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Auf Nimmerwiedersehen

Das Bürgertum ist mausetot. Kei ner charakterisiert sich heute noch freiwillig als bürgerlich. Nur Politiker reden unverdrossen vom "bürgerlichen Lager" oder von "bürgerlichen Parteien". Das ist nicht weiter verwunderlich. Denn unsere politischen Ideen und Begriffe stammen aus dem 19. Jahrhundert. Sie leben in Redensarten weiter, selbst wenn ihnen nur noch Fiktionen entsprechen.

Der Bourgeois ist wie der Arbeiter als Typus in der Massendemokratie verschwunden. Angestellte und Beamte haben weitgehend ihre ehemaligen Erkennungsmerkmale eingebüßt. Die Gesellschaft gliedert sich mittlerweile nach dem Verdienst: von den Empfängern von Spitzenlöhnen über die "Besserverdienenden" bis hinunter zu denen, die mit "Billiglöhnen" zufrieden sein müssen. Wer nichts verdient, gerät in den Ruf des Ausbeuters, der andere arbeiten läßt, um es sich in der sozialen Hängematte bequem zu machen.

Mit den verschiedenen Einkommensklassen sind keine unterschiedlichen Lebensformen als Ausdruck einer spezifischen Kultur verbunden. Wer über genug Geld verfügt, hat Zutritt zu allen Kreisen, in denen sich die Prominenten treffen. Prominent kann jeder werden. Prominenz wird von den Medien hergestellt, den wichtigsten Zuarbeitern der Begegnungsindustrie.

Wer ein Heimweh nach Bürgerlichkeit verspürt, unbeirrt an bürgerlicher Lebenskultur mit ihren sittlichen wie ästhetischen Ansprüchen festhalten möchte, kann sich mitten unter gleich- gültigen Lebensstilen nach den Anforderungen richten, die er an sich selber stellt. Er muß nur wissen, daß seine Vorstellungen unverbindlich sind. Untergegangene Kulturen lassen sich nicht zu neuem Leben erwecken. Schließlich gab es gute Gründe, warum sie ihre Überzeugungskraft verloren.

Zum Bürgertum und der bürgerlichen Kultur gehörte von vornherein der Widerspruch zu seinen Lebenswelten. Ein Widerspruch, den Bürger vortrugen, gereizt von geschmacklichen Mängeln und selbstgenügsamer Beschränktheit der Philister oder Spießbürger, wie es nun hieß. Der Adel blieb vorbildlich, soweit es die ästhetische Erziehung betraf. Aber sehr bald bemerkten Bürger, daß Kontor und Fabrik Räume sind, in denen aristokratische Vorstellungen vom festlich-schönen Leben als Kunstwerk nur Verwirrung stiften. So behalfen sie sich mit der aristokratischen Seelenschönheit und erweiterten sie zur "Bildung zu allgemeiner Menschlichkeit", was Allgemeinbildung ursprünglich bedeutete oder bedeuten sollte.

Diese bürgerliche Bildung schloß unter solchen Voraussetzungen jeden ein, der seinen sittlich-edlen Charakter bilden und veredeln wollte. Das meinte vor allem die Aristokraten, die sich ohnehin der bürgerlichen Kultur öffneten, um ihren zunehmenden politischen Bedeutungsverlust zu kompensieren, und sie darüber zur allgemeinen machten: zur Geistes- und Lebenskultur möglichst aller, die sich als bildungsfähig und bildungshungrig erweisen.

Alsbald beanspruchten die sozialdemokratischen Bildungsvereine oder Bühnenvereine ihren Zugang zu dieser allgemeinen Kultur. Karl Marx, ein Bürger, wollte Schillers ästhetischer Erziehung endlich jeden unterwerfen, um ihn aus der unverschuldeten Entfremdung zu befreien. Karl Marx , der Kommunismus, der revolutionäre Sozialismus, waren allerdings die Schreckgespenster, die den leicht einzuschüchternden Bürger um seine Ruhe brachten. Die Furcht vor der Revolution von unten veranlaßte ihn zu jeweils neuen Kompromissen mit Monarchie und Adel. Den Bürgern ging es um ihre Freiheit, nicht zuletzt um die Freiheit, möglichst ungehindert Geschäfte machen zu können. Sie verfochten ihre Freiheit allerdings im Namen der allgemeinen Menschlichkeit, der von Natur dem Menschen eingeborenen Freiheit, die sie zugleich den unteren Klassen verweigerten.

Darin lag der Widerspruch der liberalen Bürger zu ihren eigenen Prämissen. Das Bürgertum teilte sich alsbald in den Bourgeois und Wirtschaftsbürger, den eigentlichen Philister, Spießer und häßlichen Neureichen, dem sich der Bildungsbürger, der Menschenfreund, der Bohèmien als Schöngeist entgegenstellte. Es gab die unterschiedlichsten Übergänge oben in die große Gesellschaft und unten bis zum Kleinbürgertum.

Bürgertum und bürgerliche Kultur waren ein Bündel von Widersprüchen und Gegensätzen. Das unter sich uneinige Bürgertum entfesselte ununterbrochen Bewegungen, die bürgerlichen Konventionen in den Künsten, in den Moden, in der Politik zu durchbrechen, was gerade Reaktionen hervorrief, die Kunst oder Kultur, die bürgerliche Gesellschaft überhaupt vor "Zersetzung" zu schützen.

Was die unter sich zerstrittenen Bürger auslösten, waren Schübe immer neuer Individualisierung, der Vereinzelung oder Verabsolutierung ästhetischer, wissenschaftlicher oder politischer Strömungen. Das führte zu bislang ungeahnten Freiheiten, bis hin zur Freiheit vom guten Geschmack.

Zugleich packte viele Bürger unter dem Eindruck einer Welt, die sich in viele Welten auflöste, die Angst vor dem doch von Bürgern entfesselten Pluralismus. Andere wollten gerade die ängstliche Ratlosigkeit ausnutzen, um den Liberalismus durch Demokratie oder Demokratisierung zu überwinden oder zu vollenden.

Konsequenterweise mußte unter solchen Voraussetzungen das Bürgertum seine eigene Lebenswelt und Lebenskultur überanstrengen und nach und auflösen. Die erfolgreichsten Gegner des Bürgers waren deshalb unzufriedene, unruhige oder beunruhigte Bürger. Das Bürgertum machte sich durch seine Zersplitterung entbehrlich. Immerhin ebnete es der heutigen egalitären Massengesellschaft den Weg, die zur nachbürgerlichen Demokratie gehört.

Wer heute noch von Bürgerlichkeit spricht, will höchstens Zierat erhalten oder auffrischen. Das beschränkt sich in Zeiten, in denen die Menschen eher verkleidet als gekleidet sind, auf Kostümkunde und Kleiderordnung. Sobald sich nur noch Männer und Frauen gesellig treffen, nicht mehr Damen und Herren, bedarf es der meisten Bekleidungsvorschriften und Zeremonien nicht mehr, weil sie unpassend geworden sind und sich neue Formen unter dem Druck der neuen Konstellationen entwickelt haben. Die meisten sind darüber eher erleichtert.

Kultur ist im übrigen eine Dienstbotenfrage. Doch selbst den sogenannten Besserverdienden fällt es lästig, im alten Sinne ein Haus zu führen, weil es einfach zu teuer kommt. Ganz abgesehen davon, daß gute Bürger ein Haus führten, um die Töchter mit angemessenen, "standesgemäßen" Ehekandidaten bekannt zu machen. Ehen werden vielleicht im Himmel oder sonstwo geschlossen, aber in der Regel nicht mehr in den paritätischen Kreisen der Eltern. Nette Leute lernt man in den vollständig gemischten Kreisen der egalitären Demokratie überall kennen. Unter Umständen vielleicht sogar Damen und Herren, die sich als Bürger verstehen und als solche selbstgenügsam leben.

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