Aggressionen

Nicht wenigen Menschen hat Nick Cave bis tief in die neunziger Jahre hinein die ungemütliche Anpassung an die trivialen Torturen der Dienstleistungsgesellschaft versüßt. Manche lernten, sogar morbiden Spaß dabei zu empfinden, unermüdlich lächelnd immer nur die Probleme Fernstehender zu lösen, weil sie sich durch seine Musik auf eine Höhe des Bewußtseins getragen fühlten, von der herab sie die alltägliche Betriebsamkeit mit folgenloser Verachtung abstrafen konnten. Solch eine praktische Lebenshilfe bietet Nick Cave heute nicht mehr, da die Sozialisation in das Erwerbsleben unterdessen vor allem auf dem Glücksgefühl, dazu- gehören zu dürfen, basiert. Die Zeiten haben sich, wie man so schön zu sagen pflegt, geändert, Nick Cave aber nicht. Er ist ein Fossil. Ein alt gewordener Langweiler, ein Aufziehmännchen, das einem in die Jahre kommenden Publikum die immergleichen Posen vormacht, den Besessenen, den Ergriffenen, den Erleuchteten spielt, um in der Hörerschaft da ein Feuerchen in der Seele zu entfachen, dort ein Tränchen zu rühren oder ganz allgemein Stoff für die Freude an der Tiefe des eigenen Empfindens zu bieten. Man könnte ihn also für eine Pop-Ikone halten, für einen Elton John für Leute, die meinen, anspruchsvoll zu sein. Dazu fehlt es Nick Cave aber an Qualitätsbewußtsein, an der Professionalität, sich zwar nicht beständig neu zu erfinden, aber doch bestimmte, einmal erreichte Standards wenigstens zu halten. Seine jüngste CD „Nocturama“ (Mute) zeigt dies auf dramatische Weise. Nick Cave offenbart auf ihr nicht allein sein Unvermögen, sich künstlerisch fortzuentwickeln, sondern auch die Beziehungslosigkeit zu den eigenen Erfolgsrezepten der Vergangenheit. Selbst der Versuch, sich zu plagiieren, mißlingt kläglich. Die Ekelgrenze wird überschritten, wo er sich jauchzend und jaulend abmüht, endlich wieder einmal eine Endlosschleife nach der Machart von „The Mercy Seat“ in die Welt zu setzen. Das Ergebnis, „Babe, I’m On Fire“, ist so lang wie peinlich, eine provokante Hörbelästigung, die dazu geeignet sein könnte, vor US-amerikanischen Gerichten Ansprüche auf Schmerzensgeld anzumelden. Nick Caves Selbstdemontage ist so gründlich, daß sie die Rezeption seiner sozusagen klassischen Veröffentlichungen nicht unbeeinflußt lassen kann. So manches erscheint kaum noch hörbar: Die triefenden Schnulzen von heute machen unsensibel für die ironischen Zwischentöne der Vergangenheit. „Alles ist käuflich/ der himmel/ die hölle/ der haß/ und die liebe“: Gaby Delgado und Robert Görl haben die Botschaften des Punk nicht vergessen. Vor zwei Jahrzehnten verunsicherten sie eine noch die Alternativbewegung für aufregend haltende Öffentlichkeit durch ihr unberechenbares Oszillieren zwischen faschistischer Ästhetik, avantgardistischer Infantilität und homoerotischer Sinnlichkeit. Nun, da auch ihre Jugend verschwendet ist und sie selbst durch freimütige Interviews zur Entmythologisierung ihres Projekts „Deutsch-Amerikanische Freundschaft“ (DAF) beigetragen haben, ist der Wunsch, auf diese Weise Aufsehen zu erregen, erkennbar abgeflacht. Insofern sind die „15 Neuen DAF Lieder“ (Superstar Recordings/ Universal) in der Tat ein Neuanfang und kein Revival. Geblieben ist die Fähigkeit, grausame Botschaften zu Parolen zu verdichten, unterkühlt, wahrheitsbesessen, lapidar, totalitär, heute ein klein wenig ausführlicher als einst, aber immer noch konzise genug, um skandiert werden zu können. Aus der Versenkung wieder aufgetaucht ist der Korg-Synthesizer, der den Sound von damals auferstehen läßt, ohne daß darüber aber nostalgische Gefühle aufkämen. DAF-Musik schwankt zwischen Autismus, körperlicher Wirklichkeitserfahrung und abstrakter Reflexion: Diese Form intransigenter Aggressivität ist eine Zeitnotwendigkeit.

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