Sie lächeln weiter und betrügen dich trotzdem

Die öffentlich-rechtliche Berichterstattung über die vorgezogenen Parlamentswahlen in Italien hat sich als sehr vielsagend erwiesen. Nicht nur wurde bei jeder nur irgend möglichen Gelegenheit betont, wie „reformwillig“ und „europafreundlich“ doch das Programm des Mitte-Links-Kandidaten Pier Luigi Bersani sei. Auch stellte man die „Fünf-Sterne-Partei“ des Kabarettisten Beppe Grillo als zwar Euro-kritisch, aber doch irgendwo neckisch und amüsant dar.

Hier drängen sich Parallelen zur Piratenpartei geradezu auf (wie die „Tagesschau“ offen zugibt), deren „Nerd“-Auftreten und infantile Herangehensweise an Realpolitik ja die ursprünglichen Gründe dafür waren, daß sie von den bundesdeutschen Großmedien hochgeschrieben – und ebenso schnell wieder fallengelassen – wurden. Politische Inhalte scheinen nicht wirklich relevant zu sein, solange die heilige EU-Kuh nicht angetastet wird und es bloß um Himmels willen etwas zu lachen gibt.

Eher unlustig findet die bundesrepublikanische Medienlandschaft offenbar die faschistisch inspirierten, „turbodynamistischen“ Sozialrevolutionäre von „CasaPound“, die sich mit einer eigenen Liste italienweit zur Wahl gestellt haben. In der oben angegebenen Parteienvorstellung der „Tagesschau“, die also damit BRD-hochoffiziös ist, kommen sie nicht vor; ebenso wenig wie in den Fernsehmeldungen oder dem gerade für die Internethörigen relevanten wikipedia-Artikel zur Wahl. Für die großen Zeitungen existieren die Casapoundisten scheinbar nicht. Einzige Ausnahme bildete hier – ausgerechnet! – Die Zeit, allerdings mit einem erwartbar hysterischen und undifferenzierten Artikel.

CasaPound die Stichwortgeber der Identitären

Nun ließe sich natürlich einwenden, daß auch andere Kleinparteien (zumindest die rechten) in der Berichterstattung unter den Tisch fallen. Nun ist es aber so, daß es sich bei „CasaPound“ ja mitnichten um eine reine Partei handelt, sondern vielmehr die Wahlliste lediglich den parlamentarischen Arm der beachtlichen Gruppierung um Gianluca Iannone und Simone di Stefano darstellt, die mindestens im Hinblick auf die Gestaltung ihrer Druckerzeugnisse die Stichwortgeber der europaweiten „Identitären Bewegungen“ waren und sind. So hat sich wohl nicht von ungefähr gerade in den letzten Wochen der Medienzirkus ganz erheblich auf die „Identitären“ eingeschossen, allen voran das ZDF.

Dabei hat immerhin der Kultursender Arte längst erkannt, daß das Thema Potential hat, und sowohl einen Bericht über die „CasaPound“ an sich, als auch einen zum Teil über die Wahlbeteiligung der jungen Aktivisten gebracht. Bemerkenswert unaufgeregt, wenn man sich das Äquivalent des sich allmählich als Bundesbetroffenheitssender etablierenden 3sat ansieht.

Vielleicht ist die Aussage di Stefanos über seinen ernsthaft-kämpferischen Blick auf dem „CasaPound“-Wahlplakat in dieser Hinsicht vielsagend. Denen, die „breit lächeln und dich nachher reinlegen“, begegnet man hierzulande im Wahlkampf allenthalben – auch in der hiesigen Politik ist der Spaß eben elementar. Dazu naheliegende Wortspiele wie „Witz“ oder „Lachnummer“ zu bemühen, ist müßig; es geht der etablierten (EU-)Politik wohl insgesamt darum, „gute Miene zum bösen Spiel“ zu machen, gerade angesichts tagesaktueller Scheindebatten. Ein vordergründiger Anlaß mehr, am italienischen Wahlabend öffentlich-rechtlich und abendfüllend bei Herrn Plasberg in völlig absurd zusammengewürfelter Runde mal wieder über das Witzpotential des Zombies aus Braunau zu debattieren – Narhallamarsch!

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