Bei der Frage nach dem Warum ansetzen

Vor drei Tagen beschäftigte sich mein Kolumnen-Kollege Mathias von Gersdorff an dieser Stelle kritisch mit der Prostitution und dem politischen Umgang mit derselben. Das horizontale Gewerbe sei „von Natur aus unsittlich“ und müsse vom Gesetzgeber auch so behandelt werden, findet Gersdorff. Ich möchte hier eine Gegenposition vertreten und begründen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Thematik auch in konservativen Kreisen umstritten zu sein scheint, so daß diese Debatte geführt werden sollte.

Vorab: Natürlich ist es zeitgeistiger Unsinn, wenn die Liberalisierung der Prostitutionspolitik allen Ernstes zum Akt der „Frauenbefreiung“ stilisiert wird. Es zeugt zudem von einem perversen Zeitgeist, daß man Zigaretten und Glücksspiel hierzulande nur noch unter schärfsten Auflagen und in Verbindung mit aggressiven Belehrungen genießen darf, während potenziell ebenfalls suchtgefährdende Drogen wie Alkohol oder Sexdienste nicht derartig reglementiert werden. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Jugendlicher nach seinem Ausweis gefragt wird, ist am Zeitungskiosk vermutlich größer als im Bordell.

Dennoch scheint mir, daß ein Verbot der Prostitution bedeuten würde, den Kampf gegen eine Hydra aufzunehmen. Anstatt mit Verboten oder Ächtung gegen Prostitution vorzugehen, sollte man statt dessen bei der Frage ansetzen, wieso Männer überhaupt in ein Bordell gehen. Diese Frage ist angesichts explodierender Scheidungsraten und einer ebenso rapiden Zunahme von Solo-Schicksalen leicht zu beantworten. Als wichtige Scheidungsgründe nennt der Rechtsanwalt Roland Sperling unter anderem „ständige Fehlersuche nur beim anderen“, „Flucht aus der Ehe schon bei leichten Eheproblemen (mangelnder Lösungswille)“ und „fehlender Respekt vor dem anderen, seinem Beruf, seinen Freunden, seinen Hobbies“. Unter solchen Umständen muß natürlich auch die Sexualität leiden, selbst wenn es nicht zur Scheidung kommt. Tja, das kommt dabei heraus, wenn die Religion aus der Öffentlichkeit verdrängt und im Zuge säkularer Lebenslügen zur sogenannten „Privatsache“ heruntergewirtschaftet wird.

Schwarzer instrumentalisiert die Zwangsprostitution

Indessen werden die explodierenden Zahlen von Solo-Lebensläufen von den Medien nicht etwa problematisiert, sondern auch noch verherrlicht und somit gestützt. So meint etwa das Zeitgeist-Magazin Neon, daß Singles keine „bedauerlichen Mängelwesen“ seien, und daß der Trend zur Nichtbeziehung nicht weiter schlimm sei: „Die Ansprüche an einen ‘passenden’ Partner sind höher geworden. Und das ist doch auch vernünftig.“ Wenn man diesem kranken Zeitgeist entgegenwirken kann, dann ist das ein hervorragendes Mittel gegen Prostitution. So lange sich der Freier aber nicht in einer Beziehung befindet und es sich nicht um Zwangsprostitution handelt, gibt es meines Erachtens Schlimmeres, so daß sich Konservative nicht an solchen Dingen aufreiben sollten.

Von Gersdorff beruft sich vorrangig auf die christlichen Wurzeln Deutschlands sowie auf christlich begründete Wertvorstellungen. Dies begrüße ich in seiner Intention zunächst einmal, denn religiöse Normen und Traditionen dienten und dienen dem Überleben von Gesellschaften – egal, was an religionskritischen Stammtischen behauptet wird. Allerdings halte ich es für eine Schwäche des christlichen Konservatismus, daß er in punkto Sexualität oftmals Dinge miteinander vermischt, die nichts miteinander zu tun haben. Eine Schwäche von Gersdorffs Kolumne sehe ich daher darin, daß sie einen zu weiten Bogen von der Prostitution über den Menschenhandel bis zur Pädophilie spannt.

So meint Gersdorff über die Feministin Alice Schwarzer: „Indem sie Prostitution und Menschenhandel verbindet, gewinnt ihr Ansinnen an Glaubwürdigkeit hinsichtlich der Durchführbarkeit.“ Doch gerade diesen Gewinn an Glaubwürdigkeit kann ich nicht erkennen. Schwarzer instrumentalisiert hier meines Erachtens das schlimme Problem der Zwangsprostitution, um es für die Forderung nach einem generellen Prostitutionsverbot in Stellung zu bringen. Es gibt keine Zahlen über den Anteil der Zwangsprostitution, weshalb man nur spekulieren kann. Daß dieser Anteil bei 100 Prozent liegt, wird man aber wohl ausschließen können.

Maß und Mitte sind konservative Tugenden

Ähnliches gilt meines Erachtens auch für den Hinweis von Gersdorffs, daß bei der Pädophilie „der Erwachsene die Situation völlig dominiert und seine Macht problemlos über das Kind ausüben kann“, was nach Gersdorffs Ansicht eine Parallele zur Prostitution aufweist. Ich halte die Herstellung dieses Zusammenhangs nicht für zielführend und sehe die Gefahr, daß Konservative durch das Vermengen von solchen völlig unterschiedlichen Bereichen dazu beitragen könnten, jene Klischees zu bestätigen, die ihnen von linksliberaler Seite angeheftet werden.

Andererseits ist in punkto Sexualmoral eines auch klar – und hier stimme ich Gersdorff beim Lesen seiner Kolumnen häufig zu: Die permissive Parole „anything goes“ und das Schleifen von Werten wie Ehe und Treue sind Lebenslügen. Einer Gesellschaft, in der nichts mehr gelten soll und alles irgendwie verhandelbar und verkäuflich sein soll, setzt Gersdorff klare Verbindlichkeiten entgegen. Nach meiner Meinung tendierte von Gersdorff mit seiner letzten Kolumne jedoch zu stark ins andere Extrem. Es kommt darauf an, einen pragmatischen Ausgleich zwischen Verbindlichkeit und Liberalität zu schaffen. Maß und Mitte sind eben konservative Tugenden.

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