Nicht nur für Vertriebene

Es zählt zu den erfreulichen Beobachtungen der letzten beiden Jahrzehnte, daß sich die regionalgeschichtliche Forschung an vielen Stellen endgültig aus ihrer allzu engen lokalen Fixierung befreien konnte. Gerade historische Darstellungen über die deutschen Ostgebiete sind dadurch weitaus attraktiver geworden. Ein gutes Beispiel für diese Professionalisierung bieten die „Jahrbücher für sudetendeutsche Museen und Archive“, die vom Sudetendeutschen Archiv in München herausgegeben werden. Verbindendes Anliegen ihrer Autoren ist es, die Geschichte Böhmens und Mährens immer wieder in einen deutschen, österreichischen, tschechischen und allgemeineuropäischen Gesamtkomplex zu rücken. Durch eine attraktive Aufmachung und das breite Themenfeld von Politik-, Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte spricht die Publikation längst auch Interessenten über die klassischen landsmannschaftlichen Kreise hinaus an. Gute Beispiele dafür aus den letzten beiden Jahrbüchern bieten die beiden Aufsätze des bekannten Korporationshistorikers Harald Lönnecker über Mentalitäten, Strukturen und Organisationen in der Prager deutschen Studentenschaft zwischen 1866 und 1933. Lönnecker beschränkt seine Darstellung nicht auf die Prager Korporationsgeschichte an sich, sondern bietet gleichzeitig einen anschaulichen Einblick in die Nationalitätenkämpfe von der Endphase der Donaumonarchie bis in die Parteiengeschichte der ersten Tschechoslowakischen Republik. Ebenso interessant ist die Analyse der Beziehungen und Kontakte zwischen den böhmischen Korporationen und ihren Dachverbänden im Deutschen Reich sowie in Österreich nach 1918. Eine besondere Erwähnung verdient auch der Aufsatz von Franz Wawrik über ethnographische Karten in der Österreich-Ungarischen Monarchie im Jahrbuch 1995-2001. Anhand von Plänen der böhmisch-mährischen Gebiete beschreibt er die Zusammenhänge zwischen den Vorstellungen von Kartenherausgebern bzw. -produzenten und den politischen Ansprüchen ihrer Entstehungszeit. Sudetendeutsches Archiv München: Jahrbuch für sudetendeutsche Museen und Archive 1995 bis 2001; Jahrbuch für sudetendeutsche Museen und Archive 2002, 81669 München , Hochstraße 8/II, 332 und 240 Seiten, je Band 19 Euro

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