Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Suche nach Überschwemmungsgebieten

In Dresden fließt die Elbe wieder träge gen Hamburg. Der Fluß führt so wenig Wasser, daß selbst die speziell für die Oberelbe gebauten Dampfer der Weißen Flotte aufpassen müssen, nicht auf Grund zu laufen. Durch den Zwinger spazieren die Touristen. Sie bestaunen Semperoper, Schloß und Katholische Hofkirche. Auf der Prager Straße flanieren die Einkaufslustigen. Auf den ersten Blick erinnert außer neuen Hochwassermarken nichts mehr an die verheerende Flut vom August 2002. Auch die Gebirgsflüsse sind wieder in ihre alten Betten zurückgekehrt, die Menschen an ihre Arbeitsplätze. Tausende Fluthelfer wurden mit einer eigens geschaffenen Medaille geehrt. In vielen sächsischen Gemeinden erinnern Fotoausstellungen an die Naturkatastrophe und den Stand des Wiederaufbaus. Wo vor einem Jahr das Wasser mehr als einen Meter hoch stand, pulsiert heute wieder das Leben. Straßen, die von den Gebirgsflüssen kurzerhand weggespült wurden, sind neu entstanden. Die Deutsche Bahn will bis Ende des Jahrs nahezu alle Hochwasserschäden an ihren Anlagen beseitigt haben. Ab 14. Dezember soll dann nach 19 Monaten endlich auch wieder die enorm wichtige „Sachsenmagistrale“ Dresden-Chemnitz-Plauen und die Mitte-Deutschland-Verbindung Dresden-Chemnitz-Kassel durchgängig befahrbar sein. Insgesamt ist von den 4,4 Milliarden Euro staatlicher Fluthilfe für die betroffenen Länder rund eine Milliarde abgerufen worden. 478 Millionen sind an flutgeschädigte Unternehmen geflossen. Für die Beseitigung von Schäden an Wohngebäuden wurden 252 Millionen Euro ausgezahlt. Die Gesamtschäden, die zu 90 Prozent Sachsen zugeordnet sind, werden von Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) auf rund 9,1 Millionen Euro geschätzt. Der durch die Beseitigung der Flutschäden entstandene Konjunkturimpuls ist zwar niedriger als erhofft, die Flutbilanz sieht aus Sicht der sächsischen Staatsregierung trotzdem positiv aus. Von 71.000 Anträgen wurden bisher 63.000 bearbeitet. Der Großteil der 400 von der Flut vollständig zerstörten Gebäude ist bereits wieder aufgebaut. Allein die Landeshauptstadt Dresden hatte 625 Millionen Euro Flutschäden angemeldet. Hier stehen auf der Schadensliste staatliche Kultureinrichtungen wie die Sächsische Staatsoper, das Staatsschauspiel und die Staatlichen Kunstsammlungen, aber auch Straßen, Wohnhäuser, Hotels, Sportanlagen und Krankenhäuser. Selbst das in einer Messingkapsel aufbewahrte Herz Augusts des Starken war vom Hochwasser beschädigt worden. An sächsischen Denkmalen und Kirchen ist ein Schaden von 139 Millionen Euro entstanden. Fast 4.500 Kulturdenkmale waren vom Hochwasser betroffen. Einige denkmalgeschützte Gebäude mußten ersatzlos abgebrochen werden. So verzeichnet Grimma bisher zwanzig Totalverluste. Auch technische Denkmale wie der Rothschönberger Stollen, der Frohnauer Hammer und Mühlen im Triebischtal wurden teilweise zerstört. Hektisch wird gegenwärtig am Hochwasserschutz gearbeitet. Vielerorts ist er noch immer völlig unzureichend. Käme es zu einer neuerlichen Flut, wäre die Situation nicht viel anders als im Vorjahr, warnt der Dresdner Umweltamtsleiter Christian Korndörfer. Nach seinen Schätzungen sind für ausreichende Schutzmaßnahmen an Elbe und Weißeritz 60 Millionen Euro erforderlich. Nachdrücklich fordern vor allem von der Jahrhundertflut Betroffene den Rückbau von Flußkanalisationen und die Erhöhung von Dämmen. Jörg Ebert aus Kipsdorf beispielsweise weiß genau, warum die Rote Weißeritz sein Haus weggespült hat: Damit Straßenbaumaßnahmen durchgeführt werden konnten, war das rechte Flußufer aufgeschüttet und ein Bogen in die Uferbefestigung bebaut worden. Die Landestal-sperrenverwaltung hatte dafür grünes Licht gegeben. Als die Flut kam, wurde der Fluß genau durch Eberts Grundstück geleitet. Rückbau von Kanalisationen und Erhöhung von Dämmen Im gesamten Osterzgebirge sind lange Zeit wirksame Hochwasserschutzmaßnahmen vernachlässigt worden. Die jetzt im Schnelldurchlauf erarbeiteten Konzepte für die Flüsse des Mittelgebirges füllen 70 dicke Aktenordner. Beispielsweise soll das Rückhaltebecken oberhalb von Glashütte größer als bisher errichtet werden. Auch der von der Augustflut weggerissene Damm, der die Innenstadt schützen sollte, muß von Grund auf errichtet werden. Um die Jahrhundertflut unter Kontrolle zu halten, wären 80 Millionen Kubikmeter zusätzlicher Stauraum nötig gewesen, heißt es aus dem Staatlichen Umweltfachamt Chemnitz. Noch nie seien die Flüsse in der Region so sprunghaft angestiegen, wie im August 2002. Im Bereich der Mulde war der Katastrophenzustand binnen vier Stunden erreicht worden. Die Landestalsperrenverwaltung hat 22.410 Schäden erfaßt. Hauptflüsse wurden auf einer Länge von 630 Kilometern, Nebenflüsse auf 6.000 Kilometern beschädigt. Insgesamt werden zur Zeit 47 sächsische Flüsse auf Schwachpunkte genau untersucht, um künftig einen flächendeckenden Hochwasserschutz zu gewährleisten. Es wird die Bebauung in Flußnähe analysiert und geprüft, wie das Hochwasser 2002 verlaufen ist, wie Ablagerungsprozesse ablaufen, ob Brücken durchlässig genug sind. Den Flüssen soll wieder so viel Raum gegeben werden, daß sie ungehindert fließen können. Siedlungen wie den Zeithainer Ortsteil Röderau-Süd hätte es nie geben dürfen, sind sich Experten und Verwaltung inzwischen einig. Hier waren mitten im alten Elbarm in den neunziger Jahren Neubauten errichtet worden, die beim Augusthochwasser im Fluß untergingen. Jetzt hat der Freistaat die Umsiedlung „auf freiwilliger Basis“ angeordnet. Auch nach möglichen zukünftigen Überschwemmungsgebieten wird gesucht. Dabei ist insbesondere die Landwirtschaft den Hochwasserexperten ein Dorn im Auge. So sollen zur Zeit für Ackerbau genutzte Flächen zurück in Weideland umgewidmet werden. Getreideanbau beschleunigt bei Hochwasser die Bodenerosion. Höchste Dringlichkeit haben dabei die Elbe, Mulde, Müglitz und die Weißeritz. Hier sollen noch 2003 die entsprechenden Gutachten vorliegen. Zur Zeit fehlen der Elbe 85 Prozent ihrer einstigen Überflutungsfläche. In Dresden hatte lange Zeit ein ausgeklügeltes System des vorbeugenden Hochwasserschutzes bestanden. Durch die Elbwiesen und den alten Elbarm sollten sich Flutwellen verteilen und über zwei Flutrinnen abfließen. Allerdings hatte man ab den neunziger Jahren trotz großer Bürgerproteste begonnen, die Elbwiesen zu bebauen. Überdies wurde der Hochwasserschutz im letzten Krisenfall unwirksam, da er auf einen maximalen Pegel von 8,17 Meter ausgelegt war. Die Flut erreichte aber 9,40 Meter. Überarbeitet werden muß auch der Hochwassermeldedienst. Kritisiert wird, daß er nur Vorhersagen für 24 Stunden gibt. Um zielgerichtet Hilfe leisten zu können, sind aber 48 bis 60 Stunden nötig. Auch mehr Übungen im Katastrophenschutz werden verlangt.

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