Auf der Couch mit Doktor Murr

Bei einem Rundgang durch das biologische Lehrlabor, in dem sie die nächsten Tage unter professionellen Bedingungen arbeiten dürfen, beschäftigt die Gymnasiasten vor allem eine Frage: „Wo sind die Ratten?“ Wo nämlich Versuchstiere mißbraucht werden, lehnen die jungen Leute fast einstimmig die Mitarbeit ab. Der Laborleiter erklärt, daß der Verbrauch an Versuchstieren durch strenge Genehmigungsvorschriften sehr abgenommen habe. Doch um Querschnittsgelähmten zu helfen, müßten Versuchsratten leiden. Das finden die Schüler nicht. „Warum nimmt man dafür nicht Menschen?“, fragt ein Mädchen. Die Frage ist durchaus ernst gemeint. Wenn das Verstümmeln von Menschen zu Forschungszwecken indiskutabel ist, dann müßte es das auch bei Tieren sein. Dazwischen sehen die Schüler keinen Unterschied. Das Verhältnis zu Tieren ist in Bewegung geraten. Sicher hat es auch früher Tiernarren gegeben. Doch die wurden bespöttelt oder bemitleidet. Dem entgegen standen einerseits Landwirte mit ihrem pragmatischen, kostenbewußten Umgang mit Milch- und Federvieh und andererseits die Städter, die froh waren, dem Mist und den Fliegen entkommen zu sein, und sich mit Tieren nun wirklich nicht beschäftigen wollten. Blieben die vereinsamten alten Damen mit ihren Schoßhündchen – und natürlich der berühmt-berüchtigte Schäferhundhalter mit seinem Autoritätskomplex. Wer Menschen mit Tieren verglich und nicht gerade stockbesoffen war, wurde bis vor ein paar Jahren für neonazistisch gehalten. „Herrliches Raubtier, blonde Bestie“, „flink wie Windhunde“, „Sozialverhalten der Graugänse“, das kennt man. Tierfreunde gerieten leicht in den Ruf von Menschenfeinden. Ausgenommen waren die Halter von Blindenhunden und Packeseln zur Lösung lästiger Probleme. Diese Funktion kommt Tieren mittlerweile immer häufiger zu. Denn blind könnten wir alle einmal sein und von Lasten gedrückt sowieso. Sicher gibt es immer noch Leute, die Tiere auch essen. Aber als Lebenspartner, Entertainer, Altenpfleger, Spielkamerad und Psychotherapeut sind sie sehr viel lohnender eingesetzt. Ja, seit ein Lehrer seinen Hund zum Unterricht mitbringt, klappt es mit der Disziplin viel besser. Und nicht etwa, weil die Kinder Angst vor den Bissen haben, sondern weil ihnen „Schule mit Jule“ attraktiver vorkommt. Ein kleiner Zoo mit Schafen und Kaninchen vor dem Altersheim erfreut Senioren und lockt Kinder aus der Umgebung an. Auch die weiche Zärtlichkeit, die Tiere partnermüden Singles spenden, wird heute nicht mehr als „Ersatzbefriedigung“ mies gemacht. Das Buch von Vivienne Klimke spricht aus, was Millionen von Katzenbesitzerinnen fühlen. Was Alexander Kluges „Konsequenz“ in den siebziger Jahren für die Homosexuellen war, könnte Klimke für verschämte Tierfreunde aller Bildungs- und Sozialschichten werden: das längst fällige Outing. Endlich darf man das Glücksgefühl bekennen, nach hartem Arbeitstag im warmen Fell eines Fuchswallach oder Zwerghasen zu versinken. Endlich wird es auch wissenschaftlich belegt, daß dieses Labsal zur Leistungssteigerung und Krankheitsvorsorge nicht zu übertreffen ist. Noch herrschen gegenüber Tieren einige Vorurteile. In deutschen Krankenhäusern zum Beispiel sind nicht einmal Vogelkäfige erlaubt, weil man Angst vor Schmutz und Bakterien hat. Dabei sind es die Krankenhäuser selber, die Giftstoffe produzieren, vor allem aber bedrückende Langeweile, die durch das Mitbringen von Haustieren erheblich gemildert würde. In den USA sind damit gute Erfahrungen gemacht worden. Noch mehr bei der Therapie von Suchtkranken und Strafgefangenen: In bezug auf Tiere leuchtet eigenartigerweise das Prinzip Verantwortung und gegenseitige Verpflichtung den Betroffenen unmittelbar ein, auch wenn es vorher abgelehnt wurde. Wie kommt das? Wie kommt überhaupt die heilsame Wirkung von Tieren in den verschiedensten Bereichen, vom normalen Feierabend bis zu schwerwiegenden Störungen und Erkrankungen? Dieser Frage hat Klimke bei einer Fülle von Beispielen relativ wenig Raum gegeben. Sie behauptet, daß dieser Zusammenhang noch unerforscht sei. Am Anfang nennt sie kurz die These, daß die Begegnung mit Tieren in uns den „Ruf der Wildnis“ erwecke – also diejenigen zahlreichen Gene aktiviere, die wir sogar mit Rennmäusen gemeinsam haben. Erforscht ist hier in der Tat noch nichts, aber mit der mindestens 90prozentigen Erbverwandtschaft unserer Spezies mit anderen höheren Tieren dürfte die Tierliebe wohl zusammenhängen. Dafür spricht auch die Bevorzugung gegenüber Würmern, Käfern oder den Pflanzen. Mit einer Geranie am Fenstergitter läßt sich ein Gewohnheitsverbrecher nur wenig beeinflussen, soviel hat die empirische Wissenschaft bereits festgestellt. Verschwiegen sei allerdings nicht, daß der Instinkt auch aussetzen kann. Nicht beim Tier, wohl aber beim Menschen. So gibt es Leute, die keine Tiere mögen. Und bei ihnen wirken auch die Therapien mit Delphin oder Alpaka nicht. Ein bißchen ist es wie mit allen alternativen Heilmitteln: Man muß dran glauben. „Als ich so intensiv dran gedacht habe, wie Purzel immer in meinem Arm liegt und schnurrt“, äußert sich eine gestreßte Urlauberin, „da habe ich gemerkt, wie ich ruhiger wurde – als ob er da wäre.“ Bei diesen Voraussetzungen heilt Purzel sogar Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Vivienne Klimke: Gruppenbild mit Dackel. Warum wir Tiere brauchen. Hirzel Verlag. Stuttgart 2002, gebunden, 176 Seiten, 19,80 Euro

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