Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Als „Möchtegern-Breivik“ geschmäht

Symbole, Geisterbeschwörungen und Mythologisierungen gehören zum modernen politischen Geschäft. Dort werden fortlaufend Zeichen hochgehalten, die entweder bannen oder lösen sollen. In der übergreifenden Auseinandersetzung müssen die Formeln um besetzte Begriffe gekannt und nach bestimmten Verfahrensweisen gehandhabt werden, ansonsten wird es nicht nur turbulent, sondern es droht gar Strafverfolgung, weil sich die gesamte Gemeinschaft herausgefordert sieht. Jeder kennt Reizwörter von solch sensibler Semantik oder Zuschreibung.

Seit ich unter meinem längst zerschlissenen und von einschlägigen Foren offengelegten Pseudonym Martin Mollnitz hier und da polemisch kritische, aber keinesfalls die Regeln des Diskurses verletzende Essays veröffentlicht habe, die sich einzig und allein literarischen Themen widmen, wurde ich von linker Seite wiederholt mit dem Massenmörder Breivik verglichen.

Das geschah anfangs im oben zitierten Freitag durch einen sehr aufgeregten Anonymus, der mich auf meine kritischen Anmerkungen zur Lyrik-Szene hin an verschiedenen Stellen „Möchtegern-Lyrik-Breivik“ zieh; und ich konnte dank der Sezession darauf längst moderat reagieren. Das geschieht im neuen Jahr weiterhin durch den Autoren der Jungen Welt, Kai Pohl, der praktischerweise im von ihm entliehenen Schmähwort zunächst auf den Bestandteil „Lyrik“ verzichtete und um der Schärfung willen – vorgeblich den Anonymus zitierend, aber bewußt verkürzt – von mir zunächst als „Möchtegern-Breivik“ schrieb, weil ihn stört, daß eine deutsch-belgische Anthologie einen kleinen Zyklus Naturgedichte von mir veröffentlichte.

Online-Textfassung nachträglich abgeändert

Diese Anthologie, so Pohl im zitierten Beitrag, wäre ihm früher doch eher als antifaschistisch aufgefallen. Jetzt aber tauche ich dort auf, der Breivik im literarischen Schafspelz. Im Wortlaut ab 3. Januar 2013: „In der eher des Antifaschismus verdächtigen Zeitschrift Krautgarten, dem Organ der ‘deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens’, finden sich in der Novemberausgabe Gedichte des bekennenden Rechten und ‘Möchtegern-Breivik’ (Marsborn) Martin Mollnitz alias Heino Bosselmann. (…)“

Nach meiner Anfrage bei Redaktion und Autor wurde die Textfassung online vermutlich am Mittwoch korrigiert, also verfälscht, so daß auf der JW-Netzseite wieder vollständig vom „Möchtegern-Lyrik-Breivik“ die Rede ist. Die von der JW unverfälschte Urfassung steht noch hier (siehe Fettdruck-Passage.)

Ich möchte nicht polemisieren, sondern nur protokollieren: Wie verhält man sich dazu, wenn für diesen irrsinnigen Vergleich ausreicht, daß man für die Junge Freiheit, die Sezession, die Blaue Narzisse schreibt, und es nicht mal darum geht, was man dort publiziert – abgesehen davon, daß dem nicht nur diffamierenden, sondern ehrverletzenden Breivik-Vergleich völlig einerlei ist, wenn es in meinen randständigen Essays nur um Literatur geht und in meiner Lyrik nichts, aber auch gar nichts zu finden ist, was selbst der linkeste Redakteur als „rechts“ entlarven wollte. Aber dennoch lassen es linke Redaktionen allzu gern durchgehen, wenn ein konkreter mißliebiger Autor als potentieller Möchtegern-Mörder verunglimpft wird. Dieselben Redaktionen würden andererseits schon ausrasten, läsen sie den Begriff „Farbiger“ irgendwo in historisch bedingt anderer Konnotation.

Die Linke wirkt verunsichert

Ich finde, man sollte nicht jammern; man sollte schon gar nicht – wie mir vielfach geraten – Advokaten bemühen, die sich um rechtliche Versachlichungen kümmern. Das alles hieße den Kopf feige zum Nackenbiß beugen. Nein, man sollte die Anwürfe aufrecht hinnehmen, um seinen eigenen Anspruch, das erarbeitete Niveau und überhaupt die Gelassenheit zu bewahren, eine souveräne Haltung, die das Nachdenken, Schreiben und Urteilen erst ermöglicht – klaren Blicks erkennend, was politisch so möglich ist, wenn man die Linke irgendwie stört, und sei es nur mit literarischen Themen, von denen man meint, daß sie gar nicht gelesen würden. – Mancher Schmutz wird so giftig und mit so viel Effet geworfen, daß man ihn sich als Orden anheften sollte.

Die Linke erscheint mir sehr empfindsam und dauererregt. Eine „Wachturm“-Gesellschaft im Wortsinn. Warum eigentlich? Gerade jenes Völkchen, das sich dort rein emotional und ohne jeden weltanschaulichen Hintergrund einordnet, wirkt enerviert, hochnervös und hyperkinetisch, einerlei, worum es gerade geht. Unter Faschismus-, Nazi-, Breivik-Vergleichen macht sie es offenbar nicht. Die dauerbetroffene und auf „den Nazi“ wie fixierte Mitte folgt diesem Gebaren. Dabei griff ich gar keinen linken Protagonisten an, verhielt mich nicht mal inkorrekt gegenüber den von links eifernd besetzten Themen. Im Gegenteil: Weil mir das Feuilleton zusagt, veröffentlichte ich nicht nur „rechts“, sondern in Blättern, die die Linke goutieren dürfte. Ist sie so verunsichert, daß sie dermaßen ausholt?

Zufälle von Entwicklungen: Der JW-Autor Kai Pohl und ich sind gleichaltrig. Wir wuchsen sogar im gleichen DDR-Bezirk auf. Kurios, daß ich in den Achtzigern als Oberschüler recht rege in der Jungen Welt Gedichte veröffentlichte, die damals freilich noch eine andere Zeitung war. Ob Herr Pohl seinerzeit ebenfalls etwas schrieb oder nur so im FDJ-Hemd unterwegs war, weiß ich nicht. Vielleicht hätten wir einander begegnen können. Auf meine kurze nachfragende Zuschrift, inwiefern sie den von ihm genutzten Breivik-Vergleich für angemessen halte, reagierte die Redaktion nicht, wohl aber der Autor, nachdem die Website vermutlich korrigiert wurde:

„Habe keinen Vorwurf erhoben, sondern nur zitiert“

„der ‘Möchtegern-Breivik’ ist nicht meine schmähung; ich entnahm ihn ihrem text „‘Martin Mollnitz’ oder Kleines Toleranzstückchen“, der auf der website sezession.de veröffentlicht ist. in meiner rezension ist der begriff daher auch als zitat gekennzeichnet, mit dem dazugehörigen autor der schmähung in klammern. den begriff habe ich verwendet, um die drastik der debatte darzustellen, die sie mit ihrer polemik zur lage der lyrik, die der freitag im mai vergangenen jahres abdruckte, losgetreten haben.

ich habe keinen vorwurf gegen sie erhoben, sondern aus den gegen sie erhobenen vorwürfen zitiert. das ist doch ein nicht unwesentlicher unterschied. den sinn einer zeitschriftenrezension sehe ich überhaupt nicht darin, irgendjemanden zu diffamieren. ich habe lediglich einige tatsachen zusammengeführt, deren deutung ich den lesern überlassen muß.“

Ein von mir online auf der JW-Netzseite plazierter Kommentar, so überlegt wie kollegial, wurde wie erwartet nicht veröffentlicht.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles