Schwabenzüge

„Fromme und tüchtige Leute …“ waren es, die vor zwei Jahrhunderten dem Ruf des russischen Zaren folgten, um Bessarabien zu besiedeln, jenes Gebiet zwischen Pruth und Dnjestr am Schwarzen Meer, das er soeben den Osmanen abgenommen hatte. Gleich mehrere Jubiläen erinnern in diesem Jahr an die wechselvolle Geschichte der Volksdeutschen in Südosteuropa.

1812 erging das Edikt Zar Alexanders, das deutschen Siedlern – aus dem Gouvernement Warschau und aus Südwestdeutschland – weitreichende Privilegien versprach, wenn sie seine brachliegenden und weitgehend entvölkerten neuen Lande am Schwarzen Meer wieder besiedelten. Zwei Jahre später kamen die ersten Kolonisten und begründeten die rund eineinviertel Jahrhunderte währende Siedlungsgeschichte der Bessarabiendeutschen.

Ein Jahrhundert zuvor, 1712, hatte die Anwerbung von Siedlern aus dem übervölkerten Südwesten Deutschlands für die wüsten Teile des mittelalterlichen Ungarn begonnen, die die Feldzüge des Prinzen Eugen der Krone Habsburg zurückgewonnen hatten. Von Ulm aus zogen die Donauschwaben in ihre neue Heimat im Banat, in der Batschka und in der „Schwäbischen Türkei“. Schon im Mai hat die alte Freie Reichsstadt an das 300jährige Jubiläum des Beginns der „Schwabenzüge“ erinnert.

Fromme und tüchtige Leute

Ob unter der Krone Ungarn oder im Reich des russischen Zaren: Die meist schwäbischen Kolonisten – in Kroatien, Ungarn oder Serbien wird die Bezeichnung „Schwabe“ noch heute synonym für „Deutscher“ gebraucht –, die heute häufig mit dem Modeterminus „Migranten“ belegt werden, waren loyale Untertanen ihrer neuen Herren, die unter Opfern und Entbehrungen – „den ersten der Tod, den zweiten die Not, den dritten das Brot“ – den Wohlstand ihrer neuen Heimat mehrten. Der oft beschworene „Bezug zu heutigen Migrationsbewegungen“ darf an dieser Stelle gerne mal zu Ende gedacht werden.

„Fromme und tüchtige Leute…“ ist auch die Ausstellung betitelt, die noch bis zum 28. September im Stuttgarter Rathaus über die Bessarabiendeutschen informiert, bevor sie in andere Städte weiterzieht. Kuratorin Ute Schmidt, Privatdozentin an der FU Berlin, deren kundige und lesenswerte Geschichte der Bessarabiendeutschen soeben in zweiter Auflage erschienen ist, schlägt den Bogen von der Anwerbung über die schrittweise Rücknahme der kaiserlichen Privilegien – die Rücknahme der Befreiung von der Wehrpflicht trieb in den 1870ern viele Bessarabiendeutsche zur Emigration in die USA –, von der Beinahe-Deportation 1917 über Groß-Rumänien und das Ende der Siedlungsgeschichte in Folge des Hitler-Stalin-Pakts 1940 bis in unsere Tage.

Erwachendes Interesse an dem Schicksal der Volksdeutschen

Wie in einem Brennglas kristallisiert sich das Schicksal in dem Kinder-Sonnenschirmchen, das eine wohlhabende Tante 1940 ihrer kleinen Nichte zum Abschied aus Bessarabien kaufte und das die Odyssee von der Ansiedlung im Warthegau und die Deportation in die kasachische Steppe bis zur Heimkehr in die schwäbische Heimat der Vorfahren überstanden hat.

Bemerkenswert ist das wiedererwachende Interesse der einstigen Heimatländer an ihren verlorenen südosteuropäischen Volksdeutschen: Der erste Impuls zur Ausstellung ging von einem moldawischen Geschichtsmuseum aus, in der Hauptstadt Kischinau, in der Bukowina und in Kiew wurde und wird sie ebenfalls gezeigt.

Wer sich für das Schicksal dieser vergessenen deutschen Volksgruppe aus dem Gebiet der heutigen Republiken Moldawien und Ukraine interessiert, sollte die Ausstellung, das Buch von Ute Schmidt und einen Besuch im Haus der Bessarabiendeutschen im Stuttgarter Osten nicht versäumen.

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