Der lange Blick

Das finale Des-Dur, die entlegene Tonart, ist erreicht. Was sich musikalisch aus Dreitonfigur der Harfe und Hornsignal entwickelt hat zu Kondukt und zu apokalyptischen Aus- und Zusammenbrüchen, was seinen Fortgang nahm in groteskekomischem Ländler, in dem Totentanz der Rondo-Burleske, hin zu dem großen Abschiedsgesang des Adagios, das ist längst wieder in Reminiszenzen, Motivreste, Einzeltöne zerfallen, und die musikalische Zeit hat sich in weiteste Fernen verloren. „Ersterbend“ heißt es in der Partitur. Und dann geschieht – nichts! Totenstille, bevor langsam und zögernd Applaus einsetzt, anschwillt und in dem szeneüblichen Bravo-Gebrüll gipfelt, das sich hier jedoch anhört, als müsse ein lastender Bann gebrochen werden, um heil an Leib und Leben aus Scharouns Berliner Philharmonie zu kommen. Der italienische Dirigent Claudio Abbado hat sich lange schon mit Gustav Mahlers Sinfonien auseinandergesetzt. Neben Einzelaufnahmen liegt der Gesamtzyklus mit dem Chicago Symphony Orchestra, den Wiener und Berliner Philharmonikern vor, drei Orchester, mit denen Abbado immer wieder zusammengearbeitet hat: als Gastdirigent, als Musikalischer Direktor, vor allem aber zwölf wechselvolle Jahre lang, von 1990 bis 2002, als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Die jetzt veröffentlichten Konzertmitschnitte der 3., 7. und eben der 9. Sinfonie sind weit mehr als eine Abschiedsgabe. Sie dokumentieren Höhepunkt und damit wohl auch Wendepunkt in Abbados Mahler-Auffassung. Selten hat der Kopfsatz der 3. Sinfonie solch panischen Schrecken verstrahlt, wurden zeitgleich unterschiedliche Tempi rigoroser gegeneinandergeführt, klangen die Marschfetzen brachialer und der Sieg des Sommers chaotischer. Selten wurde Mahlers großer Gesang von Allgewalt und Gewaltsamkeit der Natur, der sinfonische Aufstieg von Pflanzen-, über Tier-, und Menschenreich in das Reich des Geistes und der Liebe souveräner und zugleich demütiger gefeiert. Klar strukturiert, doch ohne nur irgend etwas von ihrem Geheimnis preiszugeben, klingen die gebrochenen Naturbeschwörungen und das schattenhafte Scherzo der 7. Sinfonie, deren Nachtgesichte noch unter der Maske des affirmativen Jubelfinales medusengleich hervorstarren. So vorbereitet, klingt die 9. Sinfonie – nicht einfach Mahlers letzte, sondern eine letzte Sinfonie überhaupt – weniger wie eine Rücknahme denn vielmehr wie die Konsequenz aus den vorhergehenden Sinfonien. Das „Ich“ hat sich siegend selbst vernichtet, die 9. Sinfonie sagt „Wir“. Und von daher erscheint die Auswahl dieser drei Sinfonien nicht zufällig. Abbados Interpretation beschreibt den schmerzhaft einsichtsvollen Weg von dem Liebeshymnus der 3., über ein längst erledigtes „Per aspera ad astra“ der 7. hin zum Eingang in den ewigen Kreislauf des Lebens ausgangs der 9. Sinfonie. Ihr Blick ist retrospektiv. Dem einzelnen Musiker ist aufgetragen, seiner Stimme selbstverantwortlich bis in ihre feinsten Verästelungen nachzugehen, dem Dirigenten, die Erzählungen zu einem uferlosen Erzählfluß zu gestalten. Erzwang sich Karajan, Abbados großer Vorgänger, bedingungslose Unterordnung des einzelnen Musikers unter die Klangvorstellungen des Maestros als ersten Stellvertreter des Komponisten auf Erden, fordert Abbado die freie Entfaltung des einzelnen als Bedingnis einer Werktreue, die sich nicht in Partiturtreue erschöpft. Es war die Ära Claudio Abbado, während der sich die Berliner Philharmoniker zu einem ernstzunehmenden Mahler-Orchester formen durften. Deutsche Grammophon: 471502-2 (Sinfonie Nr. 3), 471623-2 (Sinfonie Nr. 7), 471624-2 (Sinfonie Nr. 9)

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