Der Wechselbalg

Ein Jahr alt sind die Euro-Münzen und -scheine geworden. Geburtstag ist auch ein Anlaß, Bilanz zu ziehen. Ein „menschelnder“ Vergleich verbietet sich allerdings. Heraus käme eine mitleidige Betrachtung, die seinen Erzeugern schon recht wäre, um mit diesem psychologischen Trick von der Fehlentwicklung abzulenken. Zu diesem Mittel wurde zuletzt bei der Vergabe des Aachener Karlspreises 2002 gegriffen, der dem Euro verliehen wurde, obwohl der für Persönlichkeiten gedacht ist, die sich um die Europäische Einheit verdient gemacht haben. Eher bietet sich da schon ein Vergleich mit dem einjährigen Bestehen einer neugegründeten Firma an – eine häufig zelebrierte, aber peinliche Methode, um über den lahmen Start eines deplazierten Gewerbebetriebes hinwegzutäuschen, den im Grunde niemand braucht und will. Seit der Einführung des Euro-Bargelds ist die Zustimmung zur Währungsunion immer weiter zurückgegangen. Heute finden 57 Prozent der Deutschen den Euro schlecht, das sind 6 Prozentpunkte mehr als im letzten Juni. Die Befürworter des Euro-Bargeldes sind von fast 70 Prozent bei seiner Einführung, auf nur noch 41 Prozent geschrumpft. 59 Prozent trauern immer noch der D-Mark nach. Dennoch haben sich zwei Drittel der Deutschen mit dem Wechsel abgefunden und hoffen darauf, daß der Euro langfristig erfolgreich ist. Ob er einmal wirklich so stabil wie die D-Mark werden wird, läßt sich nach einem Jahr kaum beantworten. Fest steht allerdings, daß die deutsche Wirtschaftsflaute – auch für die Nachbarstaaten – erheblich einfacher zu verkraften wäre, wenn es die D-Mark samt flexiblen Wechselkursen noch geben würde. Bei solch einem fulminanten Fehlstart eines Produkts empfehlen alerte Marketing-Experten ein sogenanntes Re-Launching. Da aber der Stapellauf des Euro-Geldes nicht wiederholbar ist, wird zu kleinen kosmetischen Tricks gegriffen. So soll künftig ein Ein-Euro-Schein ausgegeben werden, der sich doch ähnlicher Beliebtheit – insbesondere als Trinkgeld – erfreuen möge, wie der Ein-Dollar-Schein. Das zusätzliche Ein-Euro-Schein-Argument der Euro-Werbestrategen, damit könnten Inflationstendenzen besser bekämpft werden (wie schnell wird versehentlich eine Zwei-Euro-Münze als Trinkgeld gereicht), signalisiert aber auch: Der Euro steht als Teuro im permanenten Verdacht, inflationsträchtig zu sein. Neben der Zukunft des verschmähten Euros, der manche Auguren nicht mehr als fünf Jahre geben, interessiert immer noch seine Vergangenheit. Nach einer umfangreichen Befragung aller Beteiligten haben englische Historiker kürzlich herausgefunden: Nicht Altkanzler Kohl oder Präsident Mitterand waren die treibende Kraft, sondern – Hans-Dietrich Genscher. Er hat, ein Jahr vor der Wende 1989, die Franzosen angetrieben, die Beseitigung der D-Mark zu fordern. Wenn jetzt die Euro-Väter stolz ihren einjährigen Sohn auf dem Schoß halten, sollte also auch auf den versteckt grinsenden Herren im Hintergrund geachtet werden.

Ahriman Verlag
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles