Joachim Kuhs

 

Das Schaf im Wolfspelz

Man kann über Christian Wulff vieles sagen. Nur ausgerechnet das, was gegenwärtig überall nach seinem Rücktritt als Bundespräsident zu lesen ist, genau das eben nicht. Wulff sei kein würdiger Repräsentant dieses Staates, dieses Landes und seiner Menschen gewesen, so wird ihm vorgeworfen. Doch das stimmt nicht. Für das Deutschland der Gegenwart ist er die nahezu vollkommene Verkörperung gewesen.

Denn Wulff war ein würdiger Repräsentant der Deutschen. Ihre charakterlichen Neigungen, in ihm finden wir sie gespiegelt. Da wäre beispielsweise die aus Unsicherheit geborene Gefallsucht, die den Deutschen so eigen ist. Sei immer nett und artig, auch zu deinen Feinden, dann sind sie auch nett und artig zu dir. Es ist nicht nur Wulffs, sondern das Lebensmotto einer ganzen Nation.

Gewiß, als die Bild-Zeitung Wulffs Streben nach Harmonie nicht länger unterstützte, da war er schon etwas verärgert, was in dem legendären Telefonat mit Bild-Chef Kai Diekmann zum Ausdruck kam. Aber als Journalisten den zur Strecke gebrachten Politiker nachts vor seinem Häuschen abpaßten, da strahlte er schon wieder in die Kameras mit aller Naivität, die dem Deutschen zur Verfügung steht.

Denn was Naivität betrifft – man könnte auch sagen Blödheit – sind die Deutschen unübertroffen. Wer nüchtern Wulffs Rede zum Tag der deutschen Einheit liest, kann nur den Kopf über die hier zutage tretende Ahnungslosigkeit schütteln. „Der Islam gehört zu Deutschland“ – eigentlich meinte Wulff hier etwas im Sinne seiner Heile-Welt-Politik: Haltet euch alle lieb an den Händen fest, dann wird das schon.

Der deutsche Musterschüler als nützlicher Idiot

Und als Islamfunktionäre die Aussage erfreut für ihre Zwecke instrumentalisierten, da wehrte sich der deutsche Musterschüler nicht. Im Gegenteil, begeistert vom Jubel und dem ganzen Zungenschnalzen machte er mit. Aufrichtig enttäuscht war Wulff, als er in seiner Rücktrittsrede bedauernd feststellen mußte, daß nun nicht er auf der „wichtigen Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt“ sprechen wird. Gibt es überhaupt noch andere?

Wulff mag daher ein Idiot, aber ein nützlicher Idiot gewesen sein. Entsprechend groß ist das Wehklagen. „Mit Christian Wulff ist ein Bundespräsident zurückgetreten, der insbesondere bei Muslimen viele Sympathiepunkte genoß“, heißt es beispielsweise beim Generalsekretär der radikalislamischen Gemeinschaft Milli Görüs, Oguz Ücüncü. Jaja, so wird es sich wohl auch anhören, wenn der letzte Deutsche von der politischen Bühne abgetreten und das Hauen und Stechen um sein Erbe angebrochen ist. War doch eigentlich ein netter Kerl, die blonde Bestie.

Warum mußte Wulff dann gehen, wo er doch alles richtig machte? Weil er die orientalische Lebensweise zu früh ausgelebt hat? Kam es dadurch zur Konfrontation mit der deutschen Presse? Wer das ernsthaft behauptet, der hat hierzulande noch nie Journalisten bei der Arbeit beobachtet. Denn was hier an Korruption und Verlogenheit gelebt wird, übertrifft Wulffs kleine Backschisch-Welt bei weitem. Warum dann der Haß, mit den über ihn hergefallen wurde?

Ganz einfach. Wulff war eben tatsächlich ein würdiger Repräsentant dieses Staates, dieses Landes und seiner Menschen. Er war unser aller Spiegelbild. Das ganze Kleinliche, Niedrige und durch und durch Erbärmliche, was hinter diesem moralinsauren Geschrei steckt, in dem das Land ersäuft – Wulff hat fleißig mitgemacht und uns dadurch unbeabsichtigt den Spiegel vorgehalten. Und was wir gesehen haben, es hat uns einfach angeekelt. Der Haß auf Wulff, es ist der deutsche Selbsthaß in Variation.

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