Eingetaucht

Sarah Morton (Charlotte Rampling) ist eine britische Krimiautorin in der Schaffenskrise. Um der depressiven Frau neue Inspiration zu ermöglichen, schlägt ihr Verleger John (Charles Dance) vor, Sarah möge sein leerstehendes Landhaus in Südfrankreich für den Sommer beziehen. Dort angekommen, richtet sie sich mit ihrem Laptop einen neuen Arbeitsplatz ein und beginnt mit dem Schreiben. Eines Nachts taucht unangemeldet Johns 20jährige Tochter Julie (Ludivine Sagnier) in dem Haus auf, um dort ebenfalls zu wohnen. Beide Frauen sind wie Feuer und Eis: Sarah fühlt sich in ihrer Einsamkeit gestört und pikiert durch das ungestüme Auftreten des attraktiven Mädchens. Julie hingegen verbringt ihre Zeit damit, sich halbnackt zu sonnen, im Swimming-Pool zu baden und jede Nacht mit einem anderen Liebhaber zu verbringen. Doch die anfänglich angespannte Sarah wird von der Gegenwart des Mädchens langsam fasziniert, so daß sie eine neue Computerdatei mit dem Namen „Julie“ anlegt und ihre Beobachtungen einzutippen beginnt. Als Julie eines Tages den Kellner Franck (Jean-Marie Lamour), den auch Sarah attraktiv findet, mit in die Villa nimmt, kommt es zu einer ausgelassenen Tanzparty. Doch der Abend endet in einer Katastrophe … Nach dem Erfolg von „8 Frauen“, der auf der letztjährigen Berlinale den Silbernen Bären erhielt, zog es Regisseur François Ozon mit „Swimming Pool“ fort vom Kammerspiel mit Gesangseinlagen und hin zu einem Psychothriller mit Anleihen beim film noir. Die verhärmte, alt gewordene Autorin trifft auf ein junges, energiegeladenes Mädchen voll erotischer Sinnlichkeit. Der Einbruch dieses geballten Lebens in den Tagesablauf der introvertierten Engländerin führt erst zu Abwehrreaktionen, bis sie den „Störfaktor“ in ihre Arbeit integriert. Der Swimming-Pool wird zum Symbol für das Ablegen von Hemmungen, wie auch der damit verbundenen Ängste. Im Gegensatz zum Meer ist hier das Element Wasser bereits domestiziert, gebändigt, so daß nach einer gründlichen Reinigung sich auch die prüde gewordene Sarah bereitfindet, in diese feuchte Inspirationsquelle einzutauchen. Bis zuletzt bleibt nicht geklärt, inwieweit das Mädchen Julie womöglich nur eine Phantasiegeburt Sarahs ist, eine Projektion ihrer eigenen Obsessionen und Sehnsüchte; die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen vollkommen. Nomen est omen: Ozon schuf ein stimmungsvolles Psychogramm, das bestens zur fiebrigen Hitze dieses Sommers paßt.

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