Die bekannten Fakten sprechen lassen

Wie entstand der Zweite Weltkrieg? Das hierzulande gepflegte Geschichtsbild gibt keine ausreichende Antwort. Das Verdikt der „Alleinschuld“ ist tabu, im Blickfeld erscheint allein deutsches Verhalten und die Katastrophe am Ende. Der Autor, Walter Post, beschreibt, wie aktiv die Reichsregierung nach 1919 gegen die aufoktroyierte Kriegsschuld anging. Post, Jahrgang 1954, promovierter freier Historiker mit beachtlichen Werken und Aufsätzen zum Zweiten Weltkrieg, beugt dem vor, indem er einleitend feststellt, „daß die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges (…) schon wenige Jahre nach dem Nürnberger Prozeß regierungsamtlich übereinstimmend die Auffassung vertraten, daß Deutschland keineswegs allein am Kriegsausbruch schuld sei“. Er verweist auch auf sowjetische Akten und „revisionistische“ Publikationen aus den USA, Großbritannien, Frankreich, welche, beginnend mit einem Untersuchungsbericht des US-Kongresses kurz nach Kriegsende, die Schuld der Verantwortlichen in West und Ost offenbaren. Wohltuendes Deutsch und den Text sinnvoll ergänzende Bebilderung machen das Buch trotz seines Umfangs sehr gut lesbar. Um so lebendiger wird dieser Grundriß internationaler Diplomatie zwischen Versailles und der deutschen Kriegserklärung an die USA dadurch, daß man die Protagonisten und ihre Kritiker vielfach im Originalton liest. In sinnvoller Abfolge erscheinen praktisch alle für das Verständnis der Entwicklung zum Weltkrieg wichtigen Tatbestände, Strömungen und grundlegenden Handlungsmotive der Entscheidenden in Europa, den USA und dem Fernen Osten. Man erlebt die Handelnden unter den Zwängen ihrer Zeit, nicht – wie sonst oft – im Urteil der Nachgeborenen. Das Material bietet soviel an originärer Erkenntnis, daß Folgerungen des Autors sich zwanglos von selbst ergeben. Post betreibt ideologiefreie, nachprüfbar belegte Konfliktforschung. Wer den Tunnelblick auf deutsches Handeln leid ist und die Behauptung deutscher „Alleinschuld“ als eine intellektuelle Zumutung empfindet, sollte sein Buch lesen. Es zeigt den Frieden von Brest-Litowsk 1917 als gutes Beispiel bewährter europäischer Diplomatie: Er gewährte westlichen Völkern des Russischen Reiches in berechtigtem Umfang Selbstbestimmung, demütigte aber Rußland weder mit Kriegsschuld noch Reparationen. Dagegen bereiteten – völkerrechtswidrig erpreßt – der „Vertrag“ von Versailles und die für Deutschland gewollt ruinösen Reparationen den nächsten Krieg in Europa vor. Maßgebende Vertreter der Sieger erklärten dies schon damals öffentlich und wiesen besonders auf das Verweigern des von Wilson postulierten Selbstbestimmungsrechts der Völker hin, das besonders die Deutschen traf. Die allgemeine Empörung in Deutschland blieb weitgehend ohnmächtig, bis Hitler Reichskanzler wurde. In einer Zeit, in der, wie Post darlegt, Androhung und Anwendung militärischer Gewalt sowie Vertragsbrüche allseits Konjunktur und Erfolg hatten, sollte Deutschland gemäß einem britischen Plan für die Genfer Abrüstungskonferenz 1933 erst nach acht Jahren in der Rüstung gleichberechtigt werden; es trat daraufhin aus dem Völkerbund aus. Hitler suchte aber Frankreich zugleich durch einen Quasi-Verzicht auf Elsaß-Lothringen zu beruhigen. Ein Nichtangriffspakt mit Polen und ein deutsch-britisches Flottenabkommen folgten. Dann setzte Hitler vorsichtig, doch nachdrücklich deutsche Interessen durch: die Wehrhoheit im ganzen Land, die „Anschlüsse“ Österreichs, des Sudeten- und des Memellandes. Kurz vor letzterem erpreßte Hitler das Protektorat über die Rest-Tschechei. Trotz der Gründe, die Post dafür anführt, ist Hitler durch diese Tat desavouiert und Chamberlain gezwungen, das Appeasement zu beenden, was sich bezüglich Danzig und Korridor sogleich auswirkt. Hitler war Polen von Anfang an sehr entgegengekommen und stellte mit Danzig und einem freien Zugang nach Ostpreußen nur anerkannt berechtigte Minimalforderungen – kein Politiker der Weimarer Zeit hätte sich, wie er zu Recht betonte, diese Beschränkung erlauben können. Doch die polnische Regierung blockierte alle sechs Verhandlungsanläufe (Post läßt aus, daß sie schon lange vor den deutschen Kriegsvorbereitungen mit Krieg drohte). Frankreich und Großbritannien bestärkten Polen. Roosevelt drängte Großbritannien seine Unterstützung auf, verheimlichte aber den Polen das für sie tödliche Hitler-Stalin-Geheimabkommen. Roosevelt war entschlossen, sowohl Deutschland als auch Japan zu vernichten und dazu sein widerstrebendes Volk in den Krieg zu zwingen. Dies gelang trotz angeblicher Neutralität mit Boykotten, Kontensperrungen, militärischer Unterstützung Großbritanniens und dem Köder Pearl Harbour, wie Post sehr detailliert belegt. Andererseits erhob Stalin unerbittlich solche Ansprüche auf Skandinavien sowie den Balkan und marschierte gleichzeitig so massiv gegen Deutschland auf, daß trotz schwerer Bedenken nur das Prävenire eine Überlebenschance zu geben schien. Hitler-Zitate zeigen, wie klarsichtig er die für einen großen Krieg viel zu schwache Basis Deutschlands erkannte und danach zu handeln suchte. Ein Raubkrieg lag, auch ausweislich der Protokolle seiner Geheimreden, nicht in seiner prinzipiellen Vorstellung. Zum erklärten Vernichtungskrieg gegen die sowjetischen Führungskader – nicht gegen das Volk, wie Post richtigstellt – sah er sich gezwungen. Das Buch macht klar: Die Welt der Zwischenkriegszeit war ein Haifischbecken der Machtpolitik. Es ging um schiere Macht: Die Westmächte wollten einen Konkurrenten vernichten, die Sowjetunion eine beherrschende Positionen in Europa gewinnen. Deutschland kämpfte mit seinen Verbündeten schon sehr früh um das nackte Überleben. So umfassend, klar und komprimiert wurde dies noch nicht nachgewiesen. Die sachlich resümierende Schlußbetrachtung gehörte in die „Propyläen der Weltgeschichte“. Fotos: Generalfeldmarschall von Blomberg mit dem polnischen Botschafter Jozef Lipski (M.) und dem polnischen General Roman Gorecki, Berlin 1937: Berechtigte Minimalforderungen Walter Post: Die Ursachen des Zweiten Weltkrieges: Ein Grundriß der internationalen Diplomatie von Versailles bis Pearl Harbour. Grabert-Verlag, Tübingen 2003, 671 Seiten, gebunden, 29,80 Euro

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