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Das zweite Gefechtsfeld

Chirurgische Militäroperationen und die Deutungshoheit über das Geschehen stehen in einem direkten Zusammenhang. Wenn die Beseitigung eines Regimes und eines Diktators so aseptisch abläuft wie die Amputation eines Körperteils im Operationssaal, läßt sich der Krieg als Lehrfilm vermarkten. So hätte es kommen können. Und zunächst widerstanden noch nicht einmal in Deutschland die Fernsehsender der Verlockung, einen jener amerikanischen Videoclips auszustrahlen, der den Einschlag einer Präzisionswaffe in eine der Befehlszentralen des Bösen nachstellt: punktgenaues Ausstanzen der befallenen Stellen bei gleichzeitigem Erhalt der gesunden, rettbaren Substanz. Insgesamt war in den ersten beiden Kriegstagen viel von einer überraschend schlanken Kriegführung die Rede, die von den Alliierten ganz im Stile einer rücksichtsvollen Befreiungsarmee unter Vermeidung unnötiger Schäden und Opfer geplant sei. Und selbst Ulrich Tilgner, ZDF-Mann vor Ort in Bagdad und manchmal nur wenige hundert Meter von einem zukünftigen Krater entfernt, konnte sich bewundernde Ausrufe über die Präzisionseinschläge der Mütter und Töchter aller Bomben nicht verkneifen. Tilgner wird, wenn er zwischen zwei Einschlägen ein wenig über die Erkenntnisse der Medientheorie nachdenkt, feststellen, daß er sich auf dem zweiten Gefechtsfeld des Kriegs hat einspannen lassen: Denn zumindest in den ersten Tagen ging die Strategie der Vereinigten Staaten auf, durch präzise Informationen über präzise Waffen, Taktiken und Planungen aus der militärischen Dominanz auch eine Deutungsdominanz zu machen. Eine solche Dominanz strahlt in vier Richtungen aus. Adressaten sind die eigenen Soldaten, die Gegner, die Leute zu Hause und darunter in besonderem Maße die Kriegsskeptiker, verbündet mit einer ungemütlichen Weltöffentlichkeit. Die Botschaft ist dabei immer die gleiche: ein Zurschaustellen absoluter Dominanz bei gleichzeitig stark ausgeprägtem Verantwortungsbewußtsein. Jedoch soll bei den unterschiedlichen Zielgruppen eine jeweils andere Wirkung hervorgerufen werden. Der eigene Soldat soll sich vergewissern können, daß er Angehöriger einer in jeder Hinsicht überlegenen Maschinerie sei, die nicht aufgehalten werden kann. Siegeszuversicht soll sich mit Stolz paaren und eine Mentalität gebären, mit der Entbehrungen und Ängste bekämpft werden können. Für die Leute zu Hause läßt sich zunächst nicht vom selben heroischen Grundverständnis ausgehen. Das eigene Volk muß fernab des Kriegsschauplatzes keine Siegermentalität ausbilden; die Bekämpfung der Sorge um den Sohn, Vater, Bruder steht im Vordergrund. Deutlich subtiler muß die große Gruppe der Kriegsskeptiker und -gegner bedient werden. Man trifft innerhalb dieser Zielgruppe ebenfalls auf Sorgen und Ängste, jedoch beziehen sie sich nicht selten auf die Unversehrtheit eines Gegners oder einer völkerrechtlichen Institution. Das Bild vom chirurgischen Eingriff kann hier Verantwortungsbewußtsein und Heilungsabsicht suggerieren. Ähnlich lautet die Botschaft an den vierten Adressatenkreis, den Kriegsgegner: Nicht der kleine Soldat, sondern seine Führung sei die befallene Stelle, die es zu entfernen gelte. Auf daß der Körper sich während des Eingriffs ruhig verhalte und keine dummen Fragen stelle, haben die USA ihre Operationen „Shock and Awe“ („Schock und Ehrfurcht“) genannt und mit Bildern auch diejenigen Teile der irakischen Armee auf dem Laufenden gehalten, die noch nicht in Kampfhandlungen verwickelt wurden. Die Deutungshoheit über die Informationsquellen gerade der gegnerischen Soldaten ist von den Vereinigten Staaten nach dem ersten Golfkrieg von 1991 zur Chefsache erklärt worden. Mittlerweile gibt es über ein Dutzend Radiosender, die – teils angelehnt an die staatlichen Programme im Irak – eine Gegenöffentlichkeit aufgebaut haben. Seit Kriegsbeginn sind Millionen von Flugblättern auf die irakische Bevölkerung geregnet, in denen Senderfrequenzen angegeben werden. Wie schwierig es aber ist, die Bevölkerung und vor allem die Soldaten des feindlichen Staates von der Richtigkeit der eigenen Angaben zu überzeugen, zeigen Untersuchungen über das Vertrauen in unterschiedliche Informationsquellen: Die amerikanischen Propagandaversuche werden mit ebensolcher Skepsis aufgenommen wie die Darstellungen der regierungstreuen Staatssender. Wie wichtig den Amerikanern dieses zweite Gefecht, die Schlacht um die öffentliche Meinung, ist, zeigte sich, als vor einigen Tagen der unabhängige Sender Al Dschasira exklusives Bildmaterial von getöteten, verstümmelten und gefangenen US-Soldaten ausstrahlte. Bis zu diesem Zeitpunkt war dieser neue Krieg so steril wie ein Operationssaal und vor allem: für die Öffentlichkeit vorbereitet zur Werksführung. Die verstümmelten Leichen der eigenen Soldaten, die völlig verängstigten Kriegsgefangenen (darunter eine Frau) gehören nun nicht ins Drehbuch eines Ensembles, das vor einem schmerzentwöhnten Publikum tanzen muß. Die Entlehnungen aus dem medizinischen Wörterbuch, die den Alliierten die Begriffs- und damit die Deutungshoheit sichern, verlieren ihre Faszination, ihre vorsorgende Ausstrahlung in dem Moment, in dem klar wird, daß ein Krieg ein Krieg ist. Und im selben Moment wird deutlich, daß in einer postheroischen Gesellschaft die Lage an der Heimatfront kriegsentscheidend sein kann, vor allem dann, wenn man eine Kampagne zuvor als Einsatz am Operationstisch verkauft hat, bei dem der narkotisierte Patient nur selten selber zu operieren beginnt. Und so zeichnet sich für das zweite Gefechtsfeld auch eine, vielleicht die einzige Strategie für Saddam Hussein ab: die Alliierten aus dem Operationssaal zurück in den Krieg zu holen und diesen blutigen Weg so medienwirksam wie nur möglich zu gestalten. Foto: US-amerikanischer Kriegsgefangener im irakischen Fernsehen (Videobild von Al Dschasira vom 23. März): Kein steriler Krieg mehr

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