Nicht umsonst sterben

Den Finger im Mund, eine Träne im Auge, die Gedanken jenseits von nah und fern. Klaus Kinski posiert hautnah auf dem Titelfoto, auf zwei Radio-Mitschnitten aus den sechziger Jahren hören wir ihn unplugged. Der Hessische Rundfunk hat die „Hörspiele“ des damaligen Mittdreißigers, der 1991 in Kalifornien gestorben ist, jetzt erstmals auf CD veröffentlicht. „So waren die Seitenübergänge stets von einem Abreißgeräusch begleitet, was vom Tonmeister artistische Schnitt-Technik verlangte“, erinnert sich der an den Aufnahmen beteiligte Schauspieler Günther Schramm im Begleitheft. „Und trotzdem brach das unbezweifelbare Genie des Klaus Kinski immer wieder durch. Manchmal so, daß es mir (wortwörtlich) die Sprache verschlug.“ Die Lobeshymne erklingt zu Recht: Wie Kinski auf Horst Bieneks „Sechs Gramm Caratillo“ und „Die Nacht allein“ von Wolfgang Graetz mit seiner Stimme musiziert, Stimmungen erzeugt, Akzente setzt, Rollen lebt, ist ein symphonisches Klang-Gewitter, ein Kleinod artistischer Sprechkunst. Das Ticken der Uhr, ein Atemzug, dann endlich Kinski: „Es ist soweit, ich schalte jetzt das Tonband ein.“ Im halbstündigen Solo-Hörspiel „Sechs Gramm Caratillo“ ist er ein Wissenschaftler, der sich in einem tödlichen Selbstversuch ein mexikanisches Gift injiziert und sein Sterben mitschneidet. „Und jeder Herzschlag ist ein Stoß, der mich dem Ende näher treibt“, haucht Kinski. „Irgendwo habe ich mal gelesen, daß im Sterben die Bilder der Vergangenheit lebendig werden.“ Diese Erinnerungen martern ihn: sein Hinkfuß, der verblutende Vater, die Liebesfarce mit der Mutter des Freundes. „Meine Zunge wird trocken, Speicheltätigkeit vermindert, ich werde etwas Selterwasser trinken.“ Der Theoretiker okkupiert den Gefühlsmenschen, der leben will. Tick, tack, der Sekundenzeiger springt weiter, plötzlich klingelt das Telefon, zu spät, das Gift durchdringt schon den Körper. Kinski schafft den inneren Spagat, ist intensiv präsent, unwiderstehlich seufzt, stöhnt, flucht er, daß uns erst die Vernunft zu Krüppeln mache, „diese Scheiß Vernunft“. Ein akustisches Dramolett erleben, hören, sehen wir, wahre Bilder, lebendige Sprache, reale Fiktion. „Warum nehmen sich die Menschen eigentlich das Leben?“ fragt Kinski, der fünf Jahre vor der Studioaufnahme einen Selbstmordversuch unternahm. „Ach ja, nicht umsonst sterben, ja, das ist es.“ Stille, Atmen, mit dem Weckerklingeln ist alles vorbei. Ein pfeifend-unbeschwerter Klaus Kinski eröffnet „Die Nacht allein“. Als weltoffener Kunsthändler Reinhold Bunge checkt er im Hotel ein, aber er ist ein verlorener Steppenwolf, beruflich wie privat. „Ich muß Betrieb haben, Abschlüsse, verhandeln, rein ins Flugzeug, raus aus dem Flugzeug, Kunden besuchen“, erklärt er Günther Schramm als Nachtportier. Bunge führt eine Scheinehe, mit der Ehefau spricht er weniger als mit einer Bardame. Von Frau zu Frau hastet er, auf der Suche, ohne Ziel. Eine Paraderolle für Kinski, der förmlich die Faust ballt, die Hände über den Kopf schlägt, den Kopf in den Nacken wirft. Seine Sätze sind magnetische Dolche, sein Timbre watteweiche Rasierklingen, der Wolf im Schafspelz brilliert als Sprachästhet und Gefühlstyrann. Als seine Ehefrau verunglückt, wähnt sich Bunge frei, vergebens: „Es gibt keine Resultate, das ganze Theater kann wieder von vorn beginnen.“ Eine Prise Strindberg, Kafka und Sartre, aber vor allem vierzig Minuten lang aus dem Gefühlsleben des Klaus Kinski. „Ich bin sehr einsam“, schrieb er in seiner Autobiographie „Ich brauche Liebe“. „Wir können nie wieder getrennt sein. Denn wir sind wieder eins geworden: Licht, Luft, Feuer, Wasser, Himmel, Wind…“ Klaus Kinski: Hörspiele: „Sechs Gramm Caratillo“ und „Die Nacht allein“; Random House Audio, 1 CD, 73 Minuten, 14,50 Euro.

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