Joachim Kuhs

 

Mut zum Selbstsein

„Nicht jeder geht aufrecht durch die Furt der Zeiten. Vielen reißt das Wasser die Steine unter den Füßen fort.“ Peter Huchel, der am 3. April hundert Jahre alt geworden wäre, ist der Dichter der Mark Brandenburg, seine Gedichte beziehen die Bilderwelt aus der märkischen Landschaft, die seine Kindheitswelt war. Sie bildet den Mutterboden, aus dem seine Gedichte ihre Kraft ziehen, deren Bilder zu Sinnbildern einer ungebrochenen und urwüchsigen Natur werden, deren Geborgenheit und Gefährdung den Menschen auf sich zurückwirft. Sein Lebensgang und seine Schaffensperiode sind exemplarisch für den Gang des Jahrhunderts. In Berlin geboren, kam er als Dreijähriger mit den Eltern nach Potsdam, wo der Vater als Beamter im Preußischen Kultusministerium arbeitete. Durch eine Lungenkrankheit der Mutter bedingt erlebte er sehr bewußt die weitere Kindheit in der noch vorindustriellen Welt in Alt-Langerwisch, wo der großelterliche Bauernhof gelegen war. 1920 nahm er am Kapp-Putsch teil und wurde verwundet. Im Krankenzimmer gaben ihm Arbeiter „Le Feu“ von Barbusse zu lesen: „Von da an war ich vollkommen rot.“ Er studierte Literatur und Philosophie in Berlin, Wien und Freiburg im Breisgau, allerdings ohne Abschluß. 1932 erhielt er den Lyrikpreis der Dresdener Zeitschrift Die Kolonne und schrieb bis 1940 zahlreiche Hörspiele für den Rundfunk, darunter das Gesetzlichkeit und Menschlichkeit einklagende Hörspiel „Grete Minde“. Seinen ersten Lyrikband „Der Knabenteich“, der 1933 erscheinen sollte, zog er wohl zurück, um nicht in den Verdacht der Zustimmung zum nationalsozialistischen Deutschland zu geraten. Er heiratete eine rumäniendeutsche Pastorentochter aus Siebenbürgen und lebte bis zu seiner Einberufung zu einer Flak-Einheit und seinem Einsatz an der Ostfront in Michendorf/Kreis Potsdam, nur wenige Kilometer vom großelterlichen Bauernhof in Alt-Langerwisch entfernt. Russische Offiziere, denen er als Hörspielautor bekannt war, holten ihn 1945 aus sowjetischer Gefangenschaft zur Einrichtung einer Hörspielabteilung an den Ost-Berliner Rundfunk, wo er Programmdirektor und Sendeleiter wurde. Er arbeitete bis 1948 unter zunehmend erschwerten Bedingungen, da es eine Vor- und Nachzensur gab und der Rundfunk zu einem wichtigen Mittel im politischen Kampf der Großmächte geworden war. Der Kultur- und Literaturzeitschrift Sinn und Form stand er als Chefredakteur von 1949 bis 1962 vor; diese Zeitschrift erlangte bald einen legendären Ruf in Ost und West, da Huchel sie mit Standhaftigkeit und Mut, mit großer Kompetenz und Noblesse redigierte. Huchel hatte sein Leben, seine ganze Existenz an Sinn und Form gebunden. Er hat gegen den erklärten Willen vieler Kulturfunktionäre Qualität geboten, Niveau gehalten und Mut bewiesen. Mit Prädikaten wie „parteiisch-progressiv“ oder „bürgerlich-reaktionär“ wollte er in seiner Zeitschrift nichts zu tun haben, vielmehr wollte er sie durch die „Gelegenheitsdichter“ ad absurdum führen. Trotz der ideologischen „Tellereisen“, die dem Chefredakteur schwer zu schaffen machten, trotz des Devisenmangels, weswegen er im Westen lebende Freunde wie Hans Henny Jahnn, Hans Erich Nossak oder Walter Ihering nicht angemessen honorieren konnte, banden sich viele Autoren dauerhaft an die Zeitschrift. Nach dem Mauerbau war für Huchel kein Platz mehr Huchel dachte noch „gesamtdeutsch“, während schon früh von den zwei Staaten in Deutschland die Rede war und 1961 der Mauerbau erfolgte. Für Leute wie Huchel war damit kein Platz mehr als alleinverantwortlicher Chefredakteur. Er wurde 1962 gezwungen zurückzutreten, denn er widersetzte sich der Indienstnahme für den Bitterfelder Weg nachhaltig. Der Druck auf Huchel steigerte sich fast zur Progromstimmung, er war isoliert, der Spitzel gegenüber notierte die Autonummern der Freunde, die ihn besuchten, er hatte Reiseverbot, erhielt keine Post und Bücher und Zeitschriften mehr und sein Archiv wurde ausgeräumt. Eine Versorgungsregelung wurde ihm verwehrt und selbst nach Erreichen des Rentenalters blieb das Reise-und Ausreiseverbot bestehen. Noch einmal diente ihm die Landschaft seiner Kindheit zur Lyrikproduktion. Aber so sagte er später: „Ein Weiterexistieren unter diesen Bedingungen (nach acht Jahren völliger Isolation, J.S.) konnte nur als absurd und erniedrigend empfunden werden.“ Erst nach Interventionen des Auslands durfte er 1971 die DDR verlassen, lebte ein Jahr in der Villa Massimo in Rom und siedelte dann nach Staufen über. Dieser schweigsame und sparsam dem eigenen dichterischen Worte gegenüber sich verhaltende Mann, ein Alleingänger hohen Grades, verwahrte sich stets unwirsch gegen ideologisch-politische und gegen biographische Interpretationen seiner wenigen Gedichte. Fünf schmale, aber gehaltvolle Bände Lyrik hat er zeit seines Lebens veröffentlicht, er behielt seine Verse oft über viele Jahre für sich, reifte sie aus und feilte lange an ihnen, ehe er sie der Öffentlichkeit überließ. Die schweren Schatten der Melancholie, vor allem in den Altersgedichten, voller Trauer, Resignation und dunkler Prophetie, geprägt von den bitteren Erlebnissen der letzten Jahre völliger Isolation, liegen wie ein Firnis über diesen Versen. Sein außerordentliches Maß an selbstkritischer Zurückhaltung sollte bewirken, daß jeder Text „für sich selber stehen“ und sich gegen mögliche Interpreten behaupten könne. Seine lyrischen Anfänge stehen in der Tradition des deutschen Naturgedichts, benachbart der Lyrik eines Günter Eich, einer Oda Schäfer oder Elisabeth Länggässer, alles Autoren, die wie er in der Kolonne veröffentlichten. Die Situationen und Menschen der märkischen Heimat mit ihren Bauern, Knechten, Mägden, Fischern oder Kesselflickern werden in seinen Gedichten lebendig. Indem er auf die bäuerliche Sprache hört, wird eine Welt lebendig, mitunter auch eine dörfliche Idyllik, die heute fast versunken ist. Wie Loerke und Lehmann hat Huchel seine Wurzeln im Eichendorffschen Grundwasser, aber er ist weit weniger romantisch als dieser. Huchel ist wacher und voller Anteilnahme für die bäuerliche Welt und die reale Gegenwart, doch Wärme und Innigkeit waren ihm immer eigen gewesen. So entstehen in den zwanziger und dreißiger Jahren Gedichte von hoher Musikalität, die von einem sicheren Naturgefühl zeugen, verbunden aber auch mit einem „strengen Sinn für harte, knappe, präzise Formulierung“. Zeit seines Lebens bleibt Huchel der Landschaft seiner Kindheit und der Ausdruckswelt der Natur treu. Seine Lyrik holt ihre ganze Kraft aus der geschmähten Provinz. In ihr sind die alten sinnstiftenden Mythen Europas lebendig. So sind es zum einen die heidnischen antiken Mythen, aber auch die mythenbildende Kraft des Christentums ist in den Gedichten anwesend. Klarheit und Wahrheit der Natur ist die entscheidende Qualität für Huchel, sie verleiht ihr sinnstiftende Wirkung. Seine Dichtung ist nicht unverbindliche, luftdicht von den gesellschaftlichen Verhältnissen abgeschlossene Naturlyrik, sie ist auch nicht einfach Widerspiegelung oder Fotografie der Realität, sondern enträtselt einen eigenen sinnhaften Raum, der eine Einordnung in die Schubfächer der Ismen ausschließt. Der Dichter schöpft Sinn, obwohl er ganz auf das eigene Ich zurückgeworfen ist und in diesem Zustand der Seinsverlassenheit, den keine Ideologie mehr aufzuhellen vermag, öffnet sich der Blick, oft wie im Traum, auf die ideologischen Trümmerwüsten des Jahrhunderts, aber auch auf die Welt der Kindheit. Ein unabhängiger Dichter, der Autonomie beanspruchte Auch hatte Huchel, der nicht über eine Gruppen- oder Programmzugehörigkeit zu bestimmen ist, stets den Mut zum Selbstsein, zur Autonomie, ganz anders als Alfred Kantorowicz und die KPD-Genossen seines Umfeldes, gehörte nie einer Partei an, trotz des linken Milieus schon in den zwanziger und dreißiger Jahren, welches auf ihn einzuwirken versuchte1, blieb im Literaturbetrieb stets ein überwiegend unpolitischer Einzelgänger, ungeachtet vieler stützender Freundschaften; er gehörte nie einer „Schule“ oder bestimmten Richtung an, mußte sich natürlich – anfangs auch nicht ohne Begeisterung und Parteilichkeit – den Bedingungen der Sowjetzone und der DDR anpassen. Sein kritisches Vermögen hat er nie – wie etwa Ernst Bloch oder Alfred Kantorowicz das lange taten – an eine wie immer geartete Partei- und Staatsinstanz überantwortet. Aber er gehörte anfangs, nach 1945, zu jenen, die vom Sozialismus eine geschichtliche Wendung erhofften. Doch hielt er sich stets unabhängig und wahrte eine von der jeweiligen kulturpolitischen Linie unabhängige Position. Kunst, das war seine Überzeugung, kommt ohne eine spezifische Autonomie nicht aus. Selbst sein berühmter Gedichtentwurf „Das Gesetz“, gewissermaßen eine Verklärung der Bodenreform, d. h. der Zwangskollektivierungen von 1945/1946, der Enteignungen also des Adels und der Großbauern, wo den Neubauern und Landlosen feierlich und für alle Zeiten Eigentumsurkunden übereignet wurden, selbst dieser Gedichtentwurf nahm nur wenig Bezug auf die zeitgeschichtlichen Realien. Schon bald erfaßte Huchel, bedingt durch die erschütternde Erfahrung von Zeit und Geschichte, von Krieg und Zerstörung, die praktische politische Ohnmacht, und er sah die Hoffnung des Einzelnen auf freie Selbstbestimmung auf das schärfste bedroht und durch die verordnete und verstärkte, kompromißlose Parteilichkeit der Bitterfelder Beschlüsse vernichtet, so daß der isolierte Dichter in tiefes Schweigen versank. Dichtung habe brauchbar und anwendbar zu sein für die Revolution und den Klassenkampf, zur Durchführung von Wirtschaftsmaßnahmen. Parteiisch solle sie sein, Klassenfeinde anzeigen und den Haß lehren, so predigten es Lenin und Stalin. Aber Huchel hatte einen festen, unbeugsamen Charakter, er war kein Kombattant von Funktionären. Kommunist war er niemals, wahrscheinlich nicht einmal ein Marxist – eher ein „Sozialist aus persönlicher Neigung“ und sozialsentimentaler Regung heraus , mehr aber ein poetischer Mythologe, vor allem jedoch ein unabhängiger Dichter, der Autonomie beanspruchte. Früh fand er fand den eigenen Ton und blieb ihm treu. „Lyrik bringt nicht nur ein Gefühl, sondern auch Weltsituation zum Ausdruck, die zwar immer da sind, doch durch den Dichter zum erstenmal an den Tag gebracht werden“, dies war 1971 – schon im Westen – die Antwort Peter Huchels auf die Frage „Was ist Lyrik?“ Oft sind es nur einzelne Vokabeln und Worte, die ein Gebiet, eine Landschaft umgrenzen. Die Gedichte sind von Anfang an dicht und konkret wie die ländlich-bäuerlich-handwerkliche Welt, der er entstammt, wie die brandenburgische Heimat mit ihren Wiesen und Äckern, mit Schilf und Wasser, mit den Mähern, die müde im Grummet ruhen oder der Magd, die dem Kind „das Brot brockt und den Apfel schabt“. Den großen Städten und dem Apparat der modernen Zivilisation gewährt er keinen Einlaß. Wir haben es hier aber nicht mit einem „Bewispern von Gräsern“ zu tun, wie Gottfried Benn einmal abschätzig von einer bestimmten Richtung der Naturlyrik sprach, sondern mit einer Dichtung, die aller Reim- und Metaphernartistik echtes Dichtertum entgegensetzt, einer Dichtung, die durch Urbilder, die selbst schon mythischen Charakter tragen, ihren angemessenen Ausdruck findet. Ohne die Werte der Tradition zu leugnen, spricht er in mythischen Bildern vom Sein der Welt. In lyrischen Aquarellen und Beschwörungen wird die Landschaft besungen, in denen sich die Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt zu Erzählgedichten verbinden, durchdrungen von dem Warnruf eines schwarzen Vogels in der Spitze eines Baumes im Herbst, vom Schlagen des Finken im Frühling und den still dahinfließenden Wassern der Havel und Seen. Abend- und Nachtempfindungen, Oktoberlicht und Winter-Töne prägen diese Lyrik. Man hört das Wetzsteingedengel bei der Heu- und Getreideernte und spürt den Mittagsspuk; Chausseen prägen die Landstriche, Spiegel der Seen unter einem weiten, bewegten Himmel in nördlicher Ebene; Landschaften in der Mark Brandenburg, dem Spreewald, in Mecklenburg, Masuren und Pommern – der deutsche Osten allgemein – werden erinnernd wach; Libellen-Blitze, heiße Felder und brütende Garben, Hummeln und Holunder, der Schrei der Grille, Ginstergluten und Gewitterschwüle, das alles ist in seinen Gedichten anwesend. Die Stimmen dämpfen sich, Melancholie nistet dort in der verschatteten Landschaft um Alt-Langerwisch. In diesen Gedichten wird eine archaische, kreatürlich gebundene Humanwelt mit ihren Schnittern, Mägden und Knechten besungen. Visionäre Bilder spiegeln die Todeslandschaften Diese „heile“ Welt zerstörte der Krieg mit seinen Vertreibungen, Verwüstungen und Vernichtungen. Das Gedicht „Chausseen“ gibt Kunde vom Grauen des Krieges und einer im Chaos versinkenden Welt und Zeit: „Erwürgte Abendröte/ Stürzender Zeit!/ Chausseen. Chausseen.// Kreuzwege der Flucht./ Wagenspuren über den Acker./ Der mit den Augen/ Erschlagener Pferde/ Den brennenden Himmel sah.// Nächte mit Lungen voll Rauch,/ Mit hartem Atem der Fliehenden,/ Wenn Schüsse/ Auf die Dämmerung schlugen./ Aus zerbrochenem Tor/ Trat lautlos Asche und Wind,/ Ein Feuer,/ Das mürrisch das Dunkel kaute.// Tote,/ Über die Gleise geschleudert, / Den erstickten Schrei/ Wie einen Stein am Gaumen./ Ein schwarzes Tuch aus Fliegen/ Schloß ihre Wunden“. Das Ende des Zweiten Weltkrieges, die Vertreibungen gewinnen hier die „Dimension einer universalen Katastrophe“, das Ende des Lebens scheint gekommen, der Himmel brennt über den Trecks deutscher Flüchtlinge aus dem Osten. Hier werden das Gesicht und der Schrecken des Krieges deutlich, erstickte Schreie der Todgeweihten und der mit „hartem Atem“ Fliehenden, wenn „Schüsse auf die Dämmerung schlugen“, Straßen, die zu mörderischen Abhängen ohne Ausweg wurden, „Kreuzwege der Flucht“ und Verlorenheit, der nahen Selbstaufgabe bezeugen das unsägliche Leid in einem götterdämmerungsgleichen Unheil. Grauen, Feuerqualm, Verwesung, die visionären Bilder spiegeln die Todeslandschaften nach den großen Materialschlachten an der Ostfront, die in ihrer Metaphorik an Gryphius erinnern, den Dichter des Dreißigjährigen Krieges. Die Landschaft, Realität nun und Chiffre zugleich, öffnet sich in einen geschichtlichen und gleichzeitig mythisch überhöhten Raum, um die Katastrophen in kaum sagbare Worte bannen zu können. Peter Huchel hat seine moralische Integrität im schwerstens geprüften 20. Jahrhundert, in finsteren Zeiten bewahrt. Die Verbindlichkeit seiner Lyrik kommt daher und sichert ihm fortdauernde Hochachtung. Peter Huchel (1903-1981): Seine moralische Integrität hat sich der Alleingänger stets bewahrt

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