N wie Nazi

Wer „Nordpol“ sagt, verwendet Nazisprache. Hätten Sie’s gewußt? Alle, die „N wie Nordpol“ buchstabieren, „tragen die Sprache der Nazis weiter“, verkündete kürzlich Anne Arend im NDR. Der „Nordpol“ als Naziwort: Wie konnte es bloß dazu kommen? Bislang vermutete man am Nordpol eher den Weihnachtsmann, und der dürfte doch noch über jeden Verdacht der nationalsozialistischen Betätigung erhaben sein. Aber wer weiß …

Hintergrund des NDR-Aufschreis ist, daß tatsächlich im Rahmen der Umwälzungen von 1933 die Buchstabiertafeln geändert wurden. Biblische Namen wie David, Jakob, Nathan, Samuel und Zacharias verschwanden. Die Oberpostdirektion ersetzte sie geflissentlich durch Dora, Jot, Nordpol, Siegfried und Zeppelin.

„Sonderbare Heilige“

Da half auch die Beschwerde Jakob Sprengers nichts. Der Reichstagsabgeordnete und Gauleiter von Hessen-Nassau-Süd wollte die Ehre seines Vornamens retten und schrieb an das Reichspostministerium: „Es müssen schon sonderbare Heilige sein, die auf einen derartigen Einfall kommen; man bedenke doch, daß tausend und Abertausende von Menschen durch diese Verfügung gröblich verletzt wurden.“

Nach dem Krieg wurde zwar auch die Buchstabiertafel entnazifiziert, aber nur zum Teil: Siegfried wurde wieder zu Samuel, Zeppelin zu Zacharias. Doch Dora und der Nordpol blieben, und im Volksmund halten sich bis heute hartnäckig Zeppelin und Siegfried. Grund genug für die Sprachwächter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, einzugreifen und mahnend den Zeigefinger zu heben.

„Mir vastehn ja die Nejer“

Wer also gemäß DIN 5009 „N wie Nordpol“ buchstabiert, verwendet laut NDR die „Sprache der Nazis“. Einen Ausweg für politisch Angepaßte gibt es nur in der Anwendung internationaler Buchstabiertafeln, etwa des Nato-Alphabets, wo es „N wie November“ heißt. Hundertfünfzigprozentige flüchten daher lieber aus dem Deutschen als in den Verdacht zu geraten, wie ein Nazi zu sprechen.

In Kurt Tucholskys „Ferngespräch“ von 1927 verwendet der Berliner Paul noch die alte Buchstabiertafel. Als sein Telefonat unterbrochen wird, weil er nicht hochdeutsch und verständlich spricht, schimpft er: „So wie ick hier spreche – ach wat, Dialekt! Dialekt! Ick spreche keen Dialekt – ich spreche Deutsch, vastehn Se mir? So wie ick spreche: mir vastehn ja die Nejer. N wie Nathan … Wech.“ Herrje, da fiel ja ein weiteres N-Wort, das heute unter Zensur steht. Ob nun auch Tucholsky umgeschrieben werden muß?

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