Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Mit den Sätzen untergehen

Als im vergangenen Jahr die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den wichtigsten deutschen Literaturpreis, den Georg-Büchner-Preis, dem Dichter Wolfgang Hilbig zusprach, war die Enttäuschung in der popkulturellen Schmollecke groß. Noch bevor die dort favorisierte Schriftstellerei in den literarischen Kanon aufrücken durfte, war sie bereits wieder abgeschrieben. Die Popliteratur der neunziger Jahre hat das Ende der „New Economy“ nicht überlebt, von der sie einst hervorgebracht wurde und als deren getreuliche Chronistin sie sich immer verstanden hatte. Deren Apologeten suchten in ressentimentgeladenen Berichten und Kommentaren die würdige, ja, alternativlose Entscheidung der Akademie als Entscheidung ewiggestriger Modernisten oder DDR-Nostalgiker hinzustellen und Gegenlisten aufzustellen. Solche Ausfälle lassen allerdings weniger auf die Dichtung Wolfgang Hilbigs als vielmehr auf die Lese(an)gewohnheiten derer schließen, die sie unternehmen, und mehr noch auf den leer weiterlaufenden Legitimierungsdiskurs, der nicht wahrhaben kann noch will, daß der Patient Popliteratur längst unter der Erde ist, derweil die Interpretationsmaschine weiter und weiter am Pumpen gehalten wird. Wie bei ungeordnetem Rückzugsgefecht nicht anders zu erwarten, stehen die widersprüchlichsten und einander ausschließenden Argumentationen gegen den Dichter und sein Schreiben im Felde eng beieinander. Also wird Wolfgang Hilbig einmal zum letzten Vertreter einer literarischen Moderne gestempelt, die längst altmodisch geworden ist, ein andermal zum vormodernen Schreiber, der mit den Erzähltechniken des bürgerlichen Romans gegen die moderne Welt ficht. Eben noch als Apokalyptiker mit dem Faible für mythische Unterwelten gehandelt, dem Wirklichkeit stets noch zur Allegorie gerät, muß der Dichter gleich darauf als letzter Zonenschriftsteller herhalten, dem das Land abhanden kam, von dem seine Bücher handeln. Und läßt sich die düstere Gegenwärtigkeit seiner Dichtung nicht so ohne weiteres in die glorreich überwundene Vergangenheit abschieben, so doch wenigstens zur Privatschau eines orientierungslosen Kafkaepigonen und Heizerliteraten entschärfen, der besser daran täte, endlich seinen Frieden mit der wirklichen Wirklichkeit der Bundesrepublik zu schließen. Allein schon, daß es Literatur diesseits der Popliteratur überhaupt gibt, wirkt als Provokation. Allein schon, daß sie nicht als Massenkultur vereinnahmt und entsorgt werden kann, widerlegt deren vorgeblich universellen Diskurs. Was dieser beharrlich ausspart, bringt sie zur Sprache. Immer noch muß die Mehrheit körperlich arbeiten, damit einige wenige die Ästhetisierung ihrer Körper finanzieren können. Für diese Mehrheit steht bei Hilbig die Figur des Heizers, „überhaupt nicht daran interessiert irgendwelche Rechte für sich einzufordern. Er hätte eine Beschwerde vielleicht gar nicht formulieren können, seine Fähigkeit, sich mitzuteilen, war so verkümmert, daß er auch nicht mehr verstand, was man ihm zufügte, wenn es nicht gerade der reine körperliche Schmerz war. Darüber hinaus schien er eine Notwendigkeit zur Auseinandersetzung überhaupt nicht für möglich zu halten.“ Wessen Arbeitskraft aber vernutzt wurde oder für kapitalistische Verwertungsprozesse überflüssig, der steht tags an der Imbißbude, den Trainingsanzug am Leib, die Bierdose in der Hand. Wer sich nicht ins Allgäu zu einem unterbezahlten Hilfsjob verabschiedet hat, der hört nachts das Donnern der Trucks, die den Joghurt aus dem Allgäu nach Sachsen bringen, an Ruinen leerer Großbäckereien und stillgelegter Heizkraftwerke vorbei, oder der geht als untoter Führungsoffizier seine Runden um die Blöcke, in Leben und Lieben des Bespitzelten weiterlebend und nur noch dort. Der Ort des Dichters Wolfgang Hilbig ist das sächsische Meuselwitz. Hier ist er 1941 geboren, hier hat er zu schreiben begonnen, seine Existenz durch Schreiben gerettet und zerstört: „Dabei hatte es mit dem Schreiben eine ähnliche Bewandtnis wie mit dem Schwimmen: hatte man den Kopf erst einmal über Wasser, hatte man erst mit dem Schwimmen begonnen, dann war es unmöglich, wieder damit aufzuhören, bis man endlich den Sand des anderen Ufers spürte. … nur daß es für die Sätze scheinbar kein anderes Ufer gab, mit den Sätzen mußte man immer weiter schwimmen, so lange, bis die Sätze von selbst aufhörten, bis die Sätze selbst untergingen.“ Immer wieder kehrt Hilbigs Schreiben in die von toten, stillgelegten Braunkohletagebauen umgebene Stadt zurück, „und es war, als ob jene Landstriche dort einer unaufhebbaren Nutzlosigkeit anheimgefallen waren, einer Unbrauchbarkeit, die auch jeden meiner Gedanken in ihre Tiefen riß, um ihn dort stillzulegen und nutzlos zu machen“. In dieser mitteldeutschen Landschaft und an seinen Menschen ist nicht nur die nachholende Modernisierung des „real existierenden“ Sozialismus gescheitert, hier sieht sich bundesrepublikanisches Bewußtsein mit dem kompletten Scheitern seiner Marktökonomie konfrontiert, mitten im eigenen Land, für das es sich schwerlich unzuständig erklären kann. Die Menschen, die Hilbig sprachmächtig herbeischreibt, sind hinter bundesrepublikanischem Bewußtsein weit zurück, die Landschaften, in die er sie stellt, stehen der Bundesrepublik insgesamt noch bevor: „Vergangene Sippen liegen da unter uns. Längst vergessene Sippen liegen dort unten, nach denen niemand mehr fragt, längst zu Kohle vergorene, schwarze verklumpte Sippen, die sich des Nachts aufbäumen gegen das Leben, das über ihnen noch lebt. Die sich aufbäumen wie vergorene Erinnerungen, wie endlose Sippschaften von Erinnerungen, von denen keiner mehr weiß. Und ich bin wieder das ungezählte Glied aus einer Sippe, die den Beinamen Choléra trug, und die in der Frühe, zu unmenschlicher Zeit, hinausfuhr in den Frost und in die Finsternis, die über der Kohle lagen und über der Asche. Asche lag über der Kohle und Kohle lag über der Asche. Und meine Vergangenheit liegt dort unten, dachte ich, dort unten unter der Kohle und unter der Asche.“ Wolfgang Hilbig ist in den hochgestimmten Kreis jener Dichter eingetreten, die man – nach einem Wort Hans Henny Jahnns – bekämpfen kann, aber man kann sie nicht widerlegen. Wolfgang Hilbig : Der Schlaf der Gerechten. Er-zählungen, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003, 192 Seiten, gebunden, 16,90 Euro

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