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Ebenso unzeitgemäß wie sympathisch

Die Niederlagen in zwei Kriegen haben die Deutschen gründlich kuriert von jeder Anfälligkeit für jegliche Form der Heldenverehrung. Mit ihrer Skepsis gegenüber dem Heldentum sind sie soweit gegangen, daß ihnen selbst die Heldentenöre abhanden kamen. Das ist zumindest für Wagnerianer und solche, die es werden wollen, eine fürchterliche Übertreibung. Denn es gibt nicht einmal mehr in Bayreuth Helden. Insofern überrascht es, mit welcher Unbeschwertheit Jürgen Busche in seinem Buch „Heldenprüfung“ vom kriegerischen Genius spricht. Er vermißt Helden, zumindest jene, die wir alle vor vierzig Jahren als heroische Überbleibsel anstaunten wie den Grafen Felix Luckner oder Paul von Lettow-Vorbeck, oder denen wir – Erwin Rommel oder Ernst Udet – auf der Bühne und im Kino vergegenwärtigt begegneten. Helden waren damals für Gymnasiasten noch ein selbstverständlicher Umgang: die Helden Homers, Vergils, des Nibelungenliedes, der deutschen Volksbücher, der Dramen Richard Wagners, aber auch, wer nebenher Französisch lernte, die wortmächtigen Heroen Corneilles und Racines. Die Anerkennung soldatischer Tugend beschränkte sich noch nicht nur auf den Soldaten Marlene Dietrich. Mut, Tapferkeit, Besonnenheit und Beständigkeit, die Tugenden des kriegerischen Genius gehören zu den christlichen Kardinaltugenden und ermöglichen im zivilen Leben die sogenannte Zivilcourage, die unter Umständen das Leben kosten kann. Erst im Zusammenhang mit der Kontroverse um Fritz Fischers Deutung des Ersten Weltkrieges als Deutschlands vorsätzlich geplanter „Griff nach der Weltmacht“ wurden die letzten Reste von Heldenlob und Heldenehrung abgetragen. Wie viele unter denen, die sich vom Führer verführen ließen, machte auch Fritz Fischer „die Geschichte“ für seine ehemalige Schwäche verantwortlich, die militaristischen Strukturen einer imperialistischen Gesellschaft. Weil er kein Held war, durfte es keine Helden mehr geben. Seitdem begann die Entmythologisierung der großen Feldherrn oder verwegenen Krieger. Von Schuld und Verstrickung war unter solchen Voraussetzungen vorzugsweise die Rede. Dabei gibt es kein „Heldenleben“, das davon frei wäre, das macht ja die Tragödie eines Agamemnon, Hektor, Siegfried oder Hagen aus. Mit seiner geistreich unterhaltenden „Heldenprüfung“ führt Jürgen Busche die Älteren, seine unmittelbaren Zeitgenossen, wieder zurück in ihre Jugend und gehorcht damit der Aufforderung des Marquis Posa, die Gestalten, die einen einst begeisterten, auch später wenigstens in Ehren zu halten. Das ist ebenso unzeitgemäß wie sympathisch. Busche prüft seine Erinnerungen, seine Helden und findet, daß er sich damals nicht getäuscht hat oder betrogen wurde, als er sich vom listenreichen deutschen Odysseus, dem Grafen Felix Luckner, „dem Seeteufel“, beeindrucken ließ. Luckner besaß Mut, Energie, Verwegenheit und einen Charme, der zumindest früher eben auch zum Soldaten gehörte. Ernst Udet, ein weiterer Charmeur und verwegener „Ritter“: der Zweikampf im Flugzeug, das Turnier unter ganz neuen Bedingungen, aber nicht minder mythenbildend oder die Einbildungskraft beschäftigend. Busche ist vernünftig genug, Mythisierungen gar nicht entmythologisieren zu wollen. Zu einem Helden gehört sein Mythos, die Ausschmückung um einen Wesenskern, der auch den „Erfindungen“ zu einer inneren Wahrheit verhilft. Denn das Erfundene bestätigt ja nur, was in Herz und Charakter ohnehin vorhanden war. Gerade deshalb konnten „Sieger“, die dennoch zu Besiegten wurden, in ein beziehungsreiches Zwielicht geraten, in dem Busche sie verständnisvoll beläßt. Auch Lettow-Vorbeck, der mit der Unterstützung der Eingeborenen Deutsch-Ostafrika siegreich gegen die Briten behauptete, war 1918 ein Unterlegener, weil das Reich insgesamt besiegt worden war. Und nicht zuletzt Paul von Hindenburg. Busche will an ein „verweigertes Erbe des Ersten Weltkrieges“ erinnern und es als taugliches Erbe zurückgewinnen. Den Ersten Weltkrieg hält er unerschrocken für einen Krieg, in dem die meisten Deutschen dachten, für eine gerechte Sache zu streiten. Den Göttern mag die siegreiche Sache gefallen, Cato und Busche, dem Kenner der Alten und Humanisten, die besiegte. Busche polemisiert nicht, er rechnet weder auf noch ab. Er hält sich an den Rat, den Emerson Historikern gab, nicht zu berichten, was sie gelesen haben, sondern mitzuteilen, was sie wüßten. Ob dies Erbe freilich benötigt wird, steht dahin. Der klassische Soldat und das Heldentum herkömmlicher Art verschwinden allgemach, wenn Truppen privatisiert werden, wenn Söldner als Angestellte gewinnorientierter Sicherheitsunternehmer zunehmend den Soldaten, die letzte Form des Ritters, ersetzen. Der Soldat, die Ehre und das Heldentum gehören allmählich zu einer vergangenen, in der Tiefe der Jahre abgesunkenen Welt. Söldner oder die Techniker „chirurgischer Eingriffe“ haben wohl auch Mut, aber es kommt mehr auf Präzision an, auf Funktionstüchtigkeit, um technisches Versagen des „menschlichen Faktors“ möglichst auszuschließen. Dafür braucht man keine Erinnerung, keine Geschichte und keine heroischen Vorbilder aus der fernen Zeit, als Helden auch Menschen waren, Menschen mit Unzulänglichkeiten und ihrem Widerspruch. Es ist dennoch ein liebenswürdiges Verdienst Busches, seine Helden, die einmal unsere waren, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. „Nur weil es dem Dank sich eignet, / Ist das Leben schätzenswert“, das eigene wie das der anderen. Foto: Signierte Postkarte des Grafen Luckner: Der deutsche Odysseus Jürgen Busche: Heldenprüfung. Das verweigerte Erbe des Ersten Weltkrieges. Deutsche Verlagsanstalt, München 2004, gebunden, 196 Seiten, 18,90 Euro Dr. Eberhard Straub ist habilitierter Historiker und Buchautor. Seine letzten Veröffentlichungen waren „Eine kleine Geschichte Preußens“ (2001) und „Das spanische Jahrhundert“ (2003).

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