es zudem ist, zu den Quellen zurückzukehren, lehrt – wahrscheinlich unbeabsichtigt – der von John Savage zusammengestellte Sampler „England’s Dreaming“ (Trikont) – sozusagen der Begleittonträger mit Hörproben zu seinem gleichnamigen Standardwerk über die Geschichte des Punk. Sicherlich hatte diese „Bewegung“ ihren Platz in der dialektischen Entwicklung der Rockgeschichte, und man möchte sie schon aufgrund ihrer zeitlosen Kernbotschaften nicht missen. Man raubt ihr jedoch ihren Nimbus, wenn man vor lauter Nostalgie das, was sie musikalisch letztendlich zustande brachte, der Vergessenheit entreißt.

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