Joachim Kuhs

 

Denker der organischen Revolution

Als die deutsche Sozialdemokratie 1918 die Regierungsverantwortung übernahm, bestand ihre erste Amtshandlung darin, ihren radikaleren totalitären Bruder, den revolutionären Sozialismus, niederzuschlagen. Sie entschied sich damit gegen ihr eigenes utopisch-revolutionäres Erbe, für Realpolitik und parlamentarische Demokratie, und überlebte bis heute. Im Jahre 1933 hätte dem aristokratisch-revolutionären Konservatismus hinsichtlich des Nationalsozialismus eine ähnliche Rolle zufallen können; der Sprung aus dem Milieu der elitären Zirkel, die Abkehr von der programmatischen Publizistik zur vielbeschworenen großen Politik gelang ihm jedoch nicht; schließlich verfügte er über keine Massenpartei oder sonstige Massenbasis. Er wurde daher vom Nationalsozialismus, der manche seiner Ziele – vornehmlich die Kritik an Weimar, Versailles und dem „Westen“ übernommen hatte – vernichtet; einige seiner Protagonisten wurden ermordet, und er wirkte allenfalls noch als geistiges Erbe fort. Einer der bekanntesten Vordenker dieses modernen, sich als revolutionär empfindenden Konservatismus war Edgar Julius Jung, und eine seiner wichtigsten staatsphilosophischen Schriften war dessen Hauptwerk „Die Herrschaft der Minderwertigen – Ihr Zerfall und ihre Ablösung durch ein Neues Reich“. Die Faszination, die heute noch von Jung ausgeht, liegt in der seltenen Einheit von Geist und Tat – in beiderlei Hinsicht suchte er als Revolutionär zu wirken -, und seine geistesgeschichtliche Bedeutung besteht in der Systematik seines Hauptwerks, das geradezu als Leitfaden der Konservativen Revolution gelesen werden kann. Edgar Julius Jung wurde am 6. März 1894 in Ludwigshafen geboren, begann 1912 ein Jura-Studium in Lausanne, meldete sich bei Kriegsausbruch als Freiwilliger und war bis 1918, zuletzt als Kampfflieger, im Einsatz. Wie für so viele Rechtsintellektuelle seiner Zeit wurde das Erlebnis des Krieges für ihn zu einer Initialzündung, die für das deutsche Volk die so schmerzlich vermißte seelische Einheit und politische Erweckung zu sich selbst hervorbringen sollte. Nach der später in diesem Sinne zum geistigen Sieg uminterpretierten Niederlage setzte er bis 1922 in Würzburg und Heidelberg sein Studium fort, kämpfte gleichzeitig aber auch im Bürgerkrieg der Revolutionszeit mit: So beteiligte er sich als Mitglied des Freikorps Epp an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik und gründete nach der Besetzung der Pfalz durch französische Truppen den „Rheinisch-Pfälzischen Kampfbund“, der 1924 das Attentat auf den separatistischen „Präsidenten“ der „Pfälzischen Republik“ Heinz-Orbis ausführte. Jung kam bei der Schießerei leicht verletzt davon und floh nach Bayern, wo man ihn juristisch nicht verfolgte, da Heinz-Orbis als Hochverräter angesehen wurde. Empört wandte er sich vom Nationalsozialismus ab Er ließ sich als Rechtsanwalt in München nieder, betätigte sich zunächst für die Deutsche Volkspartei, ging aber, als Stresemann auf Grenzrevisionen verzichtete und den Ausgleich mit Frankreich suchte, auf Distanz zur DVP und zur Parteipolitik überhaupt. Statt dessen schloß er sich der jungkonservativen Bewegung an, begann als Redner und Publizist zu wirken und knüpfte an einem weitmaschigen Netzwerk, das führende Politiker, Intellektuelle und Wirtschaftsvertreter umfaßte. Den immer stärker werdenden Nationalsozialismus beobachtete er mit wachsender Sorge. Zwar hatte er 1923 Kontakt zu Hitler aufgenommen, um ihn für eine Teilnahme am Kampf um die Pfalz zu gewinnen; als Hitler ihm aber erklärte, daß er sich Frankreich nicht zum Feind machen und die Pfalz lieber vorläufig aufgeben wolle, um die Macht im Reich zu erobern und die angebliche Herrschaft der Juden zu beseitigen, wandte er sich empört vom Nationalsozialismus ab, den er nur als Auswuchs des bekämpften Modernismus und keinesfalls als wirkliche Erneuerung im von ihm erstrebten „organischen“ Sinne sah. Auch in seinem Hauptwerk findet Jung deutliche Worte gegen den biologistischen Determinismus von Antisemitismus und Rassenideologie und kritisiert deren zersetzende Wirkung auf die volkliche Einheit: Alle europäischen Völker seien rassisch gemischt, und ihr innerer Zusammenhalt könne daher nur ein seelischer sein, aus dem ihre politischen und kulturellen Gestaltungen erwüchsen. Nach Hitlers Machtergreifung resignierte er zunächst, ließ sich dann aber von seinem Freund Herbert von Bose, der im Umfeld des Vizekanzlers von Papen auf einen von Hindenburg gedeckten Militärputsch hinarbeitete, für dessen Umsturzplan gewinnen, bei dem die Konflikte zwischen Hitler, der SA und der Reichswehr ausgenutzt werden sollten. Der ohne ausreichende Machtbasis angestellte Versuch begann mit Papens am 17. Juni 1934 vor dem Marburger Universitätsbund gehaltener Rede, die von Jung verfaßt war und den nationalsozialistischen Totalitarismus kritisierte, und endete damit, daß Hitler die Gelegenheit nutzte, sich sowohl der SA-Führung als auch wichtiger konservativer Gegner zu entledigen. Dabei wurde auch Edgar Julius Jung ermordet: Am 1. Juli 1934 wurde er entführt und in einem Wäldchen bei Oranienburg erschossen. Der Geist der von ihm mitgeprägten Konservativen Revolution sollte jedoch fortwirken und ein Jahrzehnt später im Kreis um Stauffenberg noch einmal auferstehen. Jungs Hauptwerk „Die Herrschaft der Minderwertigen“ ist nicht dadurch bedeutend, daß in ihm ein neuer Gedanke verkündet oder ein bestimmtes Lebensgefühl erstmals adäquat zum Ausdruck gebracht wird – diesbezüglich wird Jung von geistesverwandten Autoren wie Carl Schmitt oder Ernst Jünger übertroffen -, sondern dadurch, daß es alle wichtigen Themenbereiche der Konservativen Revolution, die sonst zumeist in Essays, Manifesten und Pamphleten behandelt wurden, mit dem Ziel zusammenfaßt, durch theoretische Explikation eine politische Praxis vorzubereiten. Seine erste Auflage aus dem Jahre 1927 ist noch stärker programmatisch orientiert; in der wesentlich erweiterten zweiten Auflage von 1930 überwiegt hingegen deutlich die philosophische Grundlegung, die Gestalt und Wachstum einer organischen Staatsform zu beschreiben bzw. zu befördern sucht. Charakteristisch für das Organische „ist die lebendige Einheit des Ganzen, wiedergespiegelt von Teilen, die wiederum Eigenleben besitzen; die gleichzeitige Freiheit und Dienstschaft der Teile, die Wechselwirkung zwischen ihnen und dem Ganzen“. Konkret sollte dies durch einen ständestaatlichen Aufbau des Reiches bewirkt werden, bei dem das parlamentarische System mit seinen verhältnismäßig abstrakten Repräsentationsformen, den oft vom tatsächlichen Volkswillen abgelösten Parteiapparaten, durch eine hierarchisch-pyramidale Struktur von möglichst kleinen Einheiten zu ersetzen ist, bei denen sich jeweils Wähler und Gewählte persönlich kennen. Dadurch sieht Jung die Auswahl der Besten, das heißt der am Gemeinwohl und letztlich an einer metaphysischen Allheit orientierten Vertreter in einer neuen, leistungsabhängigen Aristokratie garantiert. Jung glaubte an ein mythisches Zeitalter Dem Individualismus der „Minderwertigen“, der stets in einen – kapitalistischen oder sozialistischen – Kollektivismus umschlägt, setzt er ein ausgleichendes Persönlichkeitsprinzip entgegen, das Freiheit und Bindung, Mikro- und Makrokosmos verbindet und die Extreme des Anarchischen und Doktrinären vermeidet: „Zwischen drohender Auflösung und zwangsmäßig erstarrter Gesellschaftsform (…) bewegt sich die Geschichte der Menschen. Selten ist der Zustand der ausgeglichenen Schwebe. Er fällt zusammen mit den Höhepunkten der Kultur.“ Besonders die zweite Auflage der „Herrschaft“ zielt nicht auf ein nationalstaatliches Modell, das er lediglich als Erweiterung des Individualismus ansieht, sondern auf die überstaatliche Reichsidee ab. Zwar wollte Jung keinen neuen Mythos verkünden, aber er glaubte, ein neues mythisches Zeitalter, das sich erst noch seine Formen schaffen muß, heraufziehen zu sehen. Es bleibt fraglich, ob er mit seinem Versuch, zu dieser Formbildung ein politisches Programm beizusteuern, nicht selbst in den Konstruktivismus von Aufklärung und Moderne zurückfallen mußte. Foto: Edgar Julius Jung (1894-1934): Knüpfte weitmaschiges Netzwerk Den Geist achten
Auszug aus der Rede Franz von Papens am 17. Juni 1934 Und wenn wir uns heute manchmal über 150prozentige Nationalsozialisten beklagen, dann sind es solche Intellektuellen ohne Boden, solche, die Wissenschaftlern von Weltruf ihre Existenz bestreiten möchten, weil sie kein Parteibuch besitzen. Der im Wesen und im Blute wurzelnde Geist aber ist charaktervoll, unbestechlich, der Erkenntnis und dem Gewissen verhaftet. Ihm gilt unter allen Umständen die Achtung der Nation, weil sie eine Sünde wider die Schöpfung begeht und sich selbst verleugnet, wenn sie den Geist verneint. Hüten wir uns vor der Gefahr, die geistigen Menschen von der Nation auszuschließen, und seien wir des Umstandes eingedenk, daß alles Große aus dem Geiste kommt, auch in der Politik. Man wende auch nicht ein, die geistigen Menschen entbehrten der Vitalität, ohne die ein Volk nicht geführt werden könne. Der wahre Geist ist so lebenskräftig, daß er sich für seine Überzeugung opfert. Die Verwechslung von Vitalität mit Brutalität würde eine Anbetung der Gewalt verraten, die für ein Volk gefährlich wäre.“

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