Macht über das Visuelle

Ob es der Wahrheit entspricht, was in Afghanistan, Südafrika oder China geschieht – wir wissen es nicht. Man präsentiert uns kommentierte Bildsequenzen, die als getreues Abbild der Wirklichkeit akzeptiert werden sollen und meist auch kritiklos als solche angenommen werden. Dabei könnten etliche Szenen der Weltpolitik in einem Studio gedreht worden sein. Der Normalsterbliche hat keine Chance, den Wahrheitsgehalt der Bilder zu überprüfen, denn er kann nicht vor Ort sein. Da kann man nur an die Redlichkeit der Filmer und Journalisten glauben. Beginnt man hingegen an den Dogmen der per Bildschirm transportierten Wirklichkeit zu zweifeln, droht eine „Ver-rückung“ aus dem „Konsens der Gesellschaft“. Es droht die soziale Ächtung. Vor dieser Bedrohung gehen die meisten von uns in die Knie; und die etwas mutigeren behaupten von sich, „kritisch“ zu sein. Wir werden von den Bildern, die wir vor dem Fernseher oder im Kino konsumieren, beeinflußt – diese Behauptung stellt niemand mehr ernsthaft in Frage. Die meisten glauben zu wissen, daß der Kommerz die Antriebsfeder der bewegten Bilder ist: Der Mensch soll kaufen, soll sich anstrengen, die schöne Welt der Filmhelden zu erreichen. Das ist auch richtig, allerdings gehört auch diese Erkenntnis in Zeiten, in denen offen über „product placement“ gesprochen wird, zu den Allgemeinplätzen des „kritischen“ Zuschauers. Könnte es aber nicht sein, dass sich hinter dieser vordergründigen Manipulation noch eine weitere Ebene befindet, die den Zuschauer in einer viel tieferen Schicht seiner Existenz verändern will? Dieser Frage hat sich der Medienexperte und Direktor der linksliberalen Monatszeitung Le Monde diplomatique, Ignacio Ramonet, angenommen und ist dabei auf bemerkenswerte, nicht immer überraschende Mechanismen gestoßen. Eingangs stellt Ramonet fest, daß die eigentliche Funktion der Medien, zu informieren, zu bilden und zu unterhalten, durch das Internet verändert wird: „Das neue kybernetische Medium“ überwache, werbe und verkaufe. Vor allem die Überwachung des Nutzers ist zum Kinderspiel geworden, „weil jede Bewegung im Netz Spuren hinterläßt. Ohne es zu wissen, gibt der Surfer nach und nach seine Interessenschwerpunkte preis. Ist das Selbstporträt fertig, wissen die Herren des Internets, was er am liebsten liest, hört, sieht, trinkt, ißt, anzieht usw. – und können ihn nach Belieben manipulieren.“ Und weil außerdem die USA die führende „Cybermacht“ seien, beherrschten ihre Medienunternehmen, eng verflochten mit der politischen Elite, das Denken unserer Zeit. Und das sei der Neoliberalismus, den Ramonet pflichtschuldig attackiert. In weiteren Kapiteln widmet sich Ramonet vor allem dem Film. Er untersucht die bekannten Fernsehserien Columbo und Kojak, den Italowestern, Endzeit- und Katastrophenfilme und politische Komödien, die sich mit der deutschen Besetzung Frankreichs auseinandersetzen. Dabei entdeckt er über weite Strecken nichts Ungewöhnliches: Dass sich Kojak politisch korrekt zwischen den Minderheiten einer amerikanischen Großstadt bewegt und Columbo den kleinen Mann symbolisiert, der die „bösen Reichen“ zu überführen weiß, kann jeder Zuschauer problemlos erkennen. Wenig überraschend ist auch, dass die Katastrophenfilme zwar immer das diffuse Gefühl existenzieller Angst zu bedienen wissen, letztlich aber immer hoffnungsvoll enden. Gab es je einen Film aus Hollywood, der am Ende nicht mit einer klebrigen Happy-End-Soße übergossen wurde? Das schwächste Ergebnis liefert Ramonet in dem Kapitel „Krieg und Komödie“, in dem er die zahlreichen (Propaganda-) Produktionen während der Konflikte im 20. Jahrhundert analysiert. Zwar kommt er folgerichtig zu der Feststellung, daß die Kriegsklamotte entweder zur Verhöhnung des Militärs oder zur Verharmlosung einer Gefahr gedacht ist, aber gleichzeitig merkt man zu deutlich den ideologischen Standpunkt des Verfassers. Mehrfach äußert Ramonet zum Beispiel Unverständnis über die „Verharmlosung“ der deutschen Besatzungszeit in Frankreich. Ebenso mißbilligt er die Komödien, in denen die Filmhelden nur zufällig und eigentlich wider Willen zur Résistance kommen – ohne „antifaschistische“ Überzeugung. Für den linken Ramonet eine Verfälschung der Geschichte im Dienste der deutsch-französischen Aussöhnung. Von diesen zeitgeistbedingten Schönheitsfehlern abgesehen, hält der Leser mit Ramonets Studie ein faktenreiches Taschenbuch in den Händen, das ihm bei der Bewältigung der täglichen Bilderflut eine Hilfe sein kann. Ignacio Ramonet: Liebesgrüße aus Hollywood. Die versteckten Botschaften der bewegten Bilder. Rotpunktverlag, Zürich 2002, gebunden, 240 Seiten, 19 Euro

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