Deutsch-französischer Sokrates

Soweit der Berliner Philosoph Bernhard Groethuysen dem Gedächtnis seiner heutigen Fachgenossen, von denen die meisten ohnehin den „Rückzug auf die Gegenwart“ (Norbert Elias) angetreten haben, nicht gänzlich entschwunden sein sollte, verbindet man seinen Namen mit einem einzigen Buch: „Die Entstehung der bürgerlichen Weltanschauung und Lebensanschauung in Frankreich“ (1927). Das ehrgeizige Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, die Herausbildung moderner „Subjektivität“, die „Zentrierung des Lebens in sich selbst“ und somit die Ablösung von der mittelalterlich-religiösen „Autoritätskultur“ nachzuzeichnen. Groethuysen wertete dafür französische Predigtsammlungen des 17. und 18. Jahrhunderts aus. Dabei entdeckte er, wie auch weitab von der Metropole Paris wirkende Kleriker die irritierende Erfahrung eines Bewußtseinswandels bei ihren „Klienten“ machten. Den stärksten Einbruch in die überlieferte katholische „Einheitskultur“ erlebten sie im Verfall des Sündengefühls. Darum mehrten sich ihre Klagen darüber, daß selbst die furchtbarsten Ausschmückungen der Höllenqualen ins Leere liefen. Der Glaube an das Jüngste Gericht verlor für eine zunehmende Zahl vornehmlich „diesseitig“ orientierter Kirchgänger seine weltanschauliche Orientierungsmacht. Diese „diskursive Befreiung vom christlichen Sündenpessimismus“ steht am Anfang einer epochalen Umwälzung, die in der Französischen Revolution ihren ersten Höhepunkt erreichte und die in der weitgehend entchristlichten, areligiösen europäischen Kultur des 21. Jahrhunderts ihren Abschluß gefunden hat. Wer, wie Groethuysen, die Anfänge eines solchen Bewußtseinswandels von welthistorischem Ausmaß erforscht, darf also nicht der Vergessenheit überantwortet werden. Dieser Ansicht ist zumindest Klaus Große Kracht, der mit seiner Bielefelder Dissertation die „intellektuelle Biographie“ eines Mannes vorlegt, dessen holländisch-russische familiäre Wurzeln ihn für eine ausgesprochen „europäische“ Mittlerexistenz prädestinierten. Tatsächlich lebte der 1880 in Berlin geborene und in Baden-Baden aufgewachsene Groethuysen seit 1910 abwechselnd in der Winterhälfte des Jahres in Paris, während er im Sommer an der Berliner Universität dozierte. Groethuysen verkehrt dabei in sehr gegensätzlichen intellektuellen Milieus: in Berlin, wo er an der Leibniz-Ausgabe der Preußischen Akademie mitarbeitete und wo er mit der Edition der Schriften seines Lehrers Wilhelm Dilthey beschäftigt war, vornehmlich unter Gelehrten, in akademischen Kreisen, während er sich an der Seine unter „freischwebenden“ Literaten, in der Bohéme-Welt bewegte, der er sich selbst bald in bedenklicher Weise äußerlich anverwandelte, ein „moderner Sokrates“, aber eben auch „unabgebürstet und schmuddelig“, wie ihn Helmuth Plessner schilderte. Im Vergleich mit der älteren Biographie von Hannes Böhringer (1978) fügt Große Kracht dessen Werkinterpretationen und philosophiegeschichtlichen Kontextuierungen nichts wirklich Neues oder Konträres hinzu. Das einleitende modische Gerede über „intellektuelle Felder“, „Diskurs- und Sinn-Traditionen“ gibt wohl ein Versprechen auf innovative methodische Zugriffsweisen ab, das indes im konkreten Vollzug des Biographierens uneingelöst bleibt. Sein eigentliches Verdienst besteht daher darin, Groethuysens Vernetzung im französischen Umfeld aufgrund neuer Quellen akribisch rekonstruiert zu haben. Dem selbst wenig publizierenden, primär im sokratischen Gespräch brillierenden Geisteshistoriker weist er darin die Rolle der „grauen Eminenz“ im deutsch-französischen Literaturbetrieb der zwanziger und dreißiger Jahre zu. Für André Gide, den Übervater der einflußreichen Zeitschrift Nouvelle Revue Française, wie für deren Chefredakteur Jean Paulhan, der zugleich Cheflektor des Gallimard-Verlages war, wo Groethuysen die Übersetzungen deutscher Autoren (von Goethe bis Döblin) betreute, galt der Berliner Philosoph als „alltäglicher Ansprechpartner für deutsche Belange“. Trotz dieses nicht unbedeutenden Anteils am Literaturtransfer zwischen den „Erbfeinden“ nahm Groethuysen aber keine kulturpolitisch zentrale Position im „europäisch“ temperierten deutsch-französischen Gespräch der Locarno-Ära ein. Klaus Große Kracht: Zwischen Berlin und Paris: Bernhard Groethuysen (1880-1946). Eine intellektuelle Biographie. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2002, 336 Seiten, 72 Euro

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