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Wir sind alle Höhlenbewohner

Jeder Mensch ist eine Insel. Arthur Koestler hat das gesagt, und es stimmt. Jeder lebt in seinem ganz eigenen, speziell für ihn gesponnenen Kokon, will manchmal auch aus ihm heraus, aber es gelingt nicht, höchstens beim Sterben. Und was für den einzelnen gilt, gilt auch für die vielen. Jedesmal, wenn sich Menschen zusammenrotten, wird eine Insel daraus, ein Stamm, ein Volk, eine Nation, eine Interessengemeinschaft, die sich gegen andere Interessengemeinschaften abschottet, bevor sie Beziehungen zu ihnen aufnimmt. Der Mensch ist ein Höhlenbewohner, ein Häuslebauer, ein Wohnungsinhaber. Auch das liegt vor aller Augen. Wir leben viel mehr „am Ort“ als „in der Zeit“, auch noch heute im Zeichen des schnellen Verkehrs und der Globalisierung. Das Recht auf Unversehrtheit der Wohnung gehört zu den ältesten, behütetsten „Menschenrechten“. Und schon in der Tierwelt regiert der „territoriale Imperativ“ (Robert Ardrey). Das eigene Revier wird unermüdlich markiert und nötigenfalls mit Klauen und Zähnen verteidigt. Die „eigene Sphäre“ ist ein Gesetz des Lebens, sie ist das Gesetz des Lebens. „Sphären“ heißt das monumentale opus magnum von Peter Sloterdijk, dessen dritter und abschließender Band jetzt unter dem Titel „Schäume“ erschienen ist. Es ist eine gründliche Phänomenologie des Höhlenlebens, ausgreifend in jede nur denkbare Richtung, und beim Lesen fragt man sich, warum eigentlich kein Nachdenker und Stichwortgeber vor Sloterdijk auf diesen Einfall gekommen ist. Der Mensch, das intelligente Sphärentier: Wie kommt er mit dieser seiner Grundbefindlichkeit zurecht? Wie richtet er sich darin ein? Wie reflektiert er sie? An sich recht naheliegende, fast selbstverständliche Fragen – sollte man meinen. Aber wir sehen eben üblicherweise den Wald vor lauter Bäumen nicht, es muß immer erst einer – wie hier Sloterdijk – kommen, um uns auf die Lichtung hinauszuführen, wo dann der Überblick gegeben ist. Und mit dem bloßen Überblick ist es ja nicht getan. Der Wald muß erfahren werden, durchschritten werden, ein Weg muß gebahnt werden, Blüten und andere Vorkommnisse am Wegesrand müssen beachtet, beschrieben und mit dem Ganzen in Beziehung gesetzt werden. Dazu genügt nicht der simple, lediglich messende und zusammenzählende Verstand. Eine sehr erweiterte Form von Vernunft wird fällig, der volle Einsatz unserer natürlichen Wahrnehmungs- und Ausdruckskräfte, eine Art leibgeistige Rationalität. Sloterdijk weiß das und richtet sich danach, und nicht zuletzt dies macht den beträchtlichen Reiz seines Sphären-Werkes aus. Er hat einen Lehrer, Heidegger, dessen Vorgehensweise er übernimmt und mit neuen Valeurs anreichert. Sloterdijk wie Heidegger nähern sich den Phänomenen, wie sich Kinder oder Urmenschen ihnen nähern, also diesseits jeglicher traditioneller, eingeschliffener Rationalitätsmuster. Nichts wird vorschnell eingeordnet oder gar abgeheftet, statt dessen werden die Dinge zunächst einmal angestaunt, ihre Gestalt mit sämtlichen Sinnen eingesogen und mit ganz ursprünglichen Prädikaten versehen. Eine Sprache am Ursprung entfaltet sich, die nicht nach logischen Kategorien, sondern nach „Existentialien“ sucht und dabei außerordentlich modern ist, sich am Wortgebrauch des modernen Alltags orientiert und dennoch dem „Fach“ stets die Ehre erweist, um höchste Präzision bemüht ist. Gründlichkeit des Erfahrens und Aufspürens mischt sich bei Sloterdijk mit der Frische des Ausdrucks und der gehobenen Versprachlichung. Es gibt viele Entdeckungen, manchmal auch Verirrungen und eifriges Zurückrudern, manches Beiläufige und nicht Dazugehörige wird eingeschoben. Doch der Leser lernt, wird belehrt und amüsiert (oder ärgert) sich, fühlt sich streckenweise wie in einem barocken Kuriositätenkabinett, an anderen Stellen wieder wie in einer „Installation“ des aktuellen Kunstbetriebs. Die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall. Ging es in Band eins vorrangig um die biologischen Höhlen (Ei, Gebärmutter, Geburtskanal), in Band zwei vorrangig um die geographischen (Globus, Erdteil, Stadtmauer), so kommen jetzt in Band drei – neben vielem anderen – die eigentlichen Wohnhöhlen zur Sprache, die Hütte, das Haus, auch das Stadion und die Kongreßhalle. Sloterdijk rubriziert sie, etwas überraschend und nicht ganz überzeugend, unter die Generalgestalt des Schaums. Auch Gebäude, argumentiert er, sind letzten Endes Blasen, Schaumgeborene, auch wenn ihre Fundamente noch so fest in die Erde gesenkt wurden. Die neueste Architektur, deren Häuser immer öfter wie Seifenblasen an den Hügeln hängen, kommt Sloterdijk zu Hilfe: „Foam City“, Schaumstadt. Ist jede Wohnung von vornherein und prinzipiell eine „Foam City“, eine Stadt aus Seifenblasen, eine „Wartehalle“, wie Sloterdijk auch sagt? Und wie steht es mit der Wohnung aller Wohnungen, mit der Heimat, die uns prägt wie keine andere Sphäre und die in abertausend Liedern besungen, erinnert und mit Sehnsucht aufgeladen wird? Dieser zentralen Frage, deren Beantwortung letztlich darüber entscheidet, ob die Behauptung unserer Sphärenhaftigkeit überhaupt sinnvoll ist oder weiter nichts als eine feuilletonistische Randnotiz, weicht Sloterdijk aus, und darin liegt die Schwäche seines Buches, seine Achillesferse. Er enthält sich an den entscheidenden Stellen ausdrücklich der eigenen Stellungnahme, läßt zunächst den ernsthaft die Heimat umkreisenden Heidegger sprechen und konfrontiert ihn anschließend mit Aussagen des Computerphilosophen Vilém Flusser, eines – im Vergleich zu Heidegger – kleinen Augenblicksquietschers, der die „wahre Heimat“ im Internet sieht, weil ihm die wirkliche, lebensweltliche Körper- und Gefühlsheimat zu sehr nach Schweißfüßen riecht. So läßt sich nicht seriös philosophieren. Unterm Blickwinkel dieses theoretischen Sündenfalls betrachtet, trüben sich ziemlich viele der Sloterdijkschen „Explikationen“ etwas ein. Ihre modische, stromlinienförmige Attitüde und die allzu angestrengte Zeitgeistigkeit kommen zum Vorschein. Der Autor, merkt man, möchte unter allen Umständen am „aktuellen Diskurs“ teilnehmen, möchte dabei möglichst unbehelligt bleiben und sich um Himmels willen nicht den Vorwurf der politischen Inkorrektheit zuziehen. Peter Sloterdijk ist eben doch kein Heidegger und nicht einmal ein zweiter Georg Simmel, eher ein zweiter José Ortega y Gasset oder Hermann Graf Keyserling. Aber auch das ist nicht wenig in diesen dürftigen Zeiten und mindert kaum das Vergnügen, das man beim Lesen in den „Sphären“ über weite Strecken hin empfindet. Sloterdijks „Sphären“-Werk ist selber Schaum, der Titel des dritten Bandes steht fürs Ganze und verleiht ihm von hinten her Duft und Brio. Der Schaum krönt das Bier und macht den Champagner spritzig. Und die Göttin der Schönheit, Aphrodite, ist eine Schaumgeborene. Peter Sloterdijk: Sphären III. Schäume. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2004, 916 Seiten, zahlr. Abbildungen, kart., 29,90 Euro Steinzeitmenschen (Holzstich nach einer Zeichnung von Ferdinand Leeke, 1859-1937): Wir leben mehr „am Ort“ als „in der Zeit“

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