Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Forderung nach globaler Perestroika

Der Mann war nach seinem Machtverlust vor elf Jahren sehr umtriebig: Er hat Möbelhäuser eingeweiht, Fernsehspots für alles mögliche gedreht und für die Deutsche Bahn geworben. Doch in der Zwischenzeit hat sich vieles geändert. Michail Gorbatschow, einer der größten Weltveränderer nach 1945, sagt heute: „Mit dem Umweltschutz habe ich das Thema meines Lebens gefunden.“ Sein Credo, das er auf seinem letzten Deutschland-Besuch verkündet hat: „Die Welt in ihrem heutigen Zustand ist nicht nachhaltig. Sechs Milliarden Menschen wollen so leben wie die US-Amerikaner, aber bevor wir dieses Ziel erreichen, kollabiert der Planet. Wir brauchen also einen grundlegenden Wandel.“ Im Westen ist unbekannt, daß Gorbatschow zu seiner Regierungszeit 1.300 Betriebe geschlossen hat – aus ökologischen Gründen. „Es gibt Wichtigeres als Arbeitsplätze“, sagt er heute: „Eine saubere Umwelt, unsere Lebensgrundlagen.“ Kein Politiker hat in den letzten zwanzig Jahren so sehr die Welt verändert wie Gorbatschow. Aber heute analysiert er: „Wir führen einen Krieg gegen die Natur und damit gegen uns selbst. Diesen Krieg müssen wir beenden.“ Umweltschutz sei nicht alles, aber ohne Umweltschutz sei alles nichts: Wenn wir die ökologische Krise nicht meistern, dann erübrigen sich alle weiteren Anstrengungen. Viele anwesende deutsche Politiker sind bei solchen Reden pikiert, und mancher Industrieboß schaut verlegen, wenn Gorbatschow als Präsident des von ihm gegründeten „Grünen Kreuzes“ beklagt, daß die Industriestaaten über ihren unverantwortlichen Ressourcenverbrauch die Umwelt ausbeuten und die Zukunft unserer Kinder verbrennen. „Die USA sind in vielerlei Hinsicht eine Weltmacht, aber nicht in moralischer Hinsicht“, formuliert er. Und fügt hinzu: „Eine Politik ohne Gewissen und Moral ist verwerflich.“ Den Krieg im Irak hält er für ein Verbrechen und die Umweltpolitik von George W. Bush für eine Katastrophe. In seinem neuen Buch „Mein Manifest für die Erde“, das vor gut einem Monat in deutsch erschien, begrüßt Gorbatschow, daß Slobodan Milosevic vor dem Internationalen Gerichtshof angeklagt wird – aber genauso deutlich stellt er eine im Westen ganz unerhörte Frage: Warum werden nicht auch diejenigen angeklagt, die Serbien bombardiert haben – der amerikanische und der französische Präsident, der englische Premier und der deutsche Bundeskanzler? Gorbatschow will ein Lernender bleiben bis zu seinem Lebensende. Einst war er der mächtigste Kommunist, jetzt hat er eine sozialdemokratische Partei in Rußland gegründet und nennt sich selbst einen Grünen. In diesen Tagen forderte er einen internationalen ökologischen Gerichtshof. „Umweltverbrecher müssen weltweit bestraft werden so wie Kriegsverbrecher“, sagt er. Bei unserer letzten Begegnung in Moskau habe ich ihn gefragt, welche historischen Vorbilder könnte das 21. Jahrhundert gebrauchen? Lachend antwortete er: „Jesus und Karl Marx. Das wäre doch eine gute Mischung. Beide kämpften überzeugend für soziale Gerechtigkeit.“ Gorbatschow meint, wirklichen Frieden könne es nicht geben, solange die Nato über hundertmal mehr Geld verfüge als die Uno. Er mahnt weitere Abrüstung an. „Die Welt hat andere Probleme als militärische Rüstung“, sagt er auch wieder in Ludwigsburg, wo er vor kurzem den „Euronatur-Preis 2003“, erhielt. Der Terrorismus könne nicht militärisch überwunden werden, sondern nur mit mehr Gerechtigkeit. Die Globalisierung laufe in eine falsche Richtung, sie habe noch mehr Ungerechtigkeit zur Folge. Das bedeute weiteren Terrorismus. Gorbatschow lobt Nichtregierungsorganisationen wie die globalisierungskritische Attac und ruft zu weltweiten Bürgerbewegungen und Bürgerprotesten gegen das Hegemoniebestreben der heutigen US-Regierung auf. In seinem Buch bekennt er: „Tschernobyl hat mein Leben verändert.“ Auf meine Frage, warum 17 Jahre nach Tschernobyl sein Nachfolger Putin, aber auch die Regierungen in Frankreich oder Washington noch immer auf Atomkraft setzen, sagt er: „Meine Antwort wird Sie überraschen. Rußland braucht noch über viele Jahrzehnte Atomenergie. Ich denke, noch mindestens fünfzig bis sechzig Jahre. Wir kommen ohne Atomenergie nicht aus, sagen mir unsere Energiefachleute immer wieder. Wir müssen allerdings die Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen bei unseren AKWs erhöhen. Und dabei brauchen wir die Hilfe des Westens. Alternative Energien sind noch viel zu teuer.“ Derselbe Gorbatschow hatte mir allerdings früher einmal gesagt: „Tschernobyl hat die russische Volkswirtschaft 500 Milliarden Dollar gekostet.“ Gorbatschow übersieht die Fortschritte bei den Wind- und Solartechnologien in Westeuropa, in Japan und in den USA – auch mit Blick auf die Ökonomie. Der Irak-Krieg der Herren Bush und Blair war für Gorbatschow ein Krieg um Öl. Die Ressourcenfrage ist für ihn die Frage über Krieg oder Frieden im 21. Jahrhundert. Die Tatsache, daß Bush und Blair den Uno-Sicherheitsrat beim Irak-Krieg beiseite schoben, wird sich rächen, vermutet er. „Nur politische Chaoten können die Bedeutung der Uno mißachten. Die Uno muß und wird stärker werden. Niemandem wird es gelingen, der Weltgemeinschaft seine Dominanz aufzuzwingen. Gerade jetzt gibt es tiefgehende, weltweite Veränderungen zugunsten einer stärkeren Uno.“ In einer Erdcharta, die in Gorbatschows neuem Buch abgedruckt ist, steht die Forderung: „Schäden vermeiden, bevor sie entstehen, ist die beste Umweltschutzpolitik.“ Das erfordert freilich eine völlig neue Energiepolitik, hundert Prozent Energie aus Sonne, Wind, Erdwärme, Wasserkraft, Biomasse, Strömungsenergie der Ozeane und aus solarem Wasserstoff. Diese solare Energiewende ist in ein bis zwei Generationen möglich, wenn sie politisch gewünscht ist. Der Untertitel seines neuen Buches heißt: „Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft.“ Seine Ungeduld darüber, daß in der Tagespolitik zu viel geredet und zu wenig in seine Richtung gehandelt wird, ist diesem Ex-Politiker bei jeder Rede und bei jedem Interview anzumerken. Auf die Frage, warum er sich mit 71 Jahren nicht auf seiner Datscha ausruhe, sondern für seine großen Themen Frieden, Gerechtigkeit und Ökologie noch immer rastlos um die Welt reise, meint er: „Wenn Sie die Wahl Ihres Lebens getroffen haben, dann finden sich auch die Zeit und die Kräfte und die Mitstreiter, um die neuen Ideen durchzusetzen.“ Der Umweltgipfel von Johannesburg hieß „Rio plus 10“, weil er 10 Jahre nach dem hoffnungsvollen in Rio-Gipfel stattgefunden habe, lästert Gorbatschow, aber realistischer sei es, von „Rio plus null“ zu sprechen. In Wahrheit war Johannesburg noch ein Rückschritt hinter Rio. Daß die Probleme nicht lösbar seien, bestreitet er entschieden: „Wir stehen heute vor dem Paradoxon, daß fast eine Milliarde Menschen hungern, während die Hälfte der US-Bevölkerung übergewichtig ist und jeder vierte Amerikaner an Fettleibigkeit leidet.“ Seine große Hoffnung ist, daß eine wachsende Weltbürger-Gemeinschaft den Politikern neue Wege weist und sie auf neue Wege zwingt. Als ersten Schritt zu einer umweltverträglichen Wirtschaft schlägt Gorbatschow ganz pragmatisch vor, daß sowohl die US-Regierung wie auch die russische Regierung sofort das Kyoto-Protokoll unterschreiben, damit es endlich in Kraft treten kann. „Mein Manifest für die Erde“ von Michail Gorbatschow ist ein lesenswertes, ein mutmachendes Buch. Es gibt in der Politik Wichtigeres als Politiker, schreibt er, nämlich aufgeklärte Bürger und wache Wähler. Heute kämpft Gorbatschow für eine globale Perestroika und weltweit für Glasnost. Foto: Michail Gorbatschow und Franz Alt, Juli 2003: „Wir führen einen Krieg gegen die Natur und damit gegen uns selbst“ Michail Gorbatschow: Mein Manifest für die Erde. Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2003, gebunden, 155 Seiten, 17,90 Euro Dr. Franz Alt ist Journalist und präsentierte das 3sat-Magazin „Grenzenlos“. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne“, Riemann-Verlag, München 2002. Internet: www.sonnenseite.com

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