Dem Tod den Stachel nehmen

Recht Negatives ist neuerdings über die „Friedhofskultur“ zu hören. Naturfreunde fordern, daß man es ganz und gar dem Einzelnen und seinen Angehörigen anheimstelle, wie mit seinem Leichnam zu verfahren sei. Nach dem Vorbild der See-Bestattungen ruft man nach „Bestattungen in der freien Natur“, im schönen Eichenwald zum Beispiel unter stattlichen Baumriesen. Manche Waldbesitzer bieten schon Areale an; sie wittern eine hochwillkommene Einnahmequelle. Gern beruft sich die Anti-Friedhofs-Bewegung auf alte, vorchristliche Zeiten, als man noch nicht deutlich zwischen Leib und Seele, Leben und Tod unterschied. Es sei jetzt an der Zeit, heißt es, diese ursprüngliche Einstellung wiederzuerinnern und ihr nachzustreben. So könne dem Tod jener unheimliche „Stachel“ gezogen werden, den ihm einerseits das ganz auf die Seele setzende Christentum, andererseits die materialistische Seelenleugnung einst eingepflanzt hätten. In der Tat bezeugen die Totenbräuche der Naturvölker und auch noch der archaischen Hochkulturen, daß man den Stachel nicht sah. Tod war nach Anschauung der Alten gleichsam die Fortsetzung des Lebens mit anderen Mitteln. Die Toten wurden „beerdigt“, nicht um sie irgendwie loszuwerden, sondern man gab sie damit dem lebenspendenden Mutterschoß zurück, wovon nicht zuletzt die gekauerte, embryonale Stellung kündet, in der sie üblicherweise gebettet wurden. Sie wurden mit Men­nige oder Ockerfarbe bestreut, dem Samen der lebenspendenden Sonne. Man stattete sie mit kostbaren Grabbeigaben aus, mit Speisen und Getränken, Gesinde, Sklaven, Lieblings­pferden und Lieblingswaffen, damit es ihnen an nichts mangele. Das Ärgernis des leiblichen Verfalls der toten Körper löste – bei den alten Ägyptern – eine derart hochentwickelte Technik der Leiber­haltung, der Mumifizierung aus, daß man auch heute nicht darüber hinaus ist. Der größte Teil des „Sozialprodukts“ der Pharaonenreiche ging in die Unterwelt, diente den Toten. Die riesigen Pyramiden, die Tausende von Arbeitern über Dezennien beschäftigen, die vor Reichtum funkelnden Grabkammern, die herrlichen Wandgemälde, wie sie nie die Prunkräume eines Gegenwärtigen schmückten – sie dienten nicht dem Tod als einem total Anderem, sondern dem Leben, einem Leben auf höherer Stufenleiter. Immer wieder erstaunt die Forscher, daß Leib- und Seelenkult in den archaischen Totenbräuchen sich dauernd überschnitten und ineinander übergingen, wo doch der moderne Mensch, ob Christ oder Materialist, zu denken ge­neigt ist, daß, wenn die Seele dem Leib entflieht, dieser so wichtig nicht mehr sein kann und so viel Mühe nicht auf sich ziehen sollte. Aber Leib und Seele waren damals eben eine Einheit, wie Leben und Sterben. Die um das Jahr 1000 v. Chr. als Folge der Indogermanisierung Europas, Persiens und Indiens über diese Gebiete hereinbrechende Feuerbestattung muß angesichts des traditionellen Leib-Seele-Einheitsdenkens geradezu als Kulturrevolution gewertet werden, denn immerhin wurde der physische Leib der Toten dadurch ja zerstört oder zumindest einer tiefgreifenden Transformation unterzogen. Wie es dazu gekommen ist, ist eines der großen Geheimnisse der Urgeschichte. Es könnte eine frühe Manifestation jener Leibfeindlichkeit gewe­sen sein, wie sie, historisch nur wenige hundert Jahre später, Zarathustra in Persien zum ersten Mal in religiös-my­thischer Form zum Ausdruck brachte und wie sie dann, wiederum nur dreihundert Jahre später, in Griechenland Platon zum Kern­punkt der abendländischen Rationalität erhob. Näher liegt aber die Deutung, daß es im Gegenteil, parallel zu den ägyptischen Mumifizierungsstrategien, eine Aktion zur Rettung des Leibes vor dem physischen Verfall war. Das Feuer galt bei vielen alten Völkern als hoher, als höchster Gott; verbrannt zu werden hieß, mit ihm eins zu werden, die Asche war demnach eine Mischgestalt aus Feuer und Leib, und mumiengleich wurde die Ur­ne, in der sie gesammelt und bestattet wurde, dem Antlitz des Eingeäscherten nachgebildet. Sämtliche Urnen zum Beispiel unserer Lausit­zer Urnengräberkultur der Bronzezeit sind Gesichtsurnen. In anderen Kulturen, etwa bei den Etruskern, werden die Urnen zu ganzen prachtvollen Häusern der darin Bestatte­ten ausgebildet, womit sich wiederum eine Parallele zu Ägypten, zu den Pyramiden und den übrigen aufwendigen Grabanlagen, ergibt. Auch die Griechen Homers wa­ren Feuerbestatter und haben dennoch voll an der leibgeistigen Einheit festgehalten. Sehr bezeichnend ist dafür die Einäscherung des Herakles, weil bei ihr der Tod als Übergang von der einen in die andere Leibphase regel­recht ausgespart wurde. Herakles war zwar auf den Tod verwundet, als er auf den Scheiterhaufen kam, sein Leib von Gift und Nessusflammen zerfressen, er litt ungeheure Schmer­zen und wußte, daß er so nicht mehr weiterleben konnte. Aber er lebte noch, als er aus eigener Kraft und mit eigenem Willen den Scheiterhaufen bestieg, und die Flammen befreiten ihn von dem verbrauchten, verwundeten Leib, d. h. sie verwandelten ihn in einen neuen, heilen und prächtigen, in dem er dann von Zeus auf den Olymp entrückt wurde. Die außerordentliche Bedeutung, die die Helden Homers oder die Sieben von Theben der Bestattung eines der Ihren zumessen, hat hier ihren Grund: Es geht nicht darum, dem Gefallenen irgendwelche abstrakten Ehren zu erweisen oder gar seine „Seele“ endgültig aus der „Hülle“ des Leibes zu befreien, sondern es geht um die effiziente Trans­substantiation, um die Heilung und Erneuerung des Leibes und weiter darum, daß der Held sein künftiges Leben nicht im leiblich drastisch herabgeminderten Schattenreich des Hades verbringen muß wie die gewöhnlichen Toten, sondern in Elysion, dem olympähnlichen Gefilde der Hel­den und Sänger, Eingang finden kann. Angehörige der heutigen Anti-Friedhofs-Liga glauben wohl nicht an ein vollplastisches und sogar gesteigertes persönliches Weiterleben in Elysion (sie haben in der Regel ja auch wenig Grund dazu), aber die „freie“ Naturnähe, die sie für ihren Leichnam oder seine Asche ersehnen und anstreben, läuft letztlich doch auch auf eine Rettung der leibseelischen Einheit hinaus, auf eine dauerhafte Vereinigung ihrer eigenen (Rest-)Leiblichkeit mit der lebendig pulsierenden Natur oder gar auf eine gloriose Rückkehr in sie. Sie wollen dem Friedhof entrinnen, weil er ihnen als Gelände des Nichts erscheint, auf dem nicht nur zerfallene, sondern auch entseelte Leiber aufbewahrt werden, eine Widernatürlichkeit im Grunde, eine zur Stadtanlage erstarrte Kampfansage des Todes an die Hoffnung. Ob man freilich dem Tod seinen Stachel nehmen kann, indem man in die freie Natur (oder auf die hohe See) umzieht, steht auf einem anderen Blatt. Es mag sein, daß Leib und Seele enger zusammengehören, als es uns die Kirchen darstellen, wahr aber bleibt auch: Leben ist ohne Tod nicht denkbar, wer das pralle Leben liebt, muß dem nichtigen Tod tapfer ins Auge schauen. Memento mori – Gedenke des Todes. Die Friedhöfe sind Widerhall jener notwendigen Mahnung.

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