Studientag der deutschen Sprache

Der Tag der deutschen Sprache, den wir heute begehen, bietet Gelegenheit zu der Frage, wie es denn um das Deutschwissen des akademischen Nachwuchses bestellt ist. Schließlich werden die Studenten von heute die Sprache von morgen prägen. Da immer mehr Studiengänge nur noch auf englisch angeboten werden, müßte zu erwarten sein, daß die deutschen Studienanfänger mit hervorragenden Deutschkenntnissen an die Universitäten kommen. Denn nur wer seine Muttersprache ausgezeichnet beherrscht, bringt die Voraussetzung dafür mit, die Fähigkeit zu erwerben, sich auch in einer Fremdsprache wissenschaftlich ausdrücken zu können.

Diese Erwartung wird jedoch von der Wirklichkeit enttäuscht. In jüngster Zeit zeigten mehrere Rückmeldungen aus verschiedenen Hochschulen und Fakultäten, daß die Deutschkenntnisse der Studenten alles andere als gut sind. Vielmals sehen sich die Hochschulen dazu gezwungen, das Wissen, das die Gymnasien nicht mehr vermitteln, nachzuholen.

Selbstdarstellung statt Sprachbeherrschung

Der Bayreuther Literatur-Professor Gerhard Wolf etwa, ehemaliger Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages, führte im vergangenen Herbst an 135 geisteswissenschaftlichen Fakultäten in 62 deutschen Universitäten eine Umfrage zur Studierfähigkeit durch. Das Ergebnis war erschütternd: Vielen Studienanfängern mangelt es an grundlegenden Sprachkenntnissen.

Wolf stellt fest: „Wir müssen erkennen, daß die Sprachbeherrschung zugunsten von Medienbeherrschung und Techniken der Selbstdarstellung zurückgegangen ist. Deswegen sind nicht wenige Studienanfänger mit den formalen Ansprüchen der Textorganisation überfordert. Die Schulen vermitteln nicht mehr die wesentlichen Kulturtechniken.“ Der erschreckende Befund: „Generell besteht eine mangelnde Fähigkeit, selbständig zu formulieren, zusammenhängende Texte selbständig zu schreiben und unterschiedliche Stilregister zu bedienen.“ An anderer Stelle beklagt Wolf, daß viele Studenten kaum noch einen Gedanken im Kern erfassen und Kritik daran üben können.

„Aber Sie wissen doch, was ich meine“

An der Universität Kassel hat der „Kompetenzbereich Deutsche Sprache“ seit 2009 fast 1.000 Studienanfänger geprüft, wie gut sie wissenschaftliche Texte verfassen und verstehen können. Er kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Wissenschaftssprache bereitet vielen Studenten große Schwierigkeiten. Hinzu kommen Unsicherheiten bei Rechtschreibung, Grammatik, Zeitformen und Kommasetzung. Der Schreibstil ist häufig zu umgangssprachlich und nicht den wissenschaftlichen Ansprüchen angemessen. Auf Sprachmängel angesprochen, erwiderten viele Studenten den Professoren: „Aber Sie wissen doch, was ich meine.“ Dr. Karin Aguado vom Institut für Sprache an der Universität Kassel macht die Rechtschreibreform dafür verantwortlich, daß die Orthographie-Kenntnisse der Studenten dramatisch abgenommen haben.

Winfried Thielmann, Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und Prodekan der Philosophischen Fakultät an der TU Chemnitz bestätigt diese Erfahrungen und weist auf die Ursachen hin: „Wie ich selbst nachgewiesen habe, ist es bereits in der Grundschule so, daß Schülern komplexe sprachliche Leistungen abverlangt werden, für deren Verständnis aber weder die Kategorien noch die Erklärungen mitgeliefert werden. … Ich habe den Eindruck, daß eine Schulsituation, in der Einsicht und Verstehen nicht gefragt sind, weil man ja in der – völlig unsinnigen – Pisa-Studie international bestehen will, den Schülern die Neugierde systematisch austreibt, was für ein Land, das von Innovation lebt, fatal ist.“

Reformeritis als Quelle des Übels

Wie konnte es zu diesem Mißstand kommen, wo doch an den Schulen eine heilversprechende Reform die nächste jagt? Genau das ist das Problem: Es gibt zu viele und zu schlecht vorbereitete Reformen. Nähme man einen Teil dieser Schulreformen zurück, stünde man sicherlich besser da. Doch eine Rücknahme von Reformen ist in unserem Bildungssystem nicht vorgesehen. Geht eine Reform daneben, wird nichts zurückgenommen. Statt dessen wird verschlimmbessert. Die Bildungspolitik muß hierzulande erst ganz andere Maßstäbe entwickeln, um diesem Teufelskreis zu entkommen.

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