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Vom kausalen zum multiplen Nexus

Schon bei Erscheinen der Festschrift zu Ernst Noltes 70. Geburtstag ging das Gerücht, die Herausgeber Anselm Doering-Manteuffel und Hans-Ulrich Thamer seien nur zur Mitherausgabe bereit gewesen, nachdem Thomas Nipperdey eine Zusage gegeben habe. Wenn jetzt ein „Wissenschaftliches Forum“ zum 80. Geburtstag Noltes veröffentlicht wird, für das kaum ein großer Name der scientific community (als Ausnahmen seien hier Elisabeth Noelle, Alexander Demandt und Wolfgang Schuller genannt) gewonnen werden konnte, so darf man das durchaus als Indiz für die weitere Isolierung des Geehrten betrachten. Über die Qualität der Beiträge ist damit aber nichts gesagt. Die ist zwar unterschiedlich, aber einige Aufsätze verdienen doch ausdrücklich erwähnt und hervorgehoben zu werden, vor allem, weil sie sich mit der sensibelsten These Noltes – der vom „kausalen Nexus“ zwischen Bolschewismus und Faschismus / Nationalsozialismus, Gulag und KZ – befassen. Die erste dieser Arbeiten ist die von Günter Scholdt, einem weiteren Kreis bekannt geworden durch seine monumentale Untersuchung zu zeitgenössischen Urteilen über Hitler, der sich hier mit Aussagen von Schriftstellern über die Ähnlichkeit oder Wesensgleichheit der extremen Linken und Rechten in der Phase des „Europäischen Bürgerkriegs“ befaßt. Scholdt kann überzeugend nachweisen, daß es bei vielen Autoren eine entsprechende Wahrnehmung gegeben habe und nicht wenige Intellektuelle vor dieser Tatsache nur wider besseres Wissen die Augen verschließen konnten. Ohne auf Grund der spezifischen Quellenlage weitergehende Folgerungen zu ziehen, hält Scholdt die Entstehung „fundamentaler Phobien“ auf Grund kommunistischer Greuel in der unmittelbaren Nachkriegszeit für wahrscheinlich und die Wahrnehmung des überproportionalen Anteils von Juden in den Reihen der russischen Revolutionäre für unbestreitbar. Insofern sei auch Noltes Behauptung vom „rationalen Kern“ des nationalsozialistischen Antikommunismus und Antisemitismus und antisemitischen Antikommunismus plausibel. Allerdings müsse man, stärker als Nolte das getan habe, beachten, daß der Antisemitismus auch noch andere – wenn man so will: autochthone – Motive hatte, die vor allem in der Fortwirkung von Rassenlehren des 19. Jahrhunderts wurzelten. Eine Einschränkung anderer Art enthält der Beitrag von Gerd Koenen über den „multiplen ‚Nexus'“. Koenens Vorbehalt gegenüber der Grundannahme Noltes beruht darauf, daß er die beherrschende Stellung des Antikommunismus in der Zwischenkriegszeit für fragwürdig hält. Er betont nicht nur die Rolle, die eine „illusionäre ‚Ostorientierung'“ für die vom Ideal der „freien Hand“ geprägte Außenpolitik der Weimarer Republik spielte, er weist auch darauf hin, daß es seit den zwanziger Jahren auf Feldern Berührungen mit der Sowjetunion gab, wo man diese kaum vermuten würde, etwa im Fall der Eugenik und Psychiatrie. Koenen folgert deshalb, daß die Verknüpfung von Antikommunismus und Antisemitismus, wie sie vor allem nach dem Angriff auf die UdSSR neu aufgenommen wurde, in erster Linie propagandistischen Zwecken diente, während die Idee des „Lebensraum“-Imperialismus eine wesentlich wichtigere Rolle für Hitler spielte und die Entscheidung zur Vernichtung der Juden eher ein Ergebnis der Systemradikalisierung als der langfristigen weltanschaulich motivierten Planung war. Eine ähnliche Unbekümmertheit um wissenschaftliche Üblichkeiten wie im Beitrag Koenens findet sich auch in dem Aufsatz von Domenico Losurdo. In beiden Fällen kann man wohl voraussetzen, daß es die Herkunft von der politischen Linken ist, die den Autoren den Mut einflößt, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Dabei geht Losurdo allerdings über das von Koenen gesetzte Maß noch deutlich hinaus. In seinem Beitrag „Der dritte Ursprung, den die Komparatistik der Revisionisten ausspart“ beschäftigt sich Losurdo mit der „americanischen Schule“ der Rassenpolitik, die der deutsche Anthropologe Theodor Waitz schon 1858 dahingehend charakterisierte, daß sie nicht nur die Verdrängung anderer Ethnien anstrebe, sondern deren „zu Grunde Gehen“, und, fügt Waitz hinzu, „es scheint (…), daß wir nicht bloß die Berechtigung des weißen Americaners zur Vertilgung der rothen Menschen anerkennen, sondern sogar noch die Frömmigkeit zu loben haben, mit der er sich als erleuchtetes einsichtiges Werkzeug der Vorsehung diesem Vertilgungsgeschäfte von jeher hingegeben hat“. Was Waitz als „americanische Schule“ bezeichnete, nannte Arnold J. Toynbee „unsere britische Methode der Kolonisierung“, die nicht nur in der neuen Welt, sondern schon bei der Unterwerfung Irlands auf „die völlige Vernichtung der vorhergehenden Lokalbevölkerung“ abzielte. Das eigentlich Frappierende an Losurdos Argumentation ist die Tatsache, daß er mit seiner Behauptung eines „dritten Ursprungs“ und dem Nachweis, daß man in der nationalsozialistischen Führung die nordamerikanische Rassenpolitik und deren Geschichte sehr wohl zur Kenntnis nahm, einen weiteren „kausalen Nexus“ behauptet, der allerdings weniger für die antisemitische als für die antislawische Unterdrückungspraxis Hitlers erhellend wirkt. Wie diese Festschrift zeigt, ist Ernst Nolte ein in doppelter Hinsicht Anstoß erregender Wissenschaftler. Was die einen echauffiert, kann man getrost auf sich beruhen lassen, wichtiger und für die Zukunft der Historiographie fruchtbarer ist das, was die anderen motiviert, neue Fragestellungen aufzugreifen und so den Erkenntnisprozeß voranzutreiben. Helmut Fleischer und Pierluca Azzaro (Hrsg): Das 20. Jahrhundert – Zeitalter der tragischen Verkehrungen. Forum zum 80. Geburtstag von Ernst Nolte. Herbig, München 2003, gebunden, 576 Seiten, 24,90 Euro

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