Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Ein Sittengemälde ist in die Hose gegangen

Der Kultursoziologe Nicolaus Sombart kam im Herbst 1982 aus Straßburg, wo er seit dreißig Jahren beim Europarat arbeitete, für ein Jahr in seine Vaterstadt Berlin zurück, um als „Fellow“ am Wissenschaftskolleg im Grunewald sein Buchprojekt über Kaiser Wilhelm II. voranzubringen. Das Haus, in dem er wohnte, war nur einen Kilometer vom Grundstück entfernt, auf dem bis zu einem Bombenangriff 1943 die Villa seines Vaters, des Nationalökonomen Werner Sombart, gestanden hatte. Sein achtzigster Geburtstag am 10. Mai dieses Jahres war ihm Grund genug, sein damals verfaßtes Tagebuch zu veröffentlichen. Es ist angelegt als ein „Journal intime“ und soll doch mehr sein als eine Sammlung privater Histörchen. Sombart hat einen Selbstversuch protokolliert, mit dem er erkunden wollte, welche Möglichkeiten ein Mann von Welt heute hat, in Deutschland, dem Land der großen Mittelmäßigkeit, zu leben und sich darzustellen. Sein Berliner Jahr spielt sich ab zwischen dem Kolleg, einem nahegelegenen Bordell und der Paris-Bar, dem legendären Promitreff von West-Berlin. Auffällig ist das Mißverhältnis von Aufwand und Ergebnis. Sombart hat offenbar geglaubt, en passant ein Sittengemälde der „guten Gesellschaft“ mit den Mitteln des gehobenen Klatsches zu fixieren. Was er in der eingemauerten Halbstadt vorfand, war aber nur eine schmale, akademische Schicht, die sich mit adligen Einsprengseln (den Nachkommen der Hohenzollern und ihren Reichskanzlern) schmückt. Weil Sombart im Tagebuch – anders als in seinen Erinnerungen und historischen Darstellungen – zu selten als ästhetisierender Analytiker auftritt und zu oft als blasierter Dandy, hat sein Beobachterblick eine falsche Brennweite. Er ist nicht scharf oder böse genug, um hinter den Erscheinungen etwas zu entdecken, was für den Leser wesentlich sein könnte. Dafür ein Beispiel: Der Auftritt des Politologen und Mit-Fellows Axel von dem Bussche, des knapp verhinderten Hitler-Attentäters, sorgt für allgemeine Peinlichkeit. Sombart fragt sich, was dieser „larmoyante ‚Sühnedeutsche'“ im Kreis von Wissenschaftlern überhaupt zu suchen hat. Ihm ist entgangen (oder er hat versäumt zu notieren), daß von dem Bussche als enger Freund des damaligen Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker einer feingesponnenen Seilschaft angehörte. Es bleibt beim Zufallsklatsch (Klaus Bölling trägt ein Toupet!) und den eitlen Zoten (Wie wählt ein Mann von Geschmack sich die passende Prostituierte?), die in der Summe nicht einmal ein Berliner Panoptikum ergeben. Die Indiskretionen über sein Liebesleben (die detaillierte Beschreibung eines flotten Dreiers) sind nicht pikant, sondern einfach nur – indiskret. Die Hausbesetzungen in Kreuzberg oder die Neue Deutsche Welle, die von Berlin ihren Ausgang nahm, kommen in diesem Kosmos nicht vor. Fazit: Das Berlin der achtziger Jahre läßt sich nicht als mißratene Fortsetzung des Vorkriegs-Berlin erfassen. Wer Sombart schätzt, den wird dieses Tagebuch trotzdem als Vorstufe oder Seitenstück zu seinen soziologischen Arbeiten interessieren. Er wird es erstaunt beiseite legen und zu seinen anderen Büchern greifen. Nicolaus Sombart: Journal intime 1982/83. Rückkehr nach Berlin. Elfenbein Verlag, Berlin 2003, 211 Seiten, 18 Euro

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