„Jedes Kind würde das Leben wählen“

Das liberale Amerika jubelt, und das konservative Amerika trauert: Vor dreißig Jahren, am 22. Januar 1973, fällte der US-Supreme Court im Rechtsstreit Roe vs. Wade ein folgenschweres Urteil, wonach Landesgesetze gegen Abtreibung nicht rechtens seien. In dem Fall Roe gegen Wade ging es um eine unverheiratete schwangere Frau aus Texas, die abtreiben wollte. Die amerikanische Verfassung sehe ein „Recht auf Abtreibung“ vor, schrieb der Richter Harry Blackmun in der Urteilsbegründung. Seither darf in den USA bis zur 12. Woche einer Schwangerschaft straffrei abgetrieben werden. Weit über vierzig Millionen ungeborene Kinder, so Schätzungen, haben inzwischen das Tageslicht nicht erblickt. Anfang der neunziger Jahre erreichte die jährliche Abtreibungszahl einen Höhepunkt mit über 1,6 Millionen Schwangerschaftsabbrüchen, im vergangenen Jahr waren es 1,3 Millionen. Nach einer Studie des Guttmacher Instituts treibt etwa ein Drittel der amerikanischen Frauen mindestens ein Kind ab. Am Gedenktag der Urteilsverkündung von Roe vs. Wade marschierten Abtreibungsgegner zu Protestdemonstration auf. Trotz trübem Wetter versammelten sich mehr als 50.000 Anhänger der „Pro-Life“-Bewegung, darunter zahlreiche Senatoren und Kongreßmitglieder, zu einer zentralen Großdemonstration in Washington. Per Telefonschaltung sprach Präsident Bush ein freundliches Grußwort, bevor die Menge in Richtung Supreme Court zog. Auch die Abtreibungsbefürworter blieben nicht untätig. Mehrere hundert Anhänger der National Organization for Women feierten die Entscheidung Roe vs. Wade vor dem Supreme Court als große Errungenschaft für die Frauenrechte. Zeitgleich gab der Frauenverband NARAL (National Abortion Rights Action League) für 1.300 Personen ein Gala-Diner. Dabei bekräftigten alle sechs potentiellen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten ihre volle Unterstützung für ein großzügiges Abtreibungsrecht. Der Kontrast hätte nicht krasser sein können. Während die Liberalen bei einem feinen Menü und reichlich Wein über „the right to choose“ plauderten, sah man draußen in der Kälte bei den überwiegend jungen Lebensrechtsaktivisten manche Träne. Rot gekleidete „Pro-Life“-Demonstranten trugen dreißig weiße Kindersärge, dazu für jedes Jahr seit 1973 ein Schild mit der Zahl der Abtreibung, meist deutlich über eine Million. Etwas weiter hielt eine Gruppe Kinder selbstgemalte Schilder in die Höhe. „Ich wurde adoptiert, nicht abgetrieben“, stand in bunten Buchstaben darauf. Einige Demonstranten scherten sich nicht um die Gebote der politischen Korrektheit. Sie zeigten großformatige Farbfotos von abgetriebenen Föten. Deutlich zu sehen, wie ein Pressevertreter pikiert bemerkte, schwammen in dem blutigen Brei kleine Arme und Beine. Mitten in der Menschenmasse der „Pro-Life“-Aktivisten stand auch Amy Charlton. Ihr Protest gegen das liberale Abtreibungsrecht hat einen ganz persönlichen Grund. Dreimal fuhr ihre alleinerziehende Mutter während der Schwangerschaft in die Klinik; dreimal versuchte sie, Amy abzutreiben, wie die Krankenakten belegen. Dabei pumpten die Ärzte Fruchtwasser ab und führten dann eine konzentrierte Salzlösung ein, die dem Körper des Fötus Flüssigkeit entzieht. Normalerweise ist diese Methode des Austrocknens oder „Verbrennens“ tödlich für das Ungeborene, nicht so bei Amy. Wie durch ein Wunder überlebte sie die Prozedur und kam 1976 – zwei Monate frühzeitig, aber völlig gesund – zur Welt. „Meine Mutter hatte kein Recht zu versuchen, mich abzutreiben“, ist Amy überzeugt. Die junge Frau, inzwischen selbst Mutter, glaubt: „Jedes Kind würde das Leben wählen.“ Ganz anders klang es beim festlichen Empfang von NARAL. „Das Recht zu wählen“, also ungehindert und ohne Gewissenbisse abzutreiben, sei „essentiell, um die volle Gleichheit in Amerika herzustellen“, rief dort Senator John Edwards ins Mikrofon. Jeder Präsidentschaftsbewerber der Demokraten hatte vier Minuten Zeit, seine Vorstellungen zur Abtreibungspolitik zu erläutern. Der Kongreßabgeordnete Dick Gephardt mußte sich besonders anstrengen, die versammelten Frauen von sich einzunehmen. Zu Beginn seiner Politlaufbahn stand der Mann aus Missouri noch unter dem Einfluß seiner christlichen Erziehung und war überzeugter Abtreibungsgegner. Da man aber so bei den Demokraten keine Karriere machen kann, änderte Gephardt später seine Meinung. Warten auf andere Mehrheitsverhältnisse Seit die Republikaner die Macht in Washington übernommen haben und beide Häuser kontrollieren, machen konservative Kräfte wie die Christian Alliance immer stärker Druck. Lange haben sie von Bush vor allem schöne Worte gehört. „Fahren Sie fort, die Leben unschuldiger Kinder vor der Geburt zu schützen“, lautete seine etwas vage Botschaft an die „Pro Life“-Demonstranten in Washington vergangene Woche. „Sie und ich, wir setzen uns beide ein für eine Kultur des Lebens in Amerika, und wir machen Fortschritte.“ In den Jahren 1996 und 1997 brachten die Republikaner im Senat ein Verbot der Spätabtreibung durch. Jedesmal stoppte Präsident Clinton das Gesetzesverfahren durch sein Veto. Von den 1,3 Millionen Abtreibungen im vergangenen Jahr wären von der Beschränkung ohnehin nur 2.200 Fälle betroffen gewesen. Das Ziel der „Pro Life“-Strategen geht deshalb weiter: Sie wollen eine völlige Revision der Entscheidung Roe vs. Wade. Durch ein neues Urteil, so die Hoffnung, soll die Legalisierung der Abtreibung rückgängig gemacht werden, wenn die Mehrheitsverhältnisse des Supreme Court dies zulassen. Derzeit gibt es noch eine hauchdünne Mehrheit von fünf zu vier Richtern für das liberale Abtreibungsrecht. Sobald einer der Linken in den Ruhestand tritt, bestimmt der rechtsdominierte Senat einen Nachfolger, vermutlich einen Konservativen. Auch den Abtreibungsbefürwortern ist klar, daß die Urteilsbegründung im Fall Roe vs. Wade auf juristisch wackligen Beinen steht. Die Richter hatten 1973 mit sieben zu zwei Stimmen das „Recht auf Abtreibung“ aus dem verfassungsmäßigen Schutz der Privatsphäre hergeleitet. Anders als in Europa, wo Abtreibungen gemeinhin als Fortschritt akzeptiert werden, tobt in den USA die Debatte zwischen Liberalen und Konservativen heftiger denn je. Einige Kommentatoren benutzen bereits das deutsche Wort „Kulturkampf“. Amerika erlebt derzeit nach den Worten des Nobelpreisträgers Robert Fogels ein „viertes großes religiöses Erwachen“, eine intensive Rückbesinnung auf das Christentum. Bei einer repräsentativen Befragung erklärten jüngst 59 Prozent der Amerikaner, Religion bedeute für sie „sehr viel“. Vor allem strenggläubige Pfingstler- und Baptistengemeinden wachsen rasch. Auch die Zahl der Katholiken nimmt zu, während den liberalen Lutheranern und Methodisten Mitglieder verlorengehen. Je konservativer die Doktrin, desto größer der Andrang, lautet daher das Ergebnis einer aktuellen Studie. Wer ein Gespür für gesellschaftliche Strömungen hat, muß zugestehen, daß die Abtreibungsbefürworter in die Defensive geraten sind. Auf der Seite der Konservativen steht vor allem die Jugend. Selbst die Abstinenzbewegung unter Jugendlichen, man glaubt es kaum, hat Zulauf. Sie wird von der Regierung unterstützt, die über die hohe Zahl von Teenagerschwangerschaften besorgt ist. Seit Mitte der neunziger Jahre verschiebt sich das Meinungspendel stetig zugunsten der „Pro Life“-Bewegung. Einer jüngsten Meinungsumfrage von Gallup zufolge stimmen nur noch 24 Prozent der Befragten der geltenden Rechtslage zu, Abtreibung solle unter allen Umständen legal sein. 18 Prozent vertreten die strikte Linie, Abtreibung sei niemals gerechtfertigt. Eine große Mehrheit von 57 Prozent will zwar, daß Abtreibungen weiter möglich sind, wünscht aber schärfere Restriktionen. Der kulturelle Graben läuft auch mitten durch die Ärzteschaft. Viele weigern sich, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen, und vor allem junge Doktoren fürchten eine soziale Ächtung, wenn sie öffentlich als Abtreibungsprofiteure auftreten. „Es wird immer schwerer für Frauen, leichten Zugang zu einer Abtreibung zu bekommen“, beklagt deshalb Gwen Chaplin von der Organisation Planned Parenthood. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 1977, also kurz nach der Roe vs. Wade-Entscheidung, gab es landesweit 104 auf Abtreibungen spezialisierte Kliniken und Arztpraxen. Heute ist diese Zahl auf rund 60 gesunken, wobei vor allem der konservativ-religiöse Mittlere Westen „unterversorgt“ ist. Abtreibungsärzte tragen kugelsichere Westen Ein Großteil dieses Niedergangs, so glaubt Dan Kennedy vom Verein Human Life, sei auf die Aktivität von Lebensrechtaktivisten zurückzuführen. „Es ist ein richtiges kulturelles Erwachen“, freut er sich, „wenn sich immer weniger Ärzte mit der Durchführung von Abtreibungen beflecken wollen.“ Dagegen kämpfen Gruppen wie die Medical Students for Choice, die mit einer Kampagne Medizinstudenten dazu aufrufen, Abtreibungskurse zu belegen. Dennoch gehört „Abtreibungsarzt“ nur für wenige Amerikaner zu den Traumberufen. Vor den Toren der einschlägigen Kliniken hängt oft eine Traube von Protestierenden, die Flugzettel verteilen oder lauthals beten und singen. Seltener zirkulieren in der Nachbarschaft die berüchtigten „Wanted“-Plakate. In den späten neunziger Jahren explodierten vor Massenabtreibungskliniken ein paar Bomben der militanten „Army of God“. Manche Abtreibungsärzte tragen nun auf dem Weg zur Arbeit kugelsichere Westen. Zum dreißigsten Jahrestag der Supreme Court-Entscheidung schießen die Emotionen noch einmal besonders hoch. Inmitten des ganzen Jubiläumslärms sitzt Norma McCorvey und grämt sich. 1973 nannte sie sich „Jane Roe“. Sie war die Frau, deren Abtreibungswunsch in Roe vs. Wade vor dem Supreme Court verhandelt wurde. Heute ist sie 55 Jahre alt und blickt zurück im Zorn: Nach ihrer erfolgreichen Klage war sie die Heldin der feministischen Bewegung. Sie arbeitete in verschiedenen Abtreibungskliniken und ermunterte andere Frauen, ebenfalls ihre Kinder abzutreiben. „Bitte verstehen Sie, das waren keine abnormalen, gefühlskalten Frauen, die mit mir in dieser Klinik arbeiteten. Wir machten einfach mit bei einem blutigen, entmenschlichenden Betrieb, alle aus unterschiedlichen Gründen, viele um eine eigene, frühere Abtreibung zu rechtfertigen“, erklärte sie bei einer Expertenanhörung 2000 vor eine Parlamentsausschuß. McCorvey alias Roe hat sich komplett gewandelt. In ihrer Autobiographie „I am Roe“ beschreibt sie, wie Depressionen und Drogenmißbrauch sie bis an den Rand des Zusammenbruchs führten. 1995 trat sie der katholischen Kirche bei, später gründete sie eine eigene, überkonfessionelle Anti-Abtreibungsstiftung. „Dies ist eine schwierige Zeit für mich“, heißt es in einer Presseaussendung zum dreißigsten Jahrestag ihres Prozesses. „Für mich ist es keine Zeit zum Feiern, sondern Anlaß, der 45 Millionen Kinder zu denken, die nicht gestorben wären, wenn es den berüchtigten Prozeß Roe vs. Wade nicht gegeben hätte.“ Das letzte Wort in dieser Sache ist wohl noch nicht gesprochen.

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