Tödliche Leidenschaft

Der Orgasmus wird gelegentlich als „kleiner Tod“ bezeichnet. Bei „Killing me softly“ geht es sowohl um Orgasmen wie um Tote. Es handelt sich um einen sogenannten Erotik-Thriller, der stark mit weiblichen Fantasien spielt. „Killing me softly“, sanft, aber bestimmt von einem Partner an die Grenzen der eigenen Körperlichkeit geführt zu werden, bis zum Schmerz, bis nah an den Tod, ganz ausgeliefert zu sein, magnetisch angezogen und doch voller Furcht vor dem unbekannten Wesen Mann – ein geheimer Lustgedanke, der auch in Protagonistin Alice (Heather Graham) latent schlummert. Die amerikanische Managerin lebt mit ihrem biederen Freund Jake in London. Ihre Partnerschaft beruht auf Rücksichtnahme, Verständnis und geordneten Tagesabläufen. Bis zu jenem Tag, als Alice auf dem Weg zur Arbeit den Blick eines sie faszinierenden Fremden streift. In ihrer Mittagspause verläßt sie unruhig das Büro und findet den Fremden in einem Buchladen wieder. Ohne viel Worte zu verlieren, ordert er ein Taxi und beide fahren in seine Wohnung. Dort angekommen übermannen sie leidenschaftliche Gefühle und es kommt zu spontanem Sex. Sie treffen sich bald darauf erneut. Schließlich beendet Alice die Beziehung zu ihrem bisherigen Freund und heiratet ein paar Tage später überstürzt ihren drängenden neuen Liebhaber, den bekannten Bergsteiger Adam Tallis (Joseph Fiennes). Es folgen glückliche Tage, bis anonyme Briefe Alice erreichen, in denen sie vor ihrem Ehemann gewarnt wird… Leider verspielt der Film ab diesem Zeitpunkt sämtliche Chancen. „Killing me softly“ beginnt nämlich durchaus vielversprechend. Zwar agieren – abgesehen von Hauptdarstellerin Heather Graham – überwiegend zweitklassige Mimen (Joseph Fiennes hätte es – wie manchem Männermodel – besser gestanden, einfach schön und still zu bleiben, statt sich in Text und Mienenspiel zu üben), doch wird dies durch einen gelungenen, rasanten Schnitt sowie eine professionelle Ausstattung und Kameraführung wieder wett gemacht. Der ersten Begegnung und den heimlichen Treffen Alices und Adams haftet eine durchaus magische Stimmung an, die Leidenschaft ist mitreißend zu spüren. Vielleicht hätte es Drehbuchschreiberin Kara Lindstrom bei der Schilderung dieser ekstatischen Liebesgeschichte belassen sollen. Gegen Ende des Films nämlich wird das Geschehen immer unglaubwürdiger. Es scheint, als ob nun krampfhaft noch ein Thriller zu Ende gebracht werden mußte, extrem konstruiert und schließlich mit einem grausam abgehackten Finale, da wohl das Budget nicht für einen Überlänge-Streifen gereicht hat. Vom harmonischen Erzählrhythmus der ersten Filmhälfte bleibt immer weniger übrig. So häufen sich die Ungereimtheiten: Weshalb zieht zum Beispiel Alices alte Freundin auf einmal zu Alices Ex-Freund, obwohl dieser darüber gar nicht glücklich erscheint? Weshalb wendet sich die Journalistin Joanna (Yasmin Bannermann), die einen Artikel über den Bergsteiger Adam schreiben möchte, an Alice, weil sie ein Fax einer Frau erhalten hat, die behauptet, von Alex vergewaltigt worden zu sein? Schließlich hatte Joanna Alice zuvor nur einmal kurz gesehen. Yoanna hätte selber recherchieren können oder das Fax wegschmeißen, wenn es ihr unglaubwürdig erschienen wäre. Statt dessen entwickelt sich Alice zur Hobby-Detektivin, die plötzlich anfängt, Angst und Mißtrauen gegenüber Adam zu empfinden. Schließlich flüchtet sie ausgerechnet zu Adams Schwester, obwohl zwischen den beiden kein besonderes Vertrauensverhältnis existiert. Und Alice orakelt gar von einer Örtlichkeit, an der sie die vergrabene Leiche einer Ex-Geliebten Adams vermutet, bloß weil jener an dieser Stelle einmal ein Foto von ihr geschossen hat. Schließlich versucht die ihren Bruder abgöttisch liebende Schwester, diesen gar zu erschlagen – aus welchem Grund auch immer. Wahrscheinlich nur, weil Kara Lindstrom ihr erstes verfilmtes Drehbuch aus Faulheit oder Unvermögen nicht noch einmal gründlich überdenken oder überarbeiten wollte. „Killing me softly“ hätte eine gute Liebesgeschichte, sogar ein akzeptabler Thriller werden können. Er hatte Anlagen zu einer Mischung aus Hitchcock-Psychogramm und „9 1/2 Wochen“. Heraus kam nur ein banales B-Filmchen.

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