Legenden

„Lift every Voice“ heißt die neue Doppel-CD (ECM Records) des begnadeten Tenorsaxophonisten Charles Lloyd, auf der die Pianistin Geri Allen, die Bassisten Larry Grenadier und Marc Johnson, der Gitarrist John Abercrombie sowie am Schlagzeug Billy Hart mitwirken. Die Aufnahmen kamen im Januar und Februar des Jahres 2002 bei zwei Konzerten in Los Angeles zustande. Bei dem ersten Konzert spielte Lloyd zusammen mit Allen, die damit erstmals auf einem ECM-Album zu hören ist, Grenadier und Hart. Bei dem anderen Konzert waren John Abercrombie, Marc Johnson sowie einmal mehr Allen und Hart mit von der Partie. Wohl nie zuvor hat Charles Lloyd ein derart differenziertes Programm geboten: Neben Eigenkompositionen enthält diese Doppel-CD Spirituals, Folksongs, Hymnen, Jazzstandards sowie Liebeslieder. Den Anstoß zu einem Teil des Repertoires erhielt er durch die Ereignisse vom 11. September 2001. An diesem Tag hätte er eigentlich im New Yorker Jazzclub „Blue Note“ auftreten sollen. Charles Lloyd stellt seinem neuen Quintett-Doppelalbum „Lift Every Voice“ ein Zitat aus dem „Rig Veda“, den mythologischen Hymnen auf die Hindu-Götter, voran: „Die Wahrheit ist eins, auch wenn die Weisen sie bei verschiedenen Namen nennen.“ Entsprechend vielgestaltig ist Lloyds musikalische „Wahrheit“, der er Ausdruck zu geben versucht. Er arrangierte die unterschiedlichsten Kompositionen, von „You are so beautiful“ (Joe Cocker, Billy Preston) über traditionelle Stücke wie „Amazing Grace“ bis hin zu Jazz-Balladen von Strayhorn und Ellington und einem Stück von Marvin Gaye. Daß „Lift every Voice“ vor allem von seinen Musikerpersönlichkeiten lebt, liegt auf der Hand. Für die expressiven Gitarrenklänge von John Abercrombie bieten die Gospel-Themen Reibungsfläche. Aber auch der improvisatorische Zugang der Pianistin Geri Allen fällt ins Ohr. Sie begleitet in kraftvollen Blockakkorden, sucht in ihren Soli nach innovativen Zugängen, verharrt in der Schwebe, bevor sie in lyrischen Passagen zur Melodie zurückfindet. So ist ein Album entstanden, das zu den gelungensten Jazz-Einspielungen der letzten Jahre gehört. In der gleichen Besetzung wie das bemerkenswerte Album „Monk By Five“ wurde „Mingus by Five“ eingespielt, das im schwedischen Touché-Musikverlag erschienen ist und in Deutschland über ZYX-Music (Merenburg) vertrieben wird. Das schwedische Quintett, bestehend aus dem Trompeter Ulf Adäker, dem Tenoristen Joakim Milder und einer prominent besetzten Rhythmusgruppe (mit Bobo Stenson, Palle Danielsson sowie dem jüngeren Schlagzeuger Jonas Holgersson), behandelt die vorgetragenen Mingus-Stücke, die alle aus dessen produktivster Phase vor 1965 stammen, als Standards. Dazu gehören Titel wie „Dizzy Moods“, „What love“, „Self-Portrait in three Colours“ oder „Reincarnation of a Lovebird“ – allesamt auf spannungsreiche Art und Weise neuinterpretiert. Mingus hat, auch dies zeigt „Mingus by Five“, gerade auch im Hinblick auf Balladen weit mehr zu Papier gebracht, als das viel gespielte Lester-Young-Gedenkstück „Goodbye Pork Pie Hat“. Alle Musiker kommen mit den oft anspruchsvollen Mingus-Vorlagen bestens zurecht; Adäker hat sie eigens für diese Besetzung eingerichtet und vor den Aufnahmen offenbar genügend Probenzeit eingeplant. Hier ist insbesondere auf den Pianisten Bobo Stenson und dem Bassisten Palle Danielsson zu verweisen, die von vielen ECM-Einspielungen her bekannt sind. Was sich bereits auf „Monk by Five“ andeutete, wird hier fortgesetzt: Jazz auf höchstem Niveau, von dem man gerne mehr hören möchte. Man darf gespannt sein, welcher Jazzlegende sich die fünf Skandinavier als nächster widmen werden.

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