Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Parteien im Sprachtest

Welche Ansätze zur Sprachpolitik verfolgen die einzelnen Parteien? Das fragt sich mancher Sprachfreund vor der anstehenden Bundestagswahl. Eine Betrachtung der einzelnen Wahlprogramme ergibt das folgende Bild:

Die Linke

Das Wahlprogramm der Linken gibt es nicht nur auf deutsch, sondern auch in den Sprachen Englisch, Polnisch, Russisch und Türkisch. Die Partei setzt auch sonst auf Mehrsprachigkeit. Um diese zum Beispiel auch in den Behörden zu gewährleisten, sollen dort mehr Eingewanderte angestellt werden. Grundsätzlich soll die Zweisprachigkeit von Einwanderern und Flüchtlingen gefördert werden. Ein weiteres Herzensanliegen der Linken: „Traumatisierte Flüchtlinge müssen muttersprachliche psychotherapeutische Versorgung erhalten.“ Erhaltung und Weiterentwicklung der Minderheitensprachen wie Sorbisch und Friesisch sind der Partei ebenfalls wichtig. Zur Förderung der deutschen Sprache enthält das Programm jedoch nichts.

Bündnis 90 / Die Grünen

Auch die Grünen kümmern sich besonders um die Sprachen der Einwanderer und Flüchtlinge. Um diesen den „Zugang zur gesundheitlichen Grundversorgung“ zu sichern, soll es ein „herkunftssprachliches Beratungsangebot“ geben. Mehrsprachigkeit soll „als Ressource“ genutzt werden. Den Nachzug von ausländischen Ehegatten wollen die Grünen erleichtern, indem sie den vorherigen Sprachtest im Ausland abschaffen. Die Sprachbildung in Kindertagesstätten soll die „Familiensprachen mit einbeziehen“. Zur Stärkung des Verbraucherschutzes soll es mehr Angebote „in Alltags- und leichter Sprache“ geben. Außerdem wollen die Grünen mit Hilfe von Aufklärung und der Förderung entsprechender Abwehrinitiativen „neuen rechten Sprach- und Denkweisen“ entgegenwirken. Zielpersonen sind dabei ausdrücklich nicht nur Rechtsextreme, sondern auch Rechtskonservative.

Piraten

Die Piraten scheinen vieles von Linken und Grünen übernommen zu haben. Auch sie wollen die Sprachtests vor dem Ehegattennachzug abschaffen. Flüchtlinge sollen das Recht auf einen Dolmetscher erhalten. Deutsch als Amtssprache ist den Piraten nicht so wichtig, die Behörden sollen statt dessen mehrsprachige Formulare und Informationen anbieten. Mehrsprachigkeit soll auch durch Unterricht in den Muttersprachen gefördert werden. Wie das in einer Klasse mit 30 Schülern aus 20 Nationen gehen soll, verschweigt das Programm jedoch.

SPD

Nach Auffassung der SPD sollen Einwanderer Deutsch lernen, um „die Erwerbsbeteiligung zu erhöhen“. Die sozialdemokratische Sprachpolitik richtet sich vorwiegend auf Einwandererkinder in Kindergärten und Schulen. Dabei soll jedoch nicht die Herkunftssprache verdrängt werden: „Wir sehen in der natürlichen Zwei- oder Mehrsprachigkeit ein wichtiges Potenzial, das durch eine gezielte sprachliche Förderung realisiert werden kann.“

FDP

Für die Freien Demokraten stehen erwartungsgemäß vor allem wirtschaftliche Interessen im Vordergrund, wenn es um sprachpolitische Entscheidungen geht. Um es kurz zu machen: Wer Englisch statt Deutsch will, sollte FDP wählen. An Hochschulen will die FDP nämlich „den verstärkten Fremdspracheneinsatz … stärken“, wie es etwas unglücklich formuliert im Programm heißt. Das bedeutet nichts anderes, als Deutsch zugunsten von Englisch als Wissenschaftssprache weiter zurückzudrängen. An anderer Stelle ist die FDP noch deutlicher. Sie will „Englisch als ergänzende Verkehrs- und Arbeitssprache in Bereichen der öffentlichen Verwaltung“ fördern und etablieren, „die für die gezielte Zuwanderung relevant sind“. Außerdem wünscht sich die FDP Englisch als Gerichtssprache: „Vor den Kammern für Handelsrecht soll künftig auch in englischer Sprache verhandelt werden können.“ Aber auch die Förderung der deutschen Sprache hält die FDP an bestimmten Stellen für wichtig: zum Beispiel in der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, im „bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht“ und zur Integration von Einwanderern. Die FDP will Einwanderer also erst auf englisch begrüßen und dann von ihnen verlangen, Deutsch zu lernen.

CDU/CSU

Im „Regierungsprogramm“ von CDU und CSU erhielt die „Pflege der deutschen Sprache“ entzückenderweise sogar einen eigenen Absatz: „Die deutsche Sprache ist wesentlicher Ausdruck unserer reichen Kultur. Wir bekennen uns ausdrücklich zur Pflege unserer Sprache, wollen ihre Ausdruckskraft erhalten und daher auf unnötige Anleihen zum Beispiel aus der englischen Sprache verzichten sowie auf verständliche Texte achten.“ Somit zielt die Union als einzige Partei auf die Sprachschützer als Wähler. Doch sollten diese genau hinsehen, denn nicht alles, was CDU und CSU fordern, dürfte ihnen gefallen. Wie die FDP will die Union nämlich „englischsprachige Studienangebote sowie in internationaler Kooperation gemeinsam angebotene Studiengänge weiter ausbauen“ und damit dem Deutschen als Wissenschaftssprache weiter das Wasser abgraben.

Natürlich betont auch die Union die Bedeutung der deutschen Sprache für Bildung und Integration. Auch sie will das Deutsche im Ausland fördern. Und wie die Linke will auch sie die Sprachen der angestammten Minderheiten unterstützen. Die Aussagen zur europäischen Sprachpolitik sind dann wieder einzigartig: „Deutsch ist die meistgesprochene Muttersprache und eine der drei Verfahrenssprachen in der Europäischen Union. Wir setzen uns dafür ein, die deutsche Sprache in Europa weiter zu stärken. Unser Ziel ist, daß sie in den EU-Behörden und -Verwaltungen mit dem Englischen und Französischen gleich behandelt wird.“ Man fragt sich nur: Warum handelt die Bundesregierung bislang nicht danach? Welcher Partei gehören Angela Merkel und Wolfgang Schäuble an?

Freie Wähler

Die Freien Wähler wollen eine „Stärkung der kulturellen Vielfalt in Europa“. Deshalb setzt sich die Partei „für eine Stärkung der deutschen Sprache als meistgesprochene Muttersprache in Europa ein“. Damit soll auch die „Transparenz“ in der Europäischen Union verbessert werden: „Europäisches Recht muß vereinfacht werden, politische Entscheidungen und Informationen der Europäischen Institutionen [müssen] leicht abrufbar sein und durchwegs in allen Amtssprachen kommuniziert werden.“ Auch die Freien Wähler heben die Bedeutung der deutschen Sprache für die Integration hervor.

AfD

Die Alternative für Deutschland ist die einzige der untersuchten Parteien, in deren Wahlprogramm rein gar nichts zur Sprachpolitik zu finden ist.

Was in den Programmen steht, ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht freilich, was die Parteien nach der Wahl tatsächlich zu leisten imstande sind. Wem die deutsche Sprache wichtig ist, der kann für seine Wahlentscheidung mit Hilfe dieser Aufstellung zumindest einige Parteien ausschließen.

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