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Eine empirische Untersuchung des Religionssoziologen Michael Ebertz (Universität Freiburg) kommt zu dem Ergebnis, daß die Katholiken in Deutschland in der Mehrheit mit ihren katholischen Glaubenswahrheiten nichts mehr anfangen können: 84 Prozent von ihnen fühlen sich nicht mehr verpflichtet, an der Sonntagsmesse teilzunehmen, obwohl das Sonntagsgebot der Kirche nach wie vor gilt. Nur noch 18,7 Prozent glauben einer Emnid-Studie von 1997 zufolge an einen persönlichen Gott. Eine Allensbach-Studie wiederum ergab, daß mehr als 40 Prozent der katholischen Kirchenmitglieder die Welt nicht mehr für eine Schöpfung Gottes halten. Von den wenigen Gottesdienstbesuchern sympathisiert ein Drittel mit der Reinkarnations-Lehre. Andere dieser „Gläubigen“ haben sich einen subjektiven Eklektizismus zusammengebraut, der mit Elementen aus esoterischen Vermutungen, Buddhismus und anderen fernöstlichen Heilslehren gemischt ist. Die Glaubenskrise in jüngster Zeit ist indes nicht zufällig; die Apostasie ist ein Prozeß, der von Menschen aus Fleisch und Blut initiiert und umgesetzt wurde. In den vergangenen Jahrhunderten kamen die Angriffe gegen die Kirche von außen und ermöglichten so immer eine eindeutige Freund-Feind- Zuordnung – dieses bequeme Schema hat sich mit dem Siegeszug der Moderne gewandelt. Schon im 19. Jahrhundert wurde ein großer Teil des Klerus angesichts der technischen Entwicklung vom Fortschrittsglauben mitgerissen. Man stand zwar noch am Altar und sprach die lateinischen Wandlungsworte, aber im Herzen huldigte man schon der neuen Allmacht aus Stahlbeton und chemisch-physikalischen Abläufen. Die oberste Hierarchie der katholischen Kirche war sich der Gefahren wohl bewußt, denn nicht umsonst schmetterten die Pius-Päpste einen Bannfluch nach dem anderen gegen die Errungenschaften der Neuzeit. Das Verzeichnis der zu verurteilenden Irrlehren (Syllabus) ist vielleicht das beeindruckendste Zeugnis dieser Abwehrschlacht. Der Antimodernismus-Eid, den jeder Priester bis 1967 leisten mußte, war ein weiteres Bollwerk gegen den Liberalismus, jedoch Vergeblich. Nach Papst Pius XII. bestiegen die Paulus- und Johannes-Päpste den Thron zu Rom und rissen die schützenden Unterstände in wenigen Jahren nieder. Mit der schmeichelnden Losung, man wolle die Kirche mit der Welt versöhnen, rief man den führenden Klerus zu einem erneuten Konzil in den Vatikan zusammen. Viele heutige Bischöfe und Kardinäle lernten damals, in der Zeit zwischen 1962 und 1965, wie man durch geschickte Formulierungen die Glaubenswahrheiten aufweichen kann. Unter ihnen war nicht nur der heute als „erzkonservativ“ geltende Kardinal Ratzinger, sondern auch ein polnischer Bischof, Karol Wojtyla, der wenige Jahr später, 1978, als Papst Johannes Paul II. die Wahlrunde des Kardinalskollegiums verlassen sollte. Wie kaum ein anderer Papst hat Woj-tyla durch seine inzwischen über zwanzigjährige Regierungszeit die katholische Kirche geprägt. Er ist es, der die volle Verantwortung für die eingangs skizzierte Apostasie trägt. Daß seine zahlreichen Anhänger nach seinem Tod nicht von einem ungewollten Mißgeschick oder gar übler Nachrede sprechen können, ist das Verdienst der bisher umfangreichsten Biographie über Johannes Paul II. Dem Verfasser George Weigel, Inhaber des John-M.-Olin Lehrstuhls für Religion und Amerikanische Demokratie in Washington D.C., ist – sicherlich nicht mit dieser Intention – eine brillante Anklageschrift gelungen. Geradezu minutiös schildert er auf 936 Seiten nahezu alle Facetten einer Persönlichkeit, die dazu auserkoren war, der „mystischen Braut Christi“, wie die Kirche in den Texten der Kirchenväter genannt wird, eine Geschlechtsumwandlung zu verpassen. Dabei steht außer Frage, daß Wojtyla aus frommen Motiven handelte. Während des Konzils betonte er immer wieder die Notwendigkeit, „die Zeichen der Zeit“ zu erkennen. Die Schrecken der deutschen Besatzung Polens, die Wojtyla als illegaler Seminarist in Krakau erlebt hatte, der Krieg und der anschließende Fall vom „deutschen Regen“ in die „sowjetische Traufe“, waren für ihn die traumatischen Erlebnisse einer zerstörten abendländischen Humanität. Diese christliche Humanität mußte neu definiert und für den postmodernen Menschen wieder zugänglich gemacht werden. Daher pochte er auch später als Papst unentwegt auf die Notwendigkeit des „Dialogs“. Das Gemeinsame suchen und darüber reden und nochmals reden – so könnte man das Wojtylasche Pastoral zusammenfassen. Das Dekret über die Religionsfreiheit, über das während des Konzil besonders heftig gestritten wurde, unterstützte auch Wojtyla, der inzwischen zum Erzbischof von Krakau ernannt worden war. Mit den Worten seines Biographen Weigel: Es sei ihm von größter Bedeutung gewesen, „Freiheit in ihrer ganzen Vielschichtigkeit zu verstehen und sie nicht auf eine neutrale, indifferente Entscheidungsfähigkeit zu reduzieren. Freiheit sei Freiheit für etwas, nicht einfach Freiheit gegen etwas. Und Freiheit sei Freiheit für die Wahrheit. Erst wenn der Mensch in der Wahrheit lebe, sei er wirklich frei.“ Es sind diese verschnörkelten und konstruierten Gedankengänge, die ungewollt nicht nur das Wesen Wojtylas treffend charakterisieren, sondern auch die ganze Misere der nachkonziliaren Periode. Während bis dahin kirchliche Texte immer durch unmißverständliche Klarheit bestachen – ganz dem biblischen „Dein Ja sei ein Ja, Dein Nein sei ein Nein“ verpflichtet – dämmerte nun die Zeit der weitschweifigen Verlautbarungen herauf. Kein Halbsatz verläßt seitdem die kirchlichen Kanzleien, der nicht in alle möglichen Richtungen hin zu interpretieren wäre. Auffallend ist, daß Weigel zwei ganze Kapitel dem Konzils widmet und praktisch das ganze Wirken Johannes Pauls II. im Lichte des Konzil sieht, dabei aber kein einziges Mal von Kardinal Annibale Bugnini (1912 – 82) Notiz nimmt, obwohl dieser mit der ebenfalls heftig diskutierten Durchführung der „liturgischen Reformation“ betraut war. Kaum zu glauben, daß Wojtyla dazu keine Meinung hatte. Bugnini wurde später als Freimaurer enttarnt und von Paul VI. in den Iran strafversetzt. Auffallend wenig, kaum mehr als eine Seite, weiß Weigel über das Opus Dei zu berichten, obwohl die Organisation bekanntlich von Johannes Paul II. sehr geschätzt und gefördert wird. Aber außer einer allgemeinen Beschreibung und dem Hinweis, daß „das Werk sehr umstritten“ sei, macht Weigel keine weiteren Anmerkungen. Im Vergleich dazu räumt er dem Problem mit den „Lefebvreisten“ mehrere Seiten ein, ohne allerdings die von Erzbischof Lefebvre gegründete „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ namentlich zu nennen. Bei den unerlaubten Bischofsweihen von 1988 hätte Weigel auch den Hinweis bringen müssen, daß es sich dabei um Hilfsbischöfe handelte, die keine neue Hierarchie begründeten, von einem Schisma also keine Rede sein kann. Ebenso unterschlägt der Verfasser bei diesem heiklen Thema den Wunsch Lefebvres nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren und die Tatsache, daß seine – unerwähnte – Piusbruderschaft 1970 mit der schriftlichen Erlaubnis Roms zustande gekommen war. Hier hätte Weigel viel gründlicher recherchieren müssen. Obwohl das Buch gut lesbar ist und eine überwältigende Fülle von Details enthält, wird man schon bald von dem Pathos strapaziert, mit dem immer wieder von „Menschenwürde“, „Würde der Frau“, „Menschenrechte“, „Demokratie“ und ähnlichen Errungenschaften berichtet wird, für die der Vatikan unentwegt streite. Dabei scheint dem Theologen Weigel während seiner zwanzigjährigen Beschäftigung mit dem Thema völlig entgangen zu sein, daß die römische Kurie die Aufgabe hat, für das Recht Gottes zu kämpfen. Sein „Reich komme“ – und nicht sozialistische Utopien einer „gerechten Welt“. Mit der Papst-Biographie kommen letztlich beide Seiten auf ihre Kosten: Für die Anhänger ist sie eine Jubelschrift, für die Kritiker eine schonungslose Anklage. Abgerechnet wird später. George Weigel: Zeuge der Hoffnung. Johannes Paul II. Eine Biographie. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2002, gebunden, 1.087 Seiten, 49,90 Euro

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