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Ein Wahrheitssucher unter Verblendeten

Viele Soziologen der Gegenwart sind dadurch erfolgreich geworden, daß sie die Wünsche ihrer Leser bedienen, Sinn stiften und den Studenten die Mühen methodischer Genauigkeit ersparten. Um so hermetischer ist die Sprache dieser Art von Soziologie, die sich in der Nachkriegszeit als eine antibürgerliche etablierte. Ihr Zentrum ist Frankfurt am Main: die Frankfurter Schule, die im Grunde vor allem eine politische Bewegung mit wissenschaftlicher Etikettierung darstellt, aber keine Erfahrungswissenschaft. Dagegen hatten nüchterne Empiriker einen schweren Stand. Schleißende und beschreibende Statistik lernt kaum ein Student freiwillig. Und wenn doch, endet dieses Unterfangen leicht in der sprichwörtlichen Erbsenzählerei. Es kam zur Koexistenz von Theorie und Empirie. Man ließ sich gegenseitig in Ruhe. Dabei gehören Theorie und Empirie unzertrennlich zusammen.

Einer der wenigen, die hier nicht mitspielten, war der habilitierte Kölner Soziologe Erwin K. Scheuch, der am 13. Oktober nur vier Monate nach seinem 75. Geburtstag an einem Herzversagen verstarb (JF 43/03) und am Montag dieser Woche beigesetzt wurde. Wo die einen nach dem Zusammenbruch des Sozialismus vage vom gesellschaftlichen Wandel lamentierten, übte sich Scheuch vor allem darin, klare Aussagen zu treffen und richtige Fragen zu stellen: "Muß Sozialismus mißlingen?" Dieser 1991 erschienene Titel Erwin Scheuchs läßt keinen Zweifel daran, daß die Frage ohne Wenn und Aber zu bejahen ist.

Nicht Gesinnungsbekenntnisse à la Jürgen Habermas, sondern ergebnisoffene Forschung war Scheuchs Angelegenheit, auch wenn es um das emotional aufgeladene Thema der deutschen Identität geht. Das gilt konkret etwa für das Werk "Wie deutsch sind die Deutschen?", das er 1991 zusammen mit seiner Ehefrau und Kollegin Ute Scheuch vorlegte.

Deutschland wurde für Scheuch zum Fallbeispiel dafür, daß "Völker, denen die Einheit in einem Nationalstaat verwehrt ist, trotzdem als ‚Kulturnation‘ eine außerordentliche Kontinuität" aufweisen können – eine Erkenntnis, die sich in der Soziologie erst einmal durchsetzen mußte. Von der Wieder­vereinigung Deutschlands war in den Sozialwissenschaften, zu denen die Soziologie gehört, nämlich erst nachträglich die Rede, weil das empirische, also erfahrungswissenschaftliche Denken nicht vorherrschte, sondern dem antibürgerlichen Sozialismus einiges abgewonnen werden sollte.

Viele sozialwissenschaftliche Bücher wurden in den Universitätsbibliotheken nach 1989 zur Makulatur oder sollten es zumindest werden. Scheuch hingegen hat als Direktor des Instituts für angewandte Sozialforschung, des Zentralarchivs für empirische Sozialforschung und des Soziologischen Seminars für die Soziologie bleibende Werte geschaffen – Werte, die dem Anspruch von Wahrheit und Richtigkeit genügen. Allein das zählt in den Wissenschaften als Erfolg, nicht die Popularität in den Medien, die bei Scheuch nur hinzukommt; auch das gelingt nur wenigen Hochschullehrern.

Ehrendoktorwürde der Universität Jena

Das von Scheuch hinterlassene wissenschaftliche Erbe hat die Friedrich-Schiller-Universität Jena noch zur rechten Zeit, am 25. Juni dieses Jahres, mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Philosophie ausgezeichnet, auch wenn der Kölner Soziologe die ursprünglich für den 25. November vorgesehene Verleihung der Urkunde nicht mehr miterleben darf. Gewürdigt wird Scheuch "für seine Anstöße zur Ent­wicklung der deutschen und internationalen Soziologie nach 1945, für seine Verdienste um die Gründung der akademisch betriebenen empirischen Sozialforschung und für seine Beiträge zur Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methodik und Methodologie, insbesondere zum interkulturellen Vergleich".

Gewürdigt werden kann Scheuch auch für seine hervorragende Didaktik, die den Studenten eine wissenschaftliche Substanz vermittelte, die davor schützt, modischen Irrlehren aufzusitzen, sondern hilft, gegebenenfalls Aussagen zu verwerfen. Im besten Sinne hat Scheuch verständlich formuliert, damit aber geheimes Wissen über "Cliquen, Klüngel und Karrieren" – so sein bekannter Buchtitel aus dem 1992 – über ein Fachpublikum hinaus bekannt gemacht, was ihm nicht nur Freunde einbrachte. Die Welt ist schließlich voll von Interessen, die sich mit der Wahrheit schlecht vereinbaren lassen. Das Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Politik löste Scheuch für sich 1997 zugunsten des ersteren auf. Er nahm Rita Süssmuths Dienstflug-Affäre zum Anlaß, sein CDU-Parteibuch nach 25 Jahren abzugeben.

In einer Gastvorlesung Ende der 1990er Jahre an der Universität Duisburg erklärte Scheuch, daß er sich selbst als Politiker für völlig ungeeignet halte. Denn dazu müsse man viel durch die Kneipen und Vereine ziehen und Trinkfestigkeit beweisen, sich also ein Kapital von Gefälligkeiten erarbeiten. Als Forscher könne er da nicht mithalten, dafür fehle ihm die Zeit.

Der Wissenschaftler Scheuch blieb also ganz Wissenschaftler, der mit seinen Studien die politische Klasse aber immer wieder ärgerte. Und die Journalisten sorgten schon dafür, daß Scheuchs Blick von "unten" gegen die Selbstgerechtigkeit der abgehobenen Klasse eine weite Verbreitung fand.

In seinen Seminaren und den von ihm mitherausgegebenen Studienskripten vermittelte Erwin K. Scheuch ungezählten Studenten das Rüstzeug für selbständiges wissenschaftliches Denken. Es liegt am wissenschaftlichen Nachwuchs von heute, in Wertschätzung Scheuchs Erbe weiterzuführen. Denn, so könnte mit Elisabeth Noelle-Neumann gesprochen werden: "Wissenschaft braucht generationenüberspannende Arbeit. Der einzelne kann innerhalb seiner Lebenszeit nur ein kleines Stück des Weges der Erkenntnis öffnen."

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