Kebab mit alles

Nach nicht so praller Woche mal ein Abend vor der Glotze. Zeitsprünge aus einer Zukunft, in der es keine wildlebenden Tiere mehr gibt, zur Dinosaurier-Safari in die Kreidezeit, und was alles passieren kann, wenn einer danebentritt – kein schlechter Grundgedanke („Science Fiction“ ist das philosophische Populär-Genre unserer Tage), versinkt aber allzu schnell im Action-Klamauk.

Ein tschechischer Spielfilm über das Schicksal einer blonden „Grétka“ (die Schauspielerin hat tatsächlich einen tschechisierten deutschen Namen), die zwecks Rasseveredelung im „Lebensborn“ von SS-Männern geschwängert werden soll – im Ernst: Genieren die sich eigentlich nicht, derlei abgeschmackte Sex&Nazi-Versatzstücke aus der amerikanischen Schwarzpropaganda für den einfach strukturierten GI heute wie historische Fakten zu verticken? Und hat man in der Tschechei keine eigenen dunklen Kapitel, deren filmischer Aufarbeitung man sich widmen könnte?

Später dann doch noch auf eine anschaubare Produktion gestoßen: „Kebab mit alles“, eine vom österreichischen Fernsehen und arte produzierte, offiziell zugelassen „politisch inkorrekte“ Multikulti-Komödie vom letzten Dezember, die sich die Kollateralschäden der Landnahme durch Einwanderung vornimmt: Herr Stanzerl, in einem Wiener Türkenviertel Patron des letzten österreichischen Kaffeehauses mit dem passenden Namen „Prinz Eugen“, leistet Widerstand gegen den neuen Hauseigentümer Mustafa Öztürk, der in seinem Traditionslokal ein anatolisches Edelrestaurant eröffnen will.

Nöte der überfremdeten Autochthonen

Was durchaus mit Sympathie für die Nöte der überfremdeten Autochthonen daherkommt – Stanzerl und seine Spezln nehmen listenreich wie Asterix und sein gallisches Dorf die Fehde auf, die in einem Duell der Nationalhymnen zwischen k.u.k.-Blasmusik und türkischem Großclan gipfelt – löst sich am Ende dann doch konventionell-liberal: Stanzerl und Öztürk raufen sich zusammen, nachdem sie erkannt haben, daß ihre gemeinsamen Feinde „die da oben“  sind – der korrupte Lokalpolitiker, der betrügerische Voreigentümer, ein Graf natürlich, der beide reinzulegen versucht hat, der örtliche türkische Mafiapate.

Das geht natürlich nur, weil der Herr Öztürk ein kultivierter und sanfter Ausnahmetürke ist, der auf der Straße nicht rumflucht, Schafeschlachten auf dem Balkon abscheulich findet und Frau und Tochter weder offenes Haar noch kurze Röcke verbietet. „Wenn Miteinander nicht möglich ist und Gegeneinander zu nichts führt, dann wenigstens ein respektvolles Nebeneinander“ – man ahnt, daß die „Message“ der Macher in real existierenden Türkenvierteln, wo die Verschleierten nicht nur einmal in neunzig Minuten kurz an der Kamera vorbeihuschen, sondern das Straßenbild prägen, halt doch nicht so glatt funktioniert wie im Drehbuch.

Subtile Propaganda

Also doch wieder Propaganda, nur subtiler. „Das ‘Wir sind alle Brüder’ glaubt uns doch keiner mehr“, hat „Stanzerl“-Darsteller Andreas Vitásek erkannt. Und ein bisserl die Dümmeren sind die Einheimischen halt dann doch – Kabarettist Vitásek über seine Figur, die mit dem leibhaftig gewordenen Feldherrn-Gemälde in seinem Gastraum redet: „Es taucht Prinz Eugen auf und gibt dem Herrn Stanzerl Ratschläge, wie er gegen die Türken vorgehen kann. Daß eine Figur auftaucht, die schon längst tot ist – spricht dafür, daß der arme Herr Stanzerl einen Verfolgungswahn hat und auch nicht mehr ganz dicht ist.“

Teilen und Verzichten müssen sie also lernen, die verstockten Einheimischen, sonst sind sie von vornherein abgemeldet. Da stimmt einen die Komödie dann doch wieder melancholisch.

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