Der Geist, in dessen Licht alles neu erschien

Stefan George (1868-1933), der vielleicht bedeutendste deutsche Dichter im 20. Jahrhundert und die zentrale poetische Figur der Konservativen Revolution, entsprach nicht der literarischen Norm, deren Kreativität sich in Texten erschöpft. Dem genialen Verswerk tritt gleichbedeutend der „George-Kreis“ zur Seite, eine Runde von Freunden und Schülern, die sich ganz seinem persönlichen Charisma und pädagogischen Ingenium verdankt, die sich um die magische Mitte des „königlichen Herrschers“ und des „alten Weisen“ kristallisiert – eines „Meisters“ in dürftiger Zeit. Schon der symbolistische Künstler der 1890er Jahre knüpfte weitgespannte Freundschaftsnetze in ganz Europa und erstrebte im Zeichen der Blätter für die Kunst (1892-1919) eine geistige Reform. Prominent wurde sein Werben um den jungen Hugo von Hofmannsthal, mit dem er gemeinsam eine „heilsame Diktatur über die deutsche Literatur“ errichten wollte. Erst mit dem Auftreten des hochbegabten Friedrich Gundolf (1880-1931) 1899, der zum „Lieblingsjünger“ wird, dem Zerfall der „Kosmischen Runde“ (mit Schuler und Klages) 1904 und dem Erscheinen Maximins, eines früh verstorbenen Knaben, den der visionäre George im Sinn der „Neuen Mythologie“ als göttliche Erscheinung preist und in poetischer Liturgie kultisch beschwört (1907), bildet sich über drei Generationen hinweg der eigentliche „Kreis“. Der George-Kreis schreibt sich ein in die Kultur dieser Periode, erzeugt sein eigenes weltanschauliches Feld, Bildungssystem und Sprachsegment im antagonistischen Strombett der Epoche: ein Fokus des deutschen Antimodernismus. Doch galt es nicht einfach, konservativ Traditionen zu bewahren, vielmehr aus „fernem Ursprung“ und „ewigem Sein“ dem korrumpierten Heute ein „Immerwährendes“ neu entgegenzustellen. Das sollte die Sprache leisten als Dichtung, nach der Musik und Philosophie von 1800 nun die ausgezeichnete symbolische Form: Verkünderin des „schönen Lebens“, sakraler Ort und kultische Praxis menschlicher Existenz auch für die Gegenwart. Von George führte doch ein Weg zur Wissenschaft Georges Adepten haben über 30 Jahre lang Gedichte verfaßt und rezitiert, doch errang der Kreis nicht künstlerisch, vielmehr als Akademie Jahrhundertformat. Hieß Georges schroffes Wort zunächst, von ihm aus führe „kein Weg zur Wissenschaft“, mündete seine Inspiration junger Intellektueller, die aufstiegen zu spektakulären Buchautoren und exotischen Hochschullehrern, paradoxerweise doch in eine Wissenschaftsschule. Diese hat mit ihren literarischen Geniestreichen nicht nur die 1920er Jahre geprägt. Ihre Provokationen in Methodik, Theoriebildung und Darstellung, ja der kritische Vorbehalt gegen Universitätsbetrieb und Informationsgesellschaft überhaupt bleiben bis heute aktuell. Historisch fremdartig hingegen berührt der geschlossene Gruppencharakter dieser Publikationen als „Geistbücher“ und „Staatssachen“. Seit Georges „ethisch-pädagogischer Wende“ nach „7. Ring“ (1907) und „Stern des Bundes“ (1914) und der politischen nach 1918 galt ihm der Kreis als geistiger „Staat“, platonische Provinz, Träger und Garant des „geheimen Deutschland“. War es die Aufgabe des Dichters, prophetisch die Zeit zu richten, das Göttliche zu verkünden, und leuchtete Maximin als Verheißung der deutschen Jugend voran, so sollten die Kreismonographien die Keime ausstreuen und das neue Menschentum publizistisch befördern. Die Reihe der Werke beginnt mit Friedrich Gundolfs „Shakespeare und der deutsche Geist“ (1911), reicht bis zu Max Kommerells „Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik“ (1928) und schließt mit Friedrich Wolters‘ „Stefan George und die Blätter für die Kunst. Deutsche Geistesgeschichte seit 1890“ (1930), der offiziösen Selbstbekundung des Bundes. George, wiewohl aus Öffentlichkeit und literarischem Diskurs verschwunden, hat bis heute eine vielfältige Wirkung. Zahlreich die privaten Aufzeichnungen: Gespräche, Briefe, Erinnerungsbücher. War die Germanistik der fünfziger und sechziger Jahre vorwiegend poetologisch interessiert an Werkinterpretation, traten weltanschaulich-politische Aspekte mit Klaus Landfried („George. Politik des Unpolitischen“, 1975) bis Stefan Breuer („Ästhetischer Fundamentalismus“, 1995) ins Blickfeld. Die Professionalisierung der letzten 20 Jahre hat sich nun mit neuen Fragestellungen auch dem George-Kreis im ganzen zugewandt, so paradigmatisch die gewaltigen Studien von Carola Groppe („Die Macht der Bildung. Das deutsche Bürgertum und der George-kreis 1890-1933“, 1997) und Rainer Kolk („Literarische Gruppenbildung. Am Beispiel des George-Kreises 1890-1945“, 1998). Beide referierten nun in einem von der Stefan-George-Gesellschaft zusammengerufenen 26stimmigen Expertenkreis in Bingen vom 13. bis 15. Februar, erstmals den „Wissenschaftlern im George-Kreis“ gewidmet. Der thematische Bogen umspannte dabei alle geisteswissenschaftlichen Felder, von der Archäologie bis zur Lebensphilosophie Henri Bergsons. Bertram Schefold und Wolfgang Vitzthum führten durch sechs Sektionen und moderierten den wissenschaftlichen Marathon, der nach George als „antimodernem Fundamentalisten?“ fragte (Dirk Petersdorff), den wissenschaftlichen Beitrag des Castrum Peregrini herausarbeitete (Raymond Ockenden), Historiker – zumal Ernst Kantorowicz – im George-Kreis nachzeichnete (Johannes Fried, Sebastian Schütze) und Georg Simmels kunstphilosophischen Beitrag reflektierte (Stephan Hauser). Das Konzept der „Neuen Wissenschaft“ setzt eine Kritik der alten voraus. Die kulturwissenschaftliche Bewegung gegen Positivismus und Historismus seit 1900 und die neoidealistische Wendung zur „Geistesgeschichte“ und „Wesensschau“ bilden den generellen Kontext. Im Kern richten sich die Vorwürfe gegen moderne Ausdifferenzierungsmotorik und formale Rationalität, also Spezialistentum und Entzauberung von Welt und Wissen. Kulturbedeutung und Orientierungsleistung kommen den Wissenschaften abhanden. Kausalismus, Faktengläubigkeit, Quantitätsdenken, Relativismus, „Voraussetzungslosigkeit“ werden fragwürdig. Die Mittel-Zweck-Relation hat sich verkehrt, eine „menschliche Mitte und geistige Ordnung“ gingen in den „ungeheuer anschwellenden Stoffmassen“ verloren. Homers Epen sind keine Schöpfung der Griechen Zu Recht resümiert Wolters‘ Blätter-Geschichte, es gebe „keine unbedingt feststehende Wahrheit mehr, (…) nur noch auf irgendwelche Annahmen bezügliche, stets sich wandelnde Ergebnisse“. Alle geistigen Tatsachen sind somit kontingent. Tatsächlich hatte Max Weber ja festgestellt, Wahrheitskriterien seien heute nur mehr disziplinär, systemintern definiert, eine diskursexterne Reflexion, gar universale Wahrheit könne es in der Moderne nicht geben, an ihre Stelle trete die irrationale Entscheidung. Die Debatte zwischen George- und Weber-Kreis eskalierte, als Weber Mommsens Römischer Geschichte (1854-85) die Wissenschaftlichkeit absprach und sich fragen lassen mußte, „welchem Lebendigen“ seine „Wissenschaft“ noch etwas bedeuten könne. Die Alternative artikuliert sich tatsächlich im Signalwort „Leben“. Es galt, nicht totes Wissen zu fördern, sondern „lebendige Kräfte“, die Geschichte als einen dynamischen Wirkungsraum zu erfahren und weltgeschichtliche Individuen als „Dichter und Helden“ aufzurufen, nicht abgelebt, vielmehr als mythische Urbilder und „ewiger Augenblick“. Dem Verstand sollte die „Schau“ gegenübertreten, der Vereinzelung die Einheit, empirischen Daten die metaphysische Evidenz, der Genese das spontane Sein, der Faktensammlung die inspirierte Darstellung als gelehrtes „Kunstwerk“, der relativierenden Sicht das exemplarische Modell als verbindliche Norm. Fundamental wirkt die ideelle Konzeption der „Gestalt“, durch die das schöpferische Leben spricht, anschauliches Symbol der unauflöslichen Einheit von Idee und Natur, eine organische Totalität. Doch im Unterschied zu den überpersönlichen Gestaltformen von Kulturräumen, Kunststilen, Sprachregionen bleibt der Kreis ganz personalistisch der humanistischen Traditionslinie treu und produziert fast ausschließlich Biographik. Von der naiv bürgerlichen „Heldenverehrung“ stechen diese Figuren ab durch Monumentalität, erstrebt wird die „absolute“ Biographie. So werden die weltgeschichtlichen Individuen zu kosmischen Potenzen, die alles andere verschlingen: Wir fassen nicht Shakespeare durch seine Zeit, so Gundolf, sondern diese durch ihn, die homerischen Epen sind keine Schöpfung der Griechen, vielmehr diese ein Produkt Homers usf. Vallentins „Napoleon“ (1923) bringt Wolters auf die schwülstige Formel, hier werde „der wesenhafte Mensch beschworen, an dem die zeitlosen und ewigen Gesetze der heldnischen Artung aufstrahlten“, was den prekären Verlust historischer Reflexion bezeugt. Gleichwohl fanden die oft glanzvollen Geistbücher ein zahlreiches Publikum, zumal wenn sie ein eigenes Genre zwischen Wissenschaft und Poesie etablierten, wie etwa Ernst Bertrams „Nietzsche. Versuch einer Mythologie“ (1918). Zwanzig Kapitel, die alle das Thema Nietzsche variieren und wie musikalische Fugen komponiert, in sich geschlossen und doch auf eine Sinnmitte bezogen sind, führen die archetypischen Symbole seiner denkerischen Existenz vor: „Alles Geschehene will zum Bild, alles Lebendige zur Legende, alle Wirklichkeit zum Mythos.“ Bernhard Böschenstein, vor 50 Jahren selbst gut bekannt mit Bertram, nahm recht unerbittlich dessen Nationalismus aufs Korn. Doch gerade der „Nietzsche“ böte eine Lektüre jenseits der „Bewältigungsfalle“; seine Legendentheorie wirkt überraschend postmodern, ein aktueller Beitrag konstruktivistischer Gedächtnistheorien geradezu. Ulrich Raulff suchte in der nüchternen BRD nach biographischen Fäden und kryptischen Vernetzungen im Zeichen Georges; Jeffrey Todd thematisierte Ernst Robert Curtius‘ Verhältnis zum Kreis am Leitfaden divergierender Traditionskonzepte und Volker Kruse daneben den Dialog der Heidelberger Soziologie mit George: Während Max Weber sich abgrenzte und ein restriktives Wissenschaftsverständnis entwickelte, verarbeitete sein Bruder die Anregungen positiv; kultursoziologische Ideen prägten wesentlich die deutsche Sozialwissenschaft. Stefan Breuer, schon länger mit der Erforschung rechten Ideenguts befaßt (zuletzt 2001: „Ordnungen der Ungleichheit – die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1971-1945“), griff mit Kurt Hildebrandt (1881-1966) einen prekären Aspekt auf. Dessen rassenhygienische und Verfallstheorien machen in der Verbindung mit georgescher Anthropologie und Staatslehre die irrationale Drift akut. Tendenziell deutet der Kreis „Geist und Idee“ in „Leben und Kraft“ um, was einem immanenten Pantheismus, einer „Mystik des Diesseitigen“ Vorschub leistet. Eine neue Kultur entstehe, wenn ein „Urgeist“ seinen „Lebensrhythmus offenbart, die schöpferische Substanz des Kosmos sich in einem genialen Menschen ‚verleiblicht'“. Alles, was Mark, Halt und Gerüst gibt, ist gefährdet Nun, damals war es der Geist Georges, in dessen Licht alles neu erschien. Die Monographien spiegeln so den Meister rückwärts und interpretieren historische Konstellationen „typologisch“ nach dem Vorbild des Kreises. Als kreativ erweist Kommerell diesen esoterischen Ansatz im „Dichter als Führer“, wo er am Leitfaden okkulter Homoerotik Schillers „soldatischen“ Weg vom Anarchisten zum geistigen Herrscher verfolgt, um sich mit Goethe im Projekt klassischer „Gesetzgebung“ zu treffen: Dichtung als „verantwortlicher Wille, eine Maß setzende Gesinnung“. Ins Absurde kippt das Konzept beim Raffael-Buch (1923) des Kunsthistorikers Wilhelm Stein, das Ernst Osterkamp analysierte. Dessen „Bildlektüre als arkane Kreispolitik“ travestierte akademische Objektivität vollends, indem sie der Raffael-Forschung zum Trotz George als Person und Weltbild ins Cinquecento projizierte, skurriler Fall einer normativen Hermeneutik mit dem „Willen zur Wertsetzung“, der die historischen Fakten überformt. Hier brechen wir ab, ohne dem obskurantistischen Weg des Prinzips ad extremum in die Musikideologie des Kreises (Wolfgang Osthoff) zu folgen. Die „Neue Wissenschaft“ endete offenbar auch in Sackgassen, ein Grund für das Abreißen dieser kreativen Bewegung. Georges Programm war nicht bruchlos universalisierbar und nur bedingt anschlußfähig. Respekt freilich verdient sein hoher Anspruch an Jugend und Wissenschaft. Es gelte, so Gundolf, „Charakter und Konzentration“ zu stärken. „Ausdrucksmöglichkeiten, Einsichten, Talente, Beweglichkeiten, Assoziationen und Stoffe sind mehr als genug in der Welt, aber alles, was Mark, Halt, Gerüst und Architektur gibt, ist gefährdet oder vergessen.“ Das müsse „jetzt die einzige Pädagogik des ‚Kreises‘ sein“. Stefan-George-Gesellschaft e. V. Bingen, Stefan-George-Museum, Freidhof 9, 55411 Bingen am Rhein. Info: 0 67 21 / 18 42 05 Foto: Stefan George (l.) im Kreis seiner Freunde: Nicht totes Wissen galt es zu fördern, sondern „lebendige Kräfte“

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