Militaristen des Wortes

Der Kampf gegen den Terrorismus und seine Helfer tobt auf vielen Bühnen. In einem weit beachteten offenen Brief an ihre „deutschen Kollegen“ haben prominente US-Wissenschaftler und Intellektuelle diesen „Gleichgültigkeit gegenüber den Gefahren, die von moslemischen Extremisten ausgehen“, vorgeworfen. Die Weigerung des deutschen Kanzlers, sich an einem eventuellen Angriff der USA gegen den Irak zu beteiligen, wurde von den meisten amerikanischen Medien mit wütendem Geheul kommentiert. Obwohl die Begründung der Schröder-Regierung gequält und wie immer etwas nationalmasochistisch erscheint (was sonst sollte man von einem politisch korrekten Teutonenregime erwarten), so ist die Abwehrhaltung völlig nachvollziehbar. Vom Standpunkt nationaler Interessen ist die Sache klar: Es liegt nicht im Interesse der Europäer, bei einem imperialistischen Abenteuer der USA gegen eine Regionalmacht im Mittleren Osten mitzumarschieren. Der Irak stellt momentan keine glaubhafte Bedrohung weder für die USA, noch für Europa oder Deutschland dar. Die Attentäter des 11. September lebten als unauffällige Schläfer seit Jahren mitten unter uns. Wollte man also wirksam gegen moslemische Terroristen vorgehen, müßte man die Einwanderung aus moslemischen Ländern viel strenger reglementieren oder könnte einfach die Tore für Immigranten ganz schließen. Nun gibt es in Amerika neokonservative Stimmen, die sagen, die Deutschen stünden so tief in der Schuld der USA, daß sie zur Teilnahme an einem Krieg gegen den Irak quasi historisch verpflichtet seien. Der Fox Network-Fernsehschreihals Bill O’Reilly schrieb vor wenigen Tagen in der New York Post einen flammenden Appell in diesem Sinne, wobei er die Mär wiederholte, die USA hätten Deutschland nach dem Krieg „wiederaufgebaut“. In Wahrheit haben die Deutschen, von der US-Besatzungsmacht als Besiegte behandelt, selbst die Ärmel hochgekrempelt und die Verheerungen des Krieges, so gut es ging, beseitigt. Ihr Wirtschaftswunder haben sie nicht in erster Linie dem Marshall-Plan, sondern ihrem eigenen Fleiß und der klugen Politik eines klassischen, patriotischen Liberalen wie Ludwig Erhardt zu verdanken. Aber weshalb mußte Deutschland eigentlich „wiederaufgebaut“ werden? Eher selten erwähnen amerikanische Medien die unbarmherzigen Bombardements der Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs. Amerikaner und Briten legten in der Spätphase des Krieges Dutzende historische Städte ohne jede militärisch-strategische Bedeutung – man denke nur an das von Flüchtlingen überquellende Dresden – in Schutt und Asche. Diese historische Wahrheit zu erwähnen, verringert das Ausmaß der Verbrechen der Nationalsozialisten in keiner Weise. Viele Deutsche vor allem des linken Spektrums sehen sich auch 60 Jahre nach dem Krieg noch als moralische Paria, fühlen sich noch immer schuldig. Dieses mangelnde Selbstbewußtsein, woraus sich der linke Pazifismus speist, der aktuell in Schröders – man schmunzelt – „deutschem Weg“ mündet, war ebenfalls ein Geschenk der amerikanischen Präsenz in Mitteleuropa. Die „Umerziehung“, nach dem Krieg mit Unterstützung der Besatzungsmacht betrieben, sollte den Deutschen helfen, ihre Vergangenheit zu „bewältigen“. Zu diesem Zweck wurden ihre Köpfe mit negativen Urteilen über die gesamte nationale Geschichte vollgestopft. Der Nationalsozialismus und Auschwitz wurden als die notwendige Kulmination einer schlimmen kollektiven Vergangenheit des deutschen „Sonderwegs“ dargestellt, der von Militarismus und undemokratischem Geist geprägt war. Im teutophoben Drehbuch der Umerzieher war den Deutschen eine klare Rolle vorgegeben: Zerknirscht und reumütig sollten sie sein ob der schlimmen, militaristischen Vergangenheit. Doch nun, so registrieren US-Neokonservative in diesen Tagen empört, will Schröder von einem militärischen Einsatz nichts wissen, obwohl die amerikanischen Freunde diesen zu einem „gerechten Krieg“ erklärt haben. Die späte Frucht der Umerziehung – der aktuelle Pazifismus in der Irak-Frage – will den USA nicht mehr schmecken, und Schröder wird nun, eine Ironie der Geschichte, vom Weekly Standard und der National Review als „Feind der globalen Demokratie“ attackiert. Während ein scheinbar liebenswürdiger Sprecher auf Fox News versucht, der amerikanischen Jugend einen aller Wahrscheinlichkeit nach blutigen und brutalen Krieg schmackhaft zu machen, widerspricht der britische Journalist John Pilger der Ansicht, die USA seien eine stabile, konservative Weltmacht geworden. In seinem Buch „The new Rulers of the World“ erklärt der Daily Mirror-Redakteur Pilger, der amerikanische Imperialismus weise zunehmend einen frenetischen und äußerst destabilisierenden Zug auf: „Den Amerikanern ist es egal, ob ihr son-of-a-bitch links oder rechts steht. Hauptsache er tut, was man ihm sagt. Sie sind fähig, einen Alliierten fallenzulassen, selbst einen langjährigen, wenn ihnen danach ist.“ Es gibt gute Gründe, weshalb Europäer, die sich selbst achten, vorsichtig sein und den amerikanischen Plänen nicht blind folgen sollten. Aber auch für die Amerikaner könnte der Traum vom Empire ein böses Erwachen haben: Sie rennen neokonservativen Journalisten hinterher, die ihre eigene Schwächlichkeit mit extra-markigem Schreiben kompensieren. Diese Militaristen der Feder müssen die Suppe, das mögliche Blutbad im Mittleren Osten, ja nicht auslöffeln, wenn sie es schaffen, die USA in den Krieg zu treiben. Prof. Dr. Paul Gottfried lehrt klassische Philologie und Politikwissenschaft am Elizabethtown College in Pennsylvania.

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