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Aus toten Ottern gemacht

Lesen zählt zu den paar Genüssen, denen sich der aufgeklärte Zeit genosse ohne schlechtes Gewissen hingibt. Die sittliche Verlotterung, deren Romane noch vor wenigen hundert Jahren verdächtigt wurden, legt man längst anderen Unterhaltungsmedien zur Last. Bücher machen weder dick noch dumm, höchstens ein bißchen süchtig, aber wem schadet’s, wenn man pro Woche zwei oder drei verschlingt?

Nun – der Umwelt, genauer gesagt den ohnehin gefährdeten Holzbeständen etwa in kanadischen, russischen und finnischen Urwäldern und den Regenwäldern Südostasiens. Einer OECD-Studie aus dem Jahr 2001 zufolge wird der weltweite Papierbedarf bis 2020 um schätzungsweise 77 Prozent gegenüber 1995 ansteigen. Mit einem Fünftel der Weltbevölkerung haben die Industrienationen an diesem Verbrauch einen Anteil von 87 Prozent.

Seit drei Jahren fordert Greenpeace unter dem Motto "Save or Delete" Verleger auf – entgegen verbreiteter Praxis, wie ein Bericht der Umweltorganisation nachweist -, nur noch "urwaldfreundliches" Papier zu verwenden, das aus Altpapier oder Nutzholzanpflanzungen gewonnen und vom Forest Stewardship Council (FSC) zertifiziert wurde. Papier, zu dessen Herstellung Urwälder abgeholzt werden, sei "aus toten Bären, Ottern, Lachsen und Vögeln, aus zerstörten Kulturen und Arten" gemacht, dramatisiert Margaret Atwood, die ihren letzten Roman "Oryx und Crake" in einem ähnlich verseuchten Ödland spielen ließ.

Auch Harry Potter, dessen neueste Abenteuer hierzulande gerade in Obdachlosenzeitungen als Vorabdruck erschienen, ist schon als grüner Held hervorgetreten. Seine Autorin J. K. Rowling gehört zu den Unterstützern der Greenpeace-Kampagne, die in Kanada begann und Anfang Oktober auch die britische Buchindustrie aufs Korn nahm. Rowlings kanadischer Verleger Raincoast Books druckte die Gesamtauflage von "Harry Potter und der Orden des Phoenix" auf chlorfreiem Recycling-Papier, rettete damit nach eigenen Angaben 39.320 Bäume, sparte über 63 Millionen Liter Wasser sowie genug Strom, um ein Haus 262 Jahre lang zu betreiben, und soviel Treibhausgase, wie eine Autofahrt von 5,3 Millionen Kilometern verursacht hätte. Der Verlag schätzt die bei diesem Verfahren entstandenen Mehrkosten auf 200.000 kanadische Dollar (128.500 Euro).

Andere publizistische Schwergewichte wie Helen Fielding, die Schöpferin der "Bridget Jones"-Bücher, die Thriller-Schreiber Andy McNab und Ian Rankin oder der Kinderbuchautor Philip Pullman gelobten gleichfalls, entsprechenden Druck auf ihre Verleger auszuüben. Im Mutterland der "Save or Delete"-Initiative haben sich mittlerweile 35 Verlage, darunter namhafte Firmen wie Random House Canada, zu mehr Umweltbewußtsein verpflichtet und bislang drei Millionen Bücher auf FSC-geprüftem Papier gedruckt.

Zur feierlichen Eröffnung der Kampagne in London witzelte der Humorist John O’Farrell, er seinerseits habe seinen "Beitrag zum Papiersparen geleistet, indem ich Romane schreibe, die gar nicht erst zu Spitzenreitern in den Bestsellerlisten werden. Meine erfolgreicheren Kollegen rufe ich auf, es mir gleichzutun." Ernst nimmt er das Greenpeace-Anliegen durchaus: "Es hat mich entsetzt, zu erfahren, daß meine Bücher aus Bäumen hergestellt werden, die 1.400 Jahre zum Wachsen brauchten, und dann werden sie an einem Wochenende gelesen und sofort vergessen."

Keine Frage: Die mündliche Überlieferung, das Geschichtenerzählen, war sehr viel umweltschonender als der neuzeitliche Individualkonsum von massenproduzierter Literatur. Gegen den Papiermüll, den Büros und Behörden – von Zeitungsredaktionen ganz zu schweigen – tagtäglich erzeugen, ist aber selbst die Auflage eines durchschnittlichen Bestsellers (die allein im deutschsprachigen Raum Millionenhöhe erreichen kann) eine ökologische Bagatelle. Nur sind Büroangestellte in der Regel vernünftig genug, Sinn und Unsinn ihres Tuns nicht zu hinterfragen, solange am Monatsende die Gehaltsabrechnung stimmt.

Schriftsteller dagegen gelten als notorisch anfällig für jede Art von Selbstzweifel. Schließlich wollen sie keine Wälder kahlschlagen, sondern vermeinten mit ihrem Schaffen allenfalls auf das geistige Klima einzuwirken. "Nichts, was ich je geschrieben habe, ist auch nur den kleinsten Ast eines alten Baums wert", glaubt etwa die kanadische Dichterin Lorna Crozier. Und wer mit der sprichwörtlichen Angst vor dem weißen Blatt lebt, graut sich erst recht vor den Chemikalien, mit denen es gebleicht wurde.

Im Mittelalter entstanden aus Papiermangel Palimpseste. Teile von Ciceros "De re publica" entdeckte der Kardinal Angelo May 1819 in der Vatikanischen Bibliothek unter einem jüngeren Dokument. 1913 wurde erstmals eine gelöschte Schrift mit Hilfe der Fluoreszenzfotografie sichtbar gemacht, inzwischen hat man dafür Computerprogramme entwickelt. Die abgewaschenen oder mit Bimsstein abgeriebenen, mehrfach überschriebenen Pergamente nutzt die Kulturwissenschaft noch heute als Metapher dafür, wie Material wiederverwertet wird und Texte einander überlagern: Von der antiken Mythologie bis zur Postmoderne sind dieselben sieben Handlungen erzählt worden, heißt es. In der Malerei ist es seit jeher üblich, Bilder zu übermalen, weil Leinwand so teuer ist. Auch dort kommen manchmal alte Meisterwerke unter neueren Farbschichten zum Vorschein.

Gewiß hat die Vorstellung ihren Reiz, daß Martin Walsers nächstes Buch auf eingestampften Exemplaren der FAZ gedruckt würde, die so schmählich mit ihm umsprang, und Botho Strauß seinen griesgrämigen Aufstand gegen die sekundäre Welt künftig auf deren Abfall zelebrierte. Sogar das Telefonbuch von vor zwei Jahren könnte noch Stoff, Holzfasern nämlich, für eine ungeahnt spannende Lektüre abgeben! Und ist nicht andererseits vieles, was im Buchhandel als Literatur verkauft wird, so schnellebige Ramschware, daß eigentlich ein Dosenpfand darauf erhoben werden müßte?

Sowieso sind Bücher wie kaum ein anderer Gebrauchsgegenstand des Alltags in Mehrwegsysteme eingebunden. Nagelneu können sie sich die wenigsten wahren Leseratten leisten. Statt dessen frequentieren sie Bibliotheken und Zweite-Hand-Läden, wo neben von Anglistikstudenten entsorgten Penguin Classics zerfledderte Krimis stehen, die in New York erschienen, einst in Kairo 35 ägyptische Pfund kosteten oder 15 Peso in Buenos Aires, bevor sie über Sydney und Prag nach Berlin gelangten. Das Internetportal bookcrossing.com ist ein im Grunde unnötiger Versuch, solche Kreisläufe künstlich zu stimulieren, indem Bücher an geeigneten Orten wie Cafés, Waschsalons oder Bahnhofshallen zum Finden "freigesetzt" werden.

Daß Kultur selbstverständlich Natur vernichtet: daß sie eben nicht dem Naturschutz, sondern dem Schutz des Menschen vor der Natur – einschließlich seiner eigenen – dient, dieser Gedanke ist der Alten Welt erst mit der Romantik fremd geworden. Heute entsetzt er uns. Seit sie aber nicht mehr die Überwindung des Natürlichen anstrebt, läßt sich über die Bedeutung von Kunst streiten: Ist sie ein weiterer Luxus, mit dem die Wegwerfgesellschaft nicht nur wertvolle Rohstoffe verschwendet, sondern auch Zeit und Kreativität, die anderswo produktiver eingesetzt wären? Oder ein menschliches Grundbedürfnis wie der Sauerstoff, den wir beim Atmen verbrauchen?

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