Das feuchte Element

Ohne Wasser ist kein Heil“, singen die Sirenen im „Faust“. Der Mensch besteht zu über 60 Prozent aus Wasser, er muß dauernd Wasser zu sich nehmen, um nicht zu verdursten, seine Ernten sind vom Wasser abhängig, Schmutz und Unrat, die er verursacht, werden vom Wasser weggespült, das Plätschern und Rauschen von Wasser ist ganz überwiegend erquicklich und regt die Sinne an, setzt Poeten in Gang und bringt Philosophen zum Nachdenken. Der erste abendländische Philosoph überhaupt, Thales von Milet (625-um 547 v. Ch.), war ein Wasserapostel. „Aus Wasser ist alles und alles kehrt ins Wasser zurück“, lehrte er, „das Wasser ist das Prinzip aller Dinge“. Man muß über das Wasser reden. Auch die Vereinten Nationen dachten das und haben 2003 zum „Jahr des Wassers“ erklärt. Es wird eine Menge Kongresse, Seminare und Kommissionen zur Bedeutung des Wassers geben, wie man es reinhalten kann, wie man es gerecht verteilen kann, wie man es „verbessern“ kann. Denn Wasser ist nicht gleich Wasser. Es gibt Grundwasser, Meerwasser, Süßwasser, Brackwasser, Leitungswasser „stilles Wasser“, Sprudelwasser, Brunnenwasser, Regenwasser, hartes Wasser, weiches Wasser, Wasserdampf, Eis … All diese Formen unterscheiden sich durch diverse Zu- und Beisätze, Aggregatszustände, Vorkommen, und von ihrer jeweiligen Befindlichkeit hängt ein gut Teil der menschlichen Geschichte, der Weltgeschichte ab. Seit einiger Zeit spricht man – besonders im wüstenreichen Nahen Osten – vom „Kampf ums Wasser“, der immer erbitterter werde und an politischer Brisanz bald den Kampf ums Öl in den Schatten stellen werde. Die verfeindeten Nationen und Religionsgemeinschaften fangen an, sich gegenseitig das Wasser abzugraben. Diejenigen, die an der Quelle sitzen, errichten in den Abflüssen gewaltige Rückhaltewerke, um den anderen das Wasser je nach Wohlverhalten entweder zuteilen oder verweigern zu können. In der Kommunistenzeit gab es in der Sowjetunion irrwitzige Pläne, ganz riesige sibirische Ströme mittels Atomexplosionen „umzuleiten“, das Wasser zu zwingen, statt den Berg hinab den Berg hinauf zu fließen, nicht ins Eismeer, sondern in die Wüsten Mittelasiens. Den berühmten baktrischen Flüssen Oxus und Jaxartes (Amu-Darja und Syr-Darja) wurde inzwischen so viel Wasser entnommen, daß ihr Mündungsgewässer, der einst gewaltige Aralsee, hoffnungslos schrumpfte und versalzte, mit traurigsten Folgen für Flora und Fauna. Ähnlich erging es dem Kaspischen Meer, weil die Sowjets der zufließenden Wolga über Gebühr das Wasser stauten und entzogen. Heute denken Terroristen darüber nach, wie sie ihren Zielobjekten „die Brunnen vergiften“, das heißt die Leitungssysteme für Trinkwasser verseuchen können. Und während in einigen zivilisierten Gegenden, zum Beispiel in Deutschland, strengste Vorschriften für Industrie- und Kloakenabwässer erlassen wurden, so daß einige ehemals schon „tote“ Flüsse fast schon wieder in ihren Normalzustand zurückversetzt sind, fließt anderswo, besonders in gewissen übervölkerten Gebieten der sogenannten Dritten Welt, immer mehr Kloake und Industriegift in die Bäche und Ströme. Die Zahl der Länder, in denen man ohne Gefahr für Leib und Leben Leitungswasser trinken kann, geht dramatisch zurück. Ein Kapitel für sich ist das Meerwasser, das Wasser der Ozeane und Archipele. Noch immer wird dort hinein „verklappt“, wie der Fachausdruck heißt, das heißt noch immer und immer wieder versucht man, radioaktiven und sonstigen Müll, den man billig loswerden will, im Meer zu „entsorgen“. Auch formiert sich deutlich sichtbar eine Meeresboden-Industrie, denn im Meer lagern außer Öl noch weitere riesige, abbaufähige Vorräte wertvollster Bodenschätze, und die Prospektoren entdecken täglich neue. Dabei weiß die Wissenschaft faktisch noch nichts darüber, welche ökologischen Auswirkungen eine voll entfaltete Meeresboden-Industrie für die Natur und für die Menschheit hätte, Nutzen und Kosten sind noch nicht annähernd abgeschätzt. Viele Themen also für das „Jahr des Wassers“, und ein Jahr ist kurz. Man sollte sich zu konzentrieren versuchen. In vorderer Linie sollte es darum gehen, die beträchtlichen Erfahrungen, die „entwickelte“ Länder wie Deutschland mit Wasserhaltung, Wasserbehandlung und Wasseraufbereitung haben, international auszuwerten und für andere nutzbar zu machen, wobei man natürlich auch gleich Lehren aus den Fehlern, die hierzulande gemacht wurden, ziehen muß, etwa bei der berüchtigten „Begradigung“ von Bächen und Flüssen, beim nicht weniger berüchtigten „Trockenlegen“ oder beim Kanalbau. Freilich ist Deutschland im Hinblick auf sein Wasser ein glückliches, ungemein privilegiertes Land. Wer die Wassernöte der Gegenwart erfolgreich angehen will, der muß wohl vor allem von den historischen und aktuellen Leistungen in den wassermäßig weniger privilegierten Ländern lernen, die ja ganz außerordentlich sind. Der Umgang heutiger Beduinenstämme mit dem in ihrem Alltag so knappen Wasser, ihre ganz selbstverständliche Behutsamkeit und trickreiche Rationalität dabei, nötigt Bewunderung ab, verweist auf uralte Erfahrung und eine stolze Tradition des Bewahrens, Rein- und Maßhaltens. Man erinnert sich der herrlichen Kanal- und Bewässerungsbauten der alten Ägypter, der Chaldäer, der Inkas. Sie bewährten sich jahrhunderte-, jahrtausendelang, hielten die Wüste fern und die Brunnen klar, ohne der Natur Gewalt anzutun – und sie verfielen, als gierige, dumme Barbaren einbrachen, die außer Kindermachen nichts konnten, die die Wasser verschweinten und vor den feinen Wasserkünsten standen wie der Ochse vorm neuen Tor. Gegen solcherart Ignoranz und brutale Verbrauchermentalität sollte im Jahr des Wassers Front gemacht werden, dann wäre schon manches Scharmützel gewonnen. Vor utopischem Größenwahn im Stile der sowjetisch-sibirischen Ströme-Umleiterei ist zu warnen. Es wirkt in diesen schweren Zeiten nur töricht, wenn man sich – wie zur Zeit in China – an der Monumentalität neu errichteter Staudämme berauscht, deren ökologische Dimension noch gar nicht ordentlich durchgerechnet ist, und in den Medien immer wieder triumphierend vom „Sieg der Wasseringenieure über die Natur“ tönt. Es kann keinen „Sieg“ über die Natur geben, auch in der Wasserwirtschaft nicht, es kann nur ein Zusammengehen mit der Natur geben. Der volle Zorn der internationalen Gemeinschaft (wenn es sie denn gibt) muß sich im „Jahr des Wassers“ aber gegen jene politischen Brunnenvergifter und Wasserabgraber richten, die schon unheilige Koalitionen schmieden und glauben, mit der Folterschraube des Durstes Ziele erreichen zu können, die sie mit militärischen oder terroristischen Mitteln nicht erreicht haben. Für solche Unglückseligen darf nur eine Wahrheit gelten: „Ihr habt eure Hoffnung ins Wasser geschrieben.“

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