Schicksalsgemeinschaft

Wenn Gerhard Schröder es mit seiner Friedensbewegung ernst nähme, müßte er die Intervention einer alliierten Streitmacht in den Vereinigten Staaten fordern. Er müßte sich dafür einsetzen, daß George W. Bush vor den Internationalen Gerichtshof gezerrt würde. Weil Gerhard Schröder weiß, daß er dies nicht kann, ist seine moralische Position einem Politiker nicht angemessen. Sie ist unpolitisch, weil sie unwirksam ist, irrelevant, konsequenzlos, ehrenwert gerade noch für einzelne, verzweifelte Bürger, lächerlich für einen Bundeskanzler. Das Unwirkliche des Vorgangs rührt aus einer nichtgestellten Frage: Es ist die Frage nach der deutschen Nation. Ein einfaches Gedankenspiel verweist auf diesen Hebelpunkt. Schröders Politik verlangt schon jetzt den Deutschen einiges ab. Exporteinbrüche auf den angloamerikanischen Märkten sind zu verzeichnen, die Umsatzrückgänge werden durch begeisterte Solidaritätskäufe aus arabischen Staaten nicht auszugleichen sein. Es ist nicht geschmacklos, angesichts des Krieges über Arbeitsplätze nachzudenken: Jeder Entlassene sollte verstehen können, daß er auf einem gemeinsamen Weg diesmal eine besonders schwere Last zu schultern hat. Anders: daß die Konsequenzen nationalen Handelns individuell ertragen werden müssen. Die Nation als Schicksalsgemeinschaft zu verstehen, setzt voraus, daß ein „Wir“ im Bewußtsein jedes einzelnen verankert ist. Die Bundesrepublik hat es insgesamt versäumt, dieses „Wir“ zu bestimmen und vom „Nicht-Wir“ abzugrenzen. Die deutsche Nation weist deshalb alle pathologischen Merkmale einer Person mit gespaltenem Bewußtsein auf. Dabei lag es selbst für Gerhard Schröder so nahe, die Frage nach der Nation zu stellen: Denn noch immer ist die Nation das einzige, wirklich handlungsfähige Subjekt der Außenpolitik. Alle internationalen Gremien und Vereinigungen basieren auf einzelnen Nationen. Auch der amerikanische Alleingang basiert auf der Nation, auf einer Nation allerdings, die mit mächtigen Erzählungen, Bildern und Botschaften dem Individuum den Tod als äußerste Konsequenz nationaler Politik aufzubürden imstande ist. Das ist es: In ihrer Bereitschaft, Konsequenzen zu tragen, ist die Geschlossenheit der amerikanischen Nation phänomenal, beneidenswert phänomenal. Gerhard Schröder hat seine Nation zu Alleingängen verführt, ohne daß sie wüßte, wozu sie in der Lage und was sie zu ertragen imstande sei, und ohne daß der Kanzler selbst es wüßte. Dies kennzeichnet ihn als verantwortungslosen, unpolitischen Politiker. Weit vor dem Krieg, am 8. Mai 2002, lud Schröder zu einem Gespräch über „Nation, Patriotismus, demokratische Kultur“ in die SPD-Zentrale nach Berlin ein. Seine absurde Rede, in der die Nation sich auflöste und zugleich die Weltgemeinschaft konstituierte, zeigte schon damals, daß er die nationale Frage nicht stellen würde. Damals war Friede. Der Ernstfall macht das Fragen dringend. Doch nicht einmal im Ernstfall stellt Schröder die nationale Frage.

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