Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Pankraz, Wolfgang Petersen und die Ilias ohne Götter

Kann man aus Blitz und Donner Butter machen? Wohl kaum. Aber aus der Bibel oder aus der Ilias Hollywoodfilme machen, das traut man sich zu. Jetzt beginnen in Marokko die Arbeiten am "Trojanischen Krieg", dem neuen Film des Regisseurs Wolfgang Petersen. Die Filmgesellschaft Warner Bros. hat ihn mit dem Großprojekt beauftragt. David Benioff hat das Drehbuch geschrieben. Das Ganze soll etwa 150 Millionen Dollar kosten.

Man vernimmt die Botschaft mit Bangen. Das Beispiel der diversen Bibel- und Jesusfilme läßt Schlimmes befürchten. Alle diese Hervorbringungen sind ja völlig mißlungen, und wie denn auch anders? Was im Original äonenweit über das Bild hinausragt, das kann nicht ohne Totalverlust ins Bildchen zurückgesperrt werden. Herauskommen kann immer nur Oberammergau mit Schießbaumwolle.

Neben und nach der Bibel ist die Ilias ein Grundbuch der abendländischen Religiösität und Kultur, ein Göttergeschenk, aus dem sich alles übrige ableitet, unser Sprechen und Denken, Hoffen und Fürchten. Andererseits, sagt Regisseur Petersen mit Recht, kann man Götter nicht im Film darstellen, ohne sie zur Karikatur zu machen. Die Götter bleiben also draußen. Was wird demnach bleiben? Ungeheures Schwertgeklirr und riesiger Statistenauflauf und im Mittelpunkt Brad Pitt als Achilles, zwar prächtig anzusehen, aber im buchstäblichsten Sinne von allen Geistern verlassen, ein Raufbold und Serienheld wie irgendeiner.

Nicht Wolfgang Petersen, sondern Jean Marie Straub sollte die Ilias verfilmen, wenn es denn schon sein muß. Nicht Massenspektakel und Spezialeffekte wären angebracht, sondern bedachtsame, skrupelhafte Symbolproduktion, Bilder, die durch die Bank etwas meinen, was nicht sinnlich in ihnen angelegt ist, verstörende Metaphern, Schattenspiele, noch besser Puppenspiele.

Die Ilias als raffiniert abphotographiertes altsizilianisches Puppenspiel, in gehobener Sprache und verstörender, zwischen gregorianischem Gesang und Zwölftontechnik changierender Musik, mit feierlichen, schicksalsschwangeren Pausen nach jedem Gesang – das wäre die einzig angemessene Art, die Ilias auf die Leinwand oder ins Fernsehen zu bringen. Aber dann würde sie an den Kinokassen und im Filmhandel natürlich nichts einbringen, und deshalb wird es einen solchen Film nicht geben.

Immerhin verspricht Wolfgang Petersen, ein geschmackssicherer, klassisch gebildeter Herr, daß sich sein Troja-Opus an der nachhomerischen griechischen Tragödie orientieren werde, daß es also keine dümmliche Schwarzweißmalerei à la George Bush jun. geben, sondern daß beiden kämpfenden Seiten Gerechtigkeit und Mitleid widerfahren werde. Der Film soll auf keinen Fall ein Beitrag zur psychologischen Aufrüstung sein, eher ein Anti-Kriegs-Epos im Stil der "Troerinnen" von Euripides.

Außerdem, verrät Petersen, will man sich energisch auf die Herausarbeitung der Gestalt des Achilles kaprizieren, und dafür käme der Einsatz des Superstars Brad Pitt, den sich Hollywood ausdrücklich ausbedungen habe, sehr recht. Auch Achilles sei ja zu seiner Zeit ein Superstar gewesen, die ganze Ilias drehe sich im Grunde um Achilles und seine Frauen, und die ausführliche Darstellung dieser Konstellation werde der Massenwirksamkeit des Streifens zweifellos zugute kommen.

Nun, man wird sehen. Der Achilles der Ilias ist vielleicht ein Frauenheld, aber in erster Linie und vor allem anderen ist er ein Held ohne alle Abstriche und Zusätze, eine Gestalt wie aus einem Existenzialistenstück von Sartre, die in freier Entscheidung ein kurzes, intensives Kriegerleben inklusive Heldentod wählt, wenngleich sie ein schönes, glanzvolles Friedensleben mit unzähligen schönen Frauen haben könnte.

Man erinnert sich: Die Mutter des Achilles, Thetis, kennt das Orakel, wonach ihr Sohn fallen werde, sofern er an dem Krieg gegen Troja teilnehme. Sie steckt ihn in Mädchenkleider, um ihn vor dem Schicksal zu schützen, schickt ihn weit weg an den Musenhof des weichlichen Königs Lykomedes von Skyros, wo nur geklampft und gezwitschert wird. Aber der schlaue Odysseus, der weiß, daß die Achäer den Krieg gegen Troja ohne Achilles nicht gewinnen können, erscheint vor Lykomedes, wirft Schild und Schwert unter die zirpenden Hofdamen – und sofort stürzt sich Achilles darauf und folgt Odysseus, obwohl er weiß, das ihm der Tod blüht.

Zwar zieht er sich vor Troja "wg. Weibergeschichten" (der Befehlshaber Agamemnon hat ihm das Mädchen Briseis weggenommen) grollend vom Kampfgeschehen zurück, aber der Tod seines geliebten Kampfgefährten Patroklos macht ihn sofort wieder mobil und zur rasenden Bestie. Der Krieg wird total, wird zum gnadenlosen Gemetzel, und Pankraz fragt sich wirklich, wie es Wolfgang Petersen da gelingen soll, Geschmack zu bewahren und seinen schönen Brad Pitt bis zum Ende einigermaßen sympathisch erscheinen zu lassen.

Ohne den ständigen Blick auf die Götter ist die Ilias in jeder Hinsicht eine Verlegenheit, moralisch, ästhetisch, dramaturgisch, so wie die Bibel ohne Gottvater & Gottsohn eine sinnlose, streckenweise blutrünstige Verlegenheit wäre. Nur durch das unablässige Mitspielen der Götter hat das Epos die Zeiten überdauert, konnte zum Hauptbuch des Humanismus und der abendländischen Bildung werden, konnte unzählige Diskurse befeuern und unzählige poetische und bildliche Darstellungen evozieren.

Wenn jetzt ein Hollywoodfilm die Ilias ohne Götter zeigt, kann gar nichts anderes als ein Wechselbalg herauskommen, ein Zwitter aus "Quo vadis?" und "Gladiator", bestenfalls. Es wird ein weiterer Abschied von der abendländischen Bildung sein, wahrscheinlich ein Abschied mit Gebrüll und schönen Farben, aber eben ein Abschied. Schade, daß wir uns das antun.

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