Ein Friede, der nicht Versklavung bedeutet

Der über 90jährige Bundesvorsitzende des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold – Bund aktiver Demokraten“, Volkmar Zühlsdorff, einstiger Geschäftsführer der New Yorker Deutschen Akademie im Exil sowie derzeitiger Ehrenvorsitzender des Freien Deutschen Autorenverbandes (FDA), war zum 4. „Herrschaftsfreien Dialog“ des Altherrenverbandes der Münchner Burschenschaft Danubia angekündigt, mußte aber wegen Erkrankung kurzfristig absagen. Statt dessen stellte sich der frühere Regierungssprecher von Hessen unter Ministerpräsident Wallmann, Ernst Martin, der jahrzehntelang auch als Journalist berufstätig war (u.a. beim Sender Freies Berlin und in Gerhard Löwenthals ZDF-Magazin), dem Thema „Patriotismus und Emigration“. Martin, heute Verleger und PR-Berater in Berlin, war von Moderator Bernd Kallina als Ersatzredner gebeten worden, weil er Zühlsdorffs Lebensgeschichte in einem Film über „Das andere Deutschland“ für die Deutsche Welle eindrucksvoll visualisiert hatte. Außerdem verlegte Martin 1999 Zühlsdorffs Buch „Deutsche Akademie im Exil – Der vergessene Widerstand“. Zum Auftakt der Veranstaltung im Kneipsaal der Burschenschaft Danubia wurde der Film „Das andere Deutschland“ gezeigt, der die Anwesenden rasch ins Thema einführte: Die Weimarer Republik lag in Agonie. Mit letzter Kraft verteidigte das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ die parlamentarische Demokratie gegen ihre nationalsozialistischen und kommunistischen Zerstörer. Das Reichsbanner zählte zuletzt 3,5 Millionen Mitglieder. Der von Sozialdemokraten 1924 ins Leben gerufenen paramilitärischen Massenorganisation trat, vom Zentrum kommend, Hubertus Prinz zu Löwenstein (1906-1984) bei. Er wurde Jugendführer mit Zühlsdorff als Stellvertreter. Der „rote Prinz“, dem die Nationalsozialisten aus begreiflichen Gründen nicht grün waren, floh vor dem NS-Terror nach Tirol. Dort entwickelte er mit Zühlsdorff, zuvor noch Zeuge der berüchtigten Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz, das Konzept einer Akademie der emigrierten Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler, „die zusammen mit den 35 Millionen Deutschen, die es außerhalb der deutschen Grenzen gab, ein geistiges Reich des wahren Deutschland formen sollten, und zwar in Freiheit“. Zum Sitz der „Deutschen Akademie im Exil“ erkor man New York. Die Mittel beschaffte man über die American Guild for German Cultural Freedom, die von prominenten Amerikanern und einflußreichen Organisationen gesponsert wurde. Für die Funktion des Präsidenten gewann man Thomas Mann, als Generalsekretär fungierte, von Zühlsdorff assistiert, der Prinz. Den Vorsitz der Wissenschaftlichen Klasse übernahm der Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud, der sich 1938 in London niedergelassen hatte. Das Europäische Sekretariat der Exil-Akademie befand sich in Paris, vergab Stipendien und unterstützte die Bedürftigen. Insgesamt hatten mehr als eine halbe Million Deutsche ihr Vaterland aus Gründen der politischen oder rassischen Verfolgung verlassen, unter ihnen viele Wissenschaftler, Schriftsteller, Künstler, Musiker, Theater- und Filmleute. Sie wurden von der Exil-Akademie erfaßt und betreut. Der Verlauf des Krieges erzwang die Verlagerung nach Amerika. Dort aber mußte sich die Exil-Akademie mangels Spenden auflösen. Ihre Mitglieder organisierten sich im Council for a Democratic Germany, das am 3. Mai 1944 von dem Theologen Paul Tillich gegründet wurde und im „Manifest zur demokratischen Erneuerung“ das Selbstbestimmungsrecht der Völker auch für das zu besiegende Deutschland forderte: „Es wäre verhängnisvoll für die Zukunft ganz Europas, wenn Deutschland politisch und wirtschaftlich zerrissen würde.“ Unter den 65 Exilanten, die das Manifest unterzeichneten, befanden sich viele Mitglieder der Akademie. Die vom Exilrat erwartete Erhaltung der deutschen Produktivkräfte kollidierte mit dem Konzept des US-Unterstaatssekretärs Henry Morgenthau, der eine Aufteilung des Reiches unter ausgedehnten Abtrennungen, Demontage der Industrie und die Umwandlung in ein wirtschaftlich lebensunfähiges Agrarland vorsah. In Großbritannien machte die deutschfeindliche Hetzschrift „Black Record“ die Runde, verfaßt von Robert Vansittart. Den völkermörderischen Vorhaben auf alliierter Seite traten die deutschen Exilkreise mit allen Mitteln der Öffentlichkeitsarbeit entgegen: „Deutsche und Nichtdeutsche guten Willens, hier und in Europa, wollen den Frieden, aber es muß ein Friede sein, der nicht neue Versklavung bedeutet, nicht wieder internationales Recht zum Werkzeug der Sieger herabwürdigt“, opponierte Prinz Löwenstein schon 1940 gegen die britische Propaganda. „Die Millionen von Deutschen (…), die sich Hitler niemals unterwarfen, (…) wollen ein freies Europa“, predigte der Prinz 1943. „Sie haben ein Recht darauf, gehört zu werden, und sie haben nicht deshalb den Kampf geführt, damit ihr Reich zerschlagen und an die Stelle des gegenwärtigen ein neues System der Unterdrückung gesetzt wird.“ Im Jahr darauf warnte er: „Polen für Gebietsverluste dadurch zu ‚entschädigen‘, daß man ihm rein deutsches Land im Westen angliedert, wäre eine Verletzung der Atlantik-Charta. Seit 700 Jahren ist Ostpreußen unbestritten deutsch, und es ist im besten Sinne demokratisch fruchtbar gewesen.“ Am Ende des Krieges empörte sich Löwenstein über das Potsdamer Abkommen: „Niemals waren Arroganz, Schamlosigkeit, Verrat von Grundsätzen, Dummheit und Schuld so eng miteinander verflochten … Und dann reden sie noch von einem ‚gerechten Frieden‘! Das ist bewußter Betrug am amerikanischen Volk, das all dies, wäre die ganze Wahrheit offenbar, nicht hinnehmen würde.“ Betrug am amerikanischen Volk – das entsprach in der Tat der vollen Wahrheit, enthüllt Zühlsdorff: „Heute wissen wir, daß der Morgenthauplan eigentlich ein Stalinplan war. Morgen-thaus engster Mitarbeiter Harry Dexter White, stellvertretender Finanzminister, stand in sowjetischen Diensten, er beging später, als dies offenbar wurde, Selbstmord. Durch einen hochrangigen Sowjetagenten aus dem US-Kriegswirtschaftsrat, Nathan Gregory Silvermaster, erhielt er Instruktionen aus Moskau über die Deutschlandpläne des Kreml, die er sofort an Morgenthau weiterreichte. Sie entsprachen genau dem späteren Morgenthauplan.“ Roosevelt aber segnete den Plan ab und setzte auf der Konferenz von Quebec am 14. September 1944 die Annahme auch bei den Briten durch. Churchill, der zunächst meinte, der Plan würde England „an eine Leiche ketten“, akzeptierte ihn, als ihm Morgenthau eine Anleihe von sechs Milliarden Dollar bot. Als sich indes die Nachricht in Amerika verbreitete, ging eine solche Welle des Protestes durch die USA, daß Roosevelt einen Rückzieher machen mußte: Einen solchen Plan gebe es gar nicht, er sei eine Propagandalüge von Goebbels, dazu bestimmt, die Deutschen bis zum bitteren Ende bei der Stange zu halten. 1946 kehrten Löwenstein und Zühlsdorff in das zerbombte und zerstückelte Deutschland zurück. Gemeinsam riefen sie die Bürgerrechtsbewegung „Deutsche Aktion“ ins Leben, begannen 1947 den Kampf um Helgoland, besetzten 1950/51 mit einer Gruppe von Studenten die Insel und erreichten unter Lebensgefahr die Einstellung der britischen Bombenflüge, die drauf und dran waren, das Eiland zu zertrümmern. Danach setzten sie sich mit Erfolg für die Rückkehr der Saar ein. Prinz Löwenstein wurde FDP-Bundestagsabgeordneter, stärkte später die Deutsche Partei und schloß sich 1958 der CDU an. Zühlsdorff war von 1952 bis 1956 politischer Redakteur der Wochenzeitschrift Die Zeit und anschließend von 1959 bis 1977 Diplomat im Dienste der Bundesrepublik Deutschland. Den Abschluß des Herrschaftsfreien Dialogs bildete eine szenische Lesung aus Zühlsdorffs Briefwechsel mit Hermann Broch aus den Jahren 1945 bis 1949, veröffentlicht 1987 im Frankfurter Suhrkamp Verlag. In einer wohlwollenden Rezension der Hannoversche Allgemeine Zeitung hieß es mit Blick auf Zühlsdorff: „Für ihn ist es eine Frage der Perspektive, was der Beobachter in Deutschland sieht. (…) Wer in Deutschland den Kern des Volkes sucht, das groß durch Dienst und Liebe durch die Jahrtausende christlicher Geschichte geschritten ist, der wird das ewige Antlitz Deutschlands finden, auf dem die Hoffnung der Zukunft ruht; und wer die Nazis und die Spuren des Nationalsozialismus und Antisemitismus sucht, der wird diese finden.“

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