Kulturreise

Es ist eine Eigenheit großer dramatischer Musik, daß sie die verschiedensten szenischen Deutungen gleichsam (er)tragen kann. Die Inszenierung von Hector Berlioz‘ gewaltigem Hauptwerk „Les Troyens“ („Die Trojaner“), das zu dessen 200. Geburtstag in der Leipziger Oper eine frenetisch bejubelte Aufnahme fand, stand unter einem Motto, das künstlicher wohl kaum sein könnte: eine Reise durch die (Theater-)Geschichte, durch die Zeit, durch die Kultur. Bekanntlich wurde der Mythos vom Fall Trojas und die tragische Liebesgeschichte zwischen der Karthagerkönigin Dido und dem Trojaflüchtlings Aeneas, der in Italien das Römische Reich gründen wird, seit Urzeiten immer wieder erzählt: von Vergil über den mittelalterlichen Epiker Heinrich von Veldecke zu Henry Purcell. Genau diesen Umstand machte sich Regisseur Guy Joosten zunutze, um mit dem genialen Fünfakter einen kurzweiligen Rundgang zu unternehmen. Was zunächst anmutet, als habe der Kostümbildner den Fundus des Leipziger Opernhauses geplündert, erweist sich bald als geistreicher Weg, um mit den „Trojanern“ die Traditionen der abendländischen Erzähl- und Theaterkultur auf die Bühne zu holen. Man entfesselt hier ein wahres Welttheater, indem man vom schroffen Antikendrama über die süffige Liebeskomödie zum ernsten Politstück wechselt und doch die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen betont. Wenn die Kulturen aufeinanderprallen, sieht’s auf den ersten Blick ein wenig komisch aus, weil die antiken Heroen umstandslos auf spätmittelalterliche Kostümträger treffen. Ihre innere Logik hat die wundersame Vermischung der Epochen jedoch schon in der Musik des an Farben und Stimmungen unendlich reichen Werks. Joosten hat mit seinem die Zeiten überwölbenden Ansatz mitnichten das Werk vergewaltigt, sondern genau auf die Musik der einzelnen Akte gehört, der sich die Szene, bei aller Verfremdung, umstandslos anpaßt. So entfaltet sich das Doppeldrama, in dessen Mittelpunkte die Seherin Kassandra in Troja, die Königin Dido in Karthago stehen, vor dem Halbrund eines von Johannes Leiacker entworfenen Amphitheaters, dessen „Skena“ von den Figuren der verschiedensten Epochen bevölkert werden, denn schon Berlioz wußte ja: „Die Welt ist ein Theater!“ Ein Leitmotiv bleibt: das des Musikers, der als Doppelflötenspieler, Dudelsackpfeifer und Klarinettist das Stück begleitet. In Troja wird, auch im Hinweis auf die historistischen Ausstattungsstücke anno 1860, die blutige Tragödie gegeben, in Karthago ein rauschendes Fest, dessen Dekoration den Ausstattern des Spätmittelalters, der italienischen Renaissance und des französischen Barock zu danken ist. Vorher tummeln sich die witzigen Figuren des Hieronymus Bosch, die Kopffüßler, Fischreiter und Krüppel auf der Bühne, auch Adam und Eva, die den „Garten der Lüste“ ankündigen, bevor sich Dido und Aeneas in den höchst phantasievoll ausstaffierten höfischen Liebesrausch (samt obligatorischem Feuerwerk) des Hochbarock begeben. Schließlich aber muß, dafür sorgt schon der deus ex machina, der Gott Merkur in seinem Wolkenwagen, auch in Leipzig bewiesen werden, daß die Liebe stets mit der Politik kollidierte. Die „Brechtgardine“, die offene Bühne und der Kriegsplanwagen der Courage verweisen nur noch auf das schwarze Finale, in dessen Geisterszene Berlioz schon einige schockierend moderne, verwirrend dissonante Töne einbaute. Der Selbstmord der Dido wird noch per Video von den Medien verwurstelt: ein durchaus berührender Moment, der die tiefe Ernsthaftigkeit des Unternehmens verbürgt. Dafür sorgt auch die erstrangige Sängerriege, allen voran die hinreißende Nadja Michael, deren Kassandra die tragische Höhe des ersten Teils außerordentlich packend realisiert. Auch die Dido der Cornelia Helfericht ist ausgesprochen präsent. Robert Chafin ist ein wendiger, kraftvoller Aeneas, und James Moellenhoff stellt den Minister Narbal, szenisch wie vokal, ausgesprochen se-riös auf die Bühne. Daneben glänzt der innige Choeroebus des Tommi Hakala. Ein Extralob für den herausragenden Chor, der durchaus als eine Hauptperson agiert. Marc Albrecht leitet das Gewandhausorchester äußerst differenziert durch Berlioz‘ Wunderpartitur. So entstand eine – in jedem Sinne – phantastische Aufführung.

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