Vielleicht sogar Weisheit

Seit ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1971 haben sich die Scheidewege – zunächst als Vierteljahresschrift, seit 1983 als Jahresschrift – darum bemüht, zu verschiedenen zeitgeistigen Krisenerscheinungen Stellung zu beziehen. Vorrangig war der ökologischen Bewegung ein philosophisches Fundament zur Verfügung zu stellen. Dies ist der Zeitschrift – und später den Jahrbüchern – vortrefflich gelungen, was auch daran erkennbar ist, daß viele Probleme und Fragestellungen in den Scheidewegen bereits erörtert wurden, lange bevor sie ins öffentliche Bewußtsein traten. Auch die aktuelle Jahresschrift befaßt sich wieder mit Risiken moderner Gesellschaften und Lösungsversuchen, die dort ansetzen, wo das Denken als Philosophie betrieben wird. Dabei reichen die Beiträge vom Essay bis zur Polemik und von der Rezension bis zum Bekenntnis. Es sind keine Gebrauchsanweisungen, aber Texte, die eine Richtung anzeigen. So schreibt Ziad Mahayni über „Das Altern in der Spaßgesellschaft“ und konkludiert, daß die Fitneß-Studios, Schönheits-Farmen, Tattoo-Shops und OP-Säle der plastischen Chirurgie die neuen Tempel eines Götzenkultes der Jugendlichkeit sind. Dieser Körperkult sei jedoch nicht minder pervers als die Körperverachtung der Neuplatoniker. Statt dessen gelte es, „die Unausweichlichkeit des Alters anzuerkennen und zu nutzen, um aus dem gesammelten Wissen und der Lebenserfahrung Ruhe und vielleicht sogar Weisheit zu gewinnen, anstatt im Affenstall mitzuhampeln“. Den „modernen Körperkult“ nimmt auch Gernot Böhme aufs Korn, wenn er – Stendhal zitierend – behauptet, daß „die eigentliche Quelle der Schönheit die Liebe“ sei. Man liebe nicht jemanden, weil er schön ist, sondern umgekehrt, der andere erscheine einem schön, weil man ihn liebe. Es reiche also nicht nur, „in Erscheinung zu treten“: Ohne Resonanz oder Empfänglichkeit, die Herstellung des Atmosphärischen also, wären auch die besten Resultate der Schönheitschirurgen und des Bodybuildings nur Talmi. Angesichts ganzer Generationen die kaum noch zwischen Erotik und Pornographie unterscheiden können, ist der Aufsatz von Thomas Fuchs über „Sexualität im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit“ eine schiere Provokation. So kritisiert der Autor die Überflutung unseres Alltags mit sexuellen Reizen als Ergebnis einer lückenlosen Kommerzialisierung und übertriebenen kulturellen Inszenierung im Gefolge der neosexuellen Revolution. Die „repressive Entsublimierung“ des Erotischen durch seine direkte, öffentliche Herstellung habe dem Spiel der Blicke und Gesten, den Andeutungen, Ahnungen und Verheißungen brutal ein Ende gemacht. Als Inbegriff einer „zugleich technisierten wie öffentlich inszenierten Sexualität“ wertet er die Love Parade und die Techno-Szene mit ihrem „frenetischen Exhibitionismus, den hypersexualisierten, transsexuellen oder androgynen Outfits und der drogenstimulierten Hochbeschleunigung des Körperrhythmus“. Für Erotik lasse dieser „postmoderne Designer-Sex im dissoziierten Ego-Rausch“ weder Zeit noch Raum. Max Himmelheber-Stiftung. Saarstr. 7, Baiersbronn. Preis: 19,50 Euro. Internet: www.scheidewege.de

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