Neue Technologien: EU-Parlament will Stammzellforschung fördern

Wenn ein Konditor sich Mühe gibt mit einer Torte, darf er damit rechnen, daß diese auch verzehrt wird. Wenn ein Arzt mit Sorgfalt ein Medikament auswählt und verschreibt, ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Patient es tatsächlich nimmt, immer noch relativ hoch, auch wenn erstaunliche Mengen von Medikamenten gleich in den Abfall wandern. Doch was ein Journalist schreibt, bleibt nur ganz selten hängen. Wir sprechen hier in eigener Sache. In der Kolumne vom 18. Juli (JF 30/03) war die Rede von einem geplanten EU-Förderprogramm für die Stammzellforschung. Dadurch würde aber der Bundestagsbeschluß vom Februar 2003 in eklatanter Weise übergangen. Deutschland müßte sich finanziell an Forschungsprojekten beteiligen, die nach deutschem Recht verboten sind. Erinnert sich jemand? Wir hatten auch ausgeführt, warum das ethische Argument der Deutschen nicht stichhaltig ist. Ausführlich wiederholt wurde der Hinweis erst kürzlich im Zusammenhang mit den Vorschlägen der Justizministerin Zypries (JF 47/03). Nun hat sich deren Position bereits als realistisch erwiesen. Die Vermittlungsversuche der EU-Kommission sind fehlgeschlagen, das europäische Parlament hat das Förderprogramm tatsächlich beschlossen, und zwar ohne Rücksicht auf die vom Deutschen Bundestag festgelegte Stichtagsregelung. Und was passiert jetzt? Jetzt zeigt sich, daß die ganze Diskussion überflüssig war, alle Erklärungen in den Wind gesprochen. Denn anstatt nun über den Verlust nationaler Souveränitätsrechte durch die EU-Parallelregierung zu sprechen, ein wahrhaft zukunftsträchtiges Thema, wie beispielsweise auch Konrad Adam in diesen Tagen in der Welt anmahnt, statt dessen beginnt nun das Geschrei um die Embryonen wieder von vorn – als ob nicht das Notwendige dazu längst gesagt worden wäre. Wir hatten gesagt, daß einer, der massenhaft Abtreibungen finanziert, eigentlich keine Veranlassung hat, sich über Forschung an Embryonen aufzuregen. Und daß diese Aufregung einen anderen, versteckten Grund haben muß, den wir in der Angst vor „Menschenzüchtung“ ausmachten, manche sagen auch „Designerbaby“. Der Berliner Tagesspiegel textet zu der jüngsten Schandtat des EU-Parlaments: „EU will Embryonenzüchtung fördern.“ In Wahrheit will aber die EU vorläufig keine Embryonenzüchtung, sondern eine Embryonenvernichtung fördern, und darauf ist die moralische Empörung offiziell abgestellt. Was das Publikum wirklich in Angst und Schrecken jagt, verrät sich hier deutlich in der Formulierung. Bisher gibt es nur wenige, die sich offen für gentechnische Experimente am Menschen aussprechen – aber es gibt sie. Die Deutsche Gesellschaft für Transhumanismus, die 2001 gegründet wurde, untersucht nach eigener Aussage die „Möglichkeiten einer Ablösung der zufälligen natürlichen Evolution durch die selbstgesteuerte Überwindung physischer und psychischer Grenzen des Menschen“. Namhafte Wissenschaftler sind bisher nicht unter den Mitgliedern dieser Gruppierung; man würde ihnen dann wohl auch das Werkzeug aus der Hand schlagen. Schließlich ist es jedoch die Entscheidung des Auftraggebers – und nicht die des Handwerkers -, welches Produkt am Ende herauskommen soll.

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