Auf Hitler zurückgeworfen

I m Untertitel kündigt Joachim Fest, Publizist, Historiker und langjähriger Herausgeber der FAZ, ein Buch „über nahe und ferne Freunde“ an, doch die Freunde sind vor allem ein Vorwand, um sein Lebensthema neu zu variieren: Es geht ihm, wie er gleich auf der ersten Seite einräumt, um Hitler und die „katalysatorische Macht“, die er auf seine – Fests – Generation ausübte. Joachim Fest gehört dem Jahrgang 1926 an. 1963 erzielte er mit dem Buch „Das Gesicht des Dritten Reiches“, das biographische Essays und Psychogramme der NS-Führer enthält, internationale Aufmerksamkeit. 1973 folgte seine legendäre „Hitler“-Biographie. Als Geschichtsschreibung ist dieses über tausend Seiten dicke Buch teilweise überholt – Fests Darstellung von Hitlers Wiener Zeit zum Beispiel wurde durch Brigitte Hamann einer Totalrevision unterzogen -, doch als Comédie humaine und bedeutendster deutscher Nachkriegsroman nach Golo Manns „Wallenstein“ und Uwe Johnsons „Jahrestage“ bleibt es unangefochten. Fest brachte danach Albert Speers Memoiren in die richtige Form und schrieb eine Biographie über Hitlers Generalbaumeister. 1994 folgte ein Buch über den 20. Juli. Noch in dem italienischen Reisebericht „Im Gegenlicht“ schlägt er von der Zerstörung Syrakus‘ wie selbstverständlich den Bogen zum Finis Germaniae. Sein Buch „Der Untergang“ wurde jetzt zur Vorlage für einen Kinofilm. Fest schreibt kenntnisreich, psychologisierend, die Balance zwischen Empathie und analytischer Distanz haltend. Aber das ist nicht alles und vielleicht nicht einmal die Hauptsache. Fests Bücher verraten eine Passion. Innere und äußere Notwendigkeiten treiben ihn, sein eigenes Leben im Spiegel von Hitlers „katalysatorischer Macht“ zu begreifen und sich einen persönlichen, intellektuellen Lebensroman zu erarbeiten. Was wunder also, daß die Freunde ebenfalls ihr Hitler-Erlebnis haben: Angefangen von Sebastian Haffner („Anmerkungen zu Hitler“) über Hugh R. Trever-Roper („Hitlers letzte Tage“), Golo Mann, Hannah Arendt, Dolf Sternberger (den Erfinder des „Verfassungspatriotismus“), Rudolf Augstein bis hin zu Ulrike Meinhof, die sich im Kampf gegen den „Hitler in den Deutschen“ wähnte. Von Johannes Gross, dem kaum gewürdigten Meister des deutschen Aphorismus, zitiert er dessen lapidare Anmerkung zum Adorno-Satz, nach Auschwitz könne kein Gedicht mehr geschrieben werden: „Die Wahrheit ist, daß Adorno auch vor Auschwitz kein Gedicht schreiben konnte.“ Das muß so ausführlich vermerkt werden, weil die porträtierten Personen blaß bleiben. Um so stärker tritt die deutsche Zeit- und Kulturgeschichte von den fünfziger bis in die neunziger Jahre hervor, unter dem unausgesprochenen Motto „Hitler und die Folgen“. (Ausnahmen sind die Porträts von Horst Janssen und Joachim Kaiser.) Fest bekennt, er habe oft nur „Schattenrisse“ geliefert. In der Tat! Es hätte der scharfgestochenen Miniatur bedurft. Doch Fests epische, lineare Erzählweise und die Gattung des Kurzporträts stehen sich gegenseitig im Wege. Die höchstens 35 Seiten langen Aufsätze enthalten mehr Redundanz als alle seine dickleibigen Bücher. Wenn er Kritik äußert, zitiert er anonyme Dritte – ein zu oft, zu plump verwendeter, schnell vorhersehbarer Kniff. Intensität gewinnt die Darstellung seines langjährigen Freundes, des Journalisten und Schriftstellers Wolf Jobst Siedler, zu dem er am Ende auf Distanz geht, weil sich Siedlers aristokratischer Gestus zur obsessiven Pose und die Jüngersche Gefaßtheit zur gereizten „Edeltrauer“ ausgewachsen hat. Dahinter stecken Ohnmacht, Verzweiflung und ein anachronistisch anmutendes Leiden an Deutschland. Die Deutschen nach Hitler seien ein Volk von Dauerstudenten und Frührentnern geworden: „Dergleichen, so hatten wir festgestellt, war in Zeit und Geschichte nicht dagewesen: Das Land war sich eine Langweiligkeit geworden. Und der Welt auch.“ Theodor W. Adorno geistert als tückischer Alberich durch das Buch. Mit seinem „Marxismus für feine Leute“ habe er „die Deutschen nur aus einer Verwirrung in eine andere“ gestürzt (Golo Mann), und ein von ihm „mit Freibriefen ausgestatteter Seminarpöbel“ habe Existenzen vernichtet (Dolf Sternberger). „Es sind Nazarener; sanfte Gesten, demütige Blicke, jeden Anlaß zur Entschuldigung begierig wahrnehmend, mit Verständnis für alles Menschliche, wenngleich es ihnen fremd ist. Es erscheint die Generation, die sich so sehr im Recht weiß, wenn auch sonst nicht viel, und die so sicher auf der Seite des Guten steht, daß sie jeden Gegner ohne Hemmung unter ihren Sandalen zertreten und jeden Lauen aus ihrem Mund ausspeien könnte. Aber sie braucht es nicht. Das Establishment seufzt ihr mit offenen Augen entgegen.“ Wo wäre das posthitleristische Blockwartsystem je schärfer, bitterer, souveräner beschrieben worden? Nur daß die Blockwarte inzwischen selber zum Establishment gehören. Allerdings stammt dieses Zitat nicht von Fest, sondern von Gross, wie Fest überhaupt dort am meisten überzeugt, wo er andere zitiert. Ob es daran liegt, daß er gar nicht mehr so souverän über der Zeit steht, wie er glauben macht, sondern manchmal bloß ratlos neben ihr? So wundert er sich darüber, daß Arnulf Baring, statt „in die Welt“ zu reisen, „die unser aller Herkunft ist, nach Delphi, Paestum oder Castel del Monte“, „von der Krakauer Altstadt schwärmt, von Masurenwanderungen und irgendwelchen Endlos-Weiten im unbekannten Osten“. Das ist nicht ironisch gemeint. Hier ist der Bildungsanspruch zum Dünkel erstarrt und die rhythmisierte, an Thomas Mann geschulte Satzfolge zur klassizistischen Pose. Am Ende bleibt die Frage, die dieser Porträtsammlung zumeist konservativ-liberaler Außenseitern zugrunde liegt – die Frage danach, was nach, trotz und jenseits von Hitler bleibt von Deutschland außer seiner „elenden, von soviel Kleinmut wie Heuchelei geprägten“ Physiognomie – so offen wie am Anfang. Joachim Fest: Begegnungen. Über nahe und ferne Freunde. Rowohlt Verlag, Reinbek 2004, 369 Seiten, gebunden, 19,90 Euro

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