Die Intuition der Äbtissin

Irgendwie erinnert mich Alice Schwarzer an die Äbtissin eines Nonnenklosters. Mit einem Wertekanon ausgestattet, so flexibel wie der katholische Katechismus, übt sie die absolute Herrschaft über ihre Welt aus. Eine kleine Welt, in der nur Frauen leben, geborgen hinter hohen Klostermauern. Eine Welt, in welcher es eigentlich keinen Umgang der Geschlechter, keine Sexualität gibt, sondern der Mann nur als eine fleischlose, schattenhafte Drohung und Warnung existiert. Das ist die Welt von Schwarzer.

Die Äbtissin, die über ihre Nonnen wacht wie die Henne über ihre Kücken, ihr ganzes Werk durchzieht diese Stimmung. Es ist ein einziger Aufschrei gegen die Welt dort draußen, der Welt der Männer, in der ihre Schützlinge nur Vieh sein werden, unterjocht vom Penis und dem Zwang, Kinder zu gebären. Mit verbiesterter Miene hämmert sie ihnen ihre Warnungen ein. Die Verlockungen, oh diese Versuchungen, sie sind des Teufels. Sie sind eine Gefahr unseres Gemeinwesens, unserer Welt ohne Männer.

1971 inszenierte Schwarzer mit der Kampagne „Wir haben abgetrieben!“ einen Skandal, der sie zum Aushängeschild des deutschen Feminismus machen sollte. Doch in ihrem Fall war das angebliche Bekenntnis eine Lüge. Schwarzer war wohl nie schwanger. Denn in ihrer Welt gibt es emotionale Bindungen nur zu Frauen. Die trotzige Entgegnung einer Klosterschülerin an ihre Lehrerin, sie würde doch von der Liebe und den Männern so viel verstehen, wie ein Blinder vom Licht, sie trifft auch auf Schwarzer zu.

Trotz falscher Schlüsse aus falschen Betrachtungen

Gewiß kann man sich über diese Äbtissin lustig machen. Schwarzer steht heute als ein Anachronismus da. Was sie einst auf den Wellen des Zeitgeistes weit nach oben trug, was sie selbst als gesellschaftliche Strömung mit in Fluß brachte, sie hat es nicht verstanden. Deren Folgen, sie kann nicht begreifen, daß es die Folgen ihrer eigenen Taten sind, nicht die einer angeblichen Männerherrschaft. Dennoch sollte man nicht übersehen, daß Schwarzer eine typisch weibliche Eigenschaft besitzt:

Aus falschen Betrachtungen zieht Schwarzer falsche Schlüsse, kann aber intuitiv dennoch durchaus Richtiges erfassen. Beispielsweise der Furor, mit dem Schwarzer vor dem um sich greifenden Islam in Deutschland warnt. Hier kann man sie wirklich das nennen, was man ihr für gewöhnlich an falscher Stelle zuspricht – nämlich mutig. Hier hat sie das Richtige erfasst, aber aus falschen Gründen und mit völlig falschen Schlüssen. Man kann es ihr nicht verübeln, denn wie sollte sie auch.

Die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau, wie sie in der deutschen Gesellschaft gelebt wird, sie gründet im christlichen Menschenbild. Das mag aufgeklärten und vernunftgeschwängerten Feministinnen nicht passen, ist aber dennoch so. Das sonnenhaft-fortschreitende Christentum ist hier aber als eine genuin männliche, der mondenhaft-verharrende Mohammedanismus dagegen als eine genuin weibliche Kulturströmung zu sehen. Wie sollte jemand wie Schwarzer diesen Sachverhalt jemals begreifen können?

Auch in anderer Hinsicht hat Schwarzer durchaus Richtiges erfasst, aber wieder aus falschen Gründen und mit völlig falschen Schlüssen. Die Rede ist natürlich von Schwarzers harscher Kritik am so genannten Prostitutionsgesetz, welches vor nunmehr zwölf Jahren Huren zu „Sexarbeiterinnen“ machte.

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